Was ist für uns Erfolg?

Was ist für uns Erfolg? Manchmal haben wir eine überholte Vorstellung davon, wie wir unser Leben gestalten wollen und was für uns Erfolg oder Meisterschaft oder ein glückliches Leben ist. Gelegentlich braucht es ein Update. Früher, als ich noch Fernsehmoderatorin war, war Erfolg einfach definiert: Jede Menge Anfragen, interessante Sendungen,  viele Zuschauer, gesellschaftliche Anerkennung, gesicherte Finanzen, begeisterte Presse – das war dann Erfolg. Dann, als ich spirituelle Lehrerin wurde, empfand ich Erfolg plötzlich als zweigeteilt: Meine eigene erfolgreiche persönliche Entwicklung und eine erfolgreiche Unterstützung für andere in deren Entwicklung. Und auch da hat sich viel getan. Dazu brauchte es schon vor Jahren ein update: Ich war früher darin investiert, ob das, was ich vorschlug, auch gemacht wurde. Ihr kennt das wahrscheinlich auch ;-). Heute liegt ein großer Fokus darin, nur dann Rat zu geben, wenn er auch angefragt wird. Ob die/derjenige das dann macht oder nicht macht, geht mich schlichtweg nichts an. Es ist nicht mein Leben und damit auch nicht meine Entscheidung.

Immer mal wieder habe ich revidiert was „Erfolg“ ausmacht. Immer wieder nachgeforscht was es JETZT braucht. Wie es sich JETZT anfühlt und nicht vor zwanzig Jahren. Vor kurzem hörte ich im Radio von einer Umfrage von Teenagers (leider habe ich sie nicht gefunden) was sie werden wollen und da gab es eine Überproportion von „Models“ und „berühmt werden“ und „reich werden“.

In Zeiten von Instagram, Facebook, Snapchat u.ä. wird die Außenwirkung noch stärker wahrgenommen. Ich habe eine private und eine berufliche Facebook-Seite. Auf meiner privaten sind Familienmitglieder, enge Freunde und nur Menschen, die ich auch im richtigen Leben treffe. Oft hat man bei den Fotos, die man von Anderen auf Facebook sieht, den Eindruck, dass viele ein entspanntes Leben aus Urlaub, tollem Essen und netten Haustieren führen. Und doch kenne ich die andere Seite, denn ich bin mit meinen privaten Facebookfreunden eben auch richtig befreundet und das was berührt, herausfordert, mitnimmt, wird selten für alle Welt zu sehen auf Facebook geteilt.

Erfolg war in meinem Leben früher ebenfalls enorm von Außen definiert. Komme ich an? Mag man mich? Bekomme ich die Anerkennung, die ich mir wünsche? Wie sind die Kritiken? Selbst als ich anfing spirituelle Bücher zu schreiben – und damals vor 25 Jahren kam das einem beruflichen Suizid gleich – wünschte ich mir trotzdem Anerkennung von außen. Natürlich möchte man als Autorin, dass jemand die Bücher liest, die man schreibt und doch weiß ich, dass ich sie auch schreiben würde, wenn ich die einzige wäre, die sie liest. Warum? Weil sie mir gut tun. Weil sie mir helfen meine Gedanken zu ordnen. Weil Schreiben immer auch eine Form des persönlichen Ausdrucks und der inneren Klarheit ist.

Gerade heute fühle ich mich sehr erfolgreich und es ist erst 11.40 Uhr. Ich habe mir ein freiberufliches Leben erschaffen, dass immer mal wieder seine Herausforderungen hat und doch mir die Freiheit meiner Zeit gibt. Für mich ein wichtiges Kriterium. So kann ich mich – manchmal vergesse ich das allerdings kurzfristig (lach) – immer mal wieder fragen, was ich denn jetzt tun möchte und nicht automatisch mit einem „was ich denn jetzt tun MUSS“ ersetzen. Klar gibt es Dinge, die erwarten, von mir erledigt zu werden. Aber muss das gerade jetzt sein? Ich arbeite sehr gerne Abends. Ich liebe die Stille und die Dunkelheit draußen. Ich erfreue mich an der Kerze, die an meinem Schreibtisch brennt und ich genieße die Ungestörtheit. Dafür kann ich tagsüber – wie heute – die Sonne genießen und mit meinem neuen Kopf aus Ton in den Garten gehen und daran weiterarbeiten. Kurz danach auf meiner Darbuka den neuen Rhythmus üben.


Fühlen wir uns erfolgreich? Und wenn nicht, warum nicht? Gibt es da eine Karotte, die vor uns hin und her wedelt und die gar nichts mit uns, aber alles mit der Gesellschaft/den Nachbarn/den Eltern/den anderen auf Facebook/ der Werbung zu tun hat?
Deshalb die Frage, die wir uns stellen können: „Was ist Erfolg für mich?“

Dazu braucht es Stille. Kontemplation. Zeit zum Forschen. Zum Schreiben. Zum Nachdenken. Gespräche am Küchentisch oder beim Spazierengehen mit Familie und Freunden:

  • „Was ist Erfolg für Dich?“
  • „Was ist es nicht?“
  • „Fühltest Du Dich in Deinem Leben schon mal so richtig erfolgreich?“
  • „Wann nicht?“
  • „Was war Erfolg für Dich vor 20 Jahren (je nach dem wie alt die Gesprächspartner sind ;-)?“
  • Und die wichtigste Frage: „Was ist Erfolg für Dich heute?“

Sich als erfolgreich wahrnehmen, könnte ja auch nur damit etwas zu tun haben: Wir sind mit dem Leben, das wir uns erschaffen haben, zufrieden. Das Foto zu dem Blogbeitrag zeigt früher und heute recht anschaulich. Erfolg war für mich früher beruflicher Erfolg. Sonst nichts. Alles andere, das in meinem Leben gelang, war nett und angenehm, wurde aber von mir nicht als Erfolg wahrgenommen: Das ich gesund war. Das ich enge Freunde hatte. Meine Kreativität. Meinen Mut usw.

Heute ist für mich Erfolg, wenn zum Beispiel der Kopf an dem ich arbeite, so gelingt, dass er mir gefällt. Gerade beschäftige ich mich damit, mir meine Gehirn-Loops (also wiederkehrende Gedanken, die sich irgendwie festbeißen) aus meinem Sein komplett zu entfernen. Das gelingt gerade sehr gut und so bin ich glücklich mit meinem eigenen Erfolg.

Ein erfolgreiches Leben mag für jeden von uns etwas anderes sein. Vielleicht ist es ja Zeit für ein „update“?

 

„Wie viele Deiner Teilnehmerinnen hast Du schon verführt?“

Ihr Lieben,

das wäre eine Frage, von der ich mir wünsche, dass sie viel öfter gestellt wird. Wann und warum? Hier vielleicht: Einer dieser angeblichen weisen, spirituellen Lehrer zeigt mal wieder sein Interesse an einer attraktiven Frau. Tief in ihr meldet sich ihre Intuition, denn sie ist zum Lernen und nicht zum Flirten gekommen. Aber da gibt es auch die Freude über die Beachtung und dass sie von so einem großen Meister, so einem bekannten/berühmten Lehrer überhaupt wahrgenommen wird. Sie wird überschüttet von Aufmerksamkeiten, Nähe und Bevorzugung. Andere Schüler/Schülerinnen müssen zurückbleiben, während sie mühelos im „inneren Kreis“, im inneren Circle in der Nähe des Meisters sein darf. Ab und zu zieht er sich strategisch zurück, um Ihre Sehnsucht nach mehr zu wecken und ihre Sorge zu vergrößern, dass sie doch nicht wichtig sei (während er höchstwahrscheinlich mit einer anderen beschäftigt ist). Dann meldet er sich wieder und ihr wird gesagt, dass er sie vermisst hätte, sie etwas ganz Besonderes sei; dass er auf sie gewartet habe und dass es so wichtig wäre, sie an seiner Seite zu wissen, bei der großen Aufgabe, die noch auf ihn wartet. Er würde sie durch besondere Methoden zur Erleuchtung führen und nein, dass sei kein Sex, sondern etwas Heiliges, das nur er als Meister beherrscht.

Doch dann hält diese Frau inne, erspürt ihre Intuition, bemerkt ein Zögern in ihr und betrachtet die Situation von Außen und erkennt folgendes: Ein Mensch in einer stärkeren Position versucht sie benutzen, weil sie sich gerade in einer schwächeren, schutzloseren Position befindet. Er braucht Bewunderung und sie gibt sie ihm. Sie braucht Aufmerksamkeit und er gibt sie ihr. Sie ahnt plötzlich, dass sie weder die Erste noch die Einzige ist, die das volle Aufmerksamkeitsprogramm bekommt. Das wäre jetzt der passende Moment für die Frage:

„Wie viele Deiner Teilnehmerinnen, Deiner Schülerinnen hast Du schon verführt?“

Vielleicht überrascht ihn die Frage? Vielleicht wacht er auf? Vielleicht erkennt er, dass er narzisstische Tendenzen in sich trägt und den Ehrenkodex von Lehrern/Therapeuten/Ärzten vergessen oder nie ernst genommen hat? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht droht er ihr aber auch. Sagt, dass sie eben spirituell noch nicht annähernd so weit sei, wie er gedacht habe. Und das sie das noch bereuen wird, denn er hat andere Mittel und Wege…

Doch die Frau erkennt auf jeden Fall, dass dies nicht die große Liebe, nicht der Seelenverwandte und schon gar nicht der Lehrer ist, den sie gerade sucht.

Süddeutsche Zeitung am 11. August: Ein großer Bericht über einen spirituellen buddhistischen Lehrer, Sogyal Lakar, der den Weltbestseller „Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“ geschrieben hat. Acht langjährige SchülerInnen haben einen offenen Brief mit schwerwiegenden Anschuldigungen geschrieben. Der Vorwurf: Gewalt. Sexueller Missbrauch. Exzessiver Lebensstil. In der SZ war zu lesen: „Hinter den vergoldeten Kulissen dieses sehr erfolgreichen Betriebs sieht es anders aus. Mitarbeiter bezeugen, sie seien von ihrem Chef blutig geprügelt worden, junge Frauen berichten, sie seien unter dem Vorwand, es würde ihrer schnelleren Erleuchtung dienen, zu sexuellen Dienstleistungen gedrängt worden. Außerdem habe es den Zwang gegeben, mit allen Mitteln Spenden einzutreiben.“ Über den Link oben könnt Ihr den ganzen Brief lesen.

Die Hingabe zum Guru ist (war?) nicht nur im Buddhismus gewollt. In der katholischen Kirche ist der Papst der Vertreter Gottes und es war ein Akt von Gotteslästerung Entscheidungen von ihm in Frage zu stellen. Seit Jahren erschüttern uns Informationen über den sexuellen Mißbrauch der Kirchenvertreter – und deren konsequente Verheimlichung.

Der Dalai Lama hat in einem Interview (link) folgendes gesagt: „Die Institution des Gurus sei von einem feudalen System beeinflusst worden, das überholt ist und beendet werden muss“. Danach sagte er: „Du sollst nicht sagen „Was mein Guru sagt, das muss ich machen. Das ist komplett falsch! Buddha sagt: Was ich lehre, muss von Dir (SchülerIn) überprüft werden. Egal wer etwas sagt: Du musst es überprüfen!“

Dem kann ich mich nur anschließen.

In früheren Zeiten gab es den Unterschied zwischen Wissenden und Unwissenden. Der Adel konnte lesen und war frei. Alle anderen waren es nicht. Ein Priester wusste um Gott, alle anderen waren Unwissende. Das indische Kastensystem – das selbst Gandhi nie in Frage stellte – zeigt noch heute von den starren damaligen Hierarchien.

Immer wieder höre und lese ich von spirituellen Lehrern/Gurus/Therapeuten/Priestern, die ihren Schwanz nicht unter Kontrolle halten können. Entschuldigt das Wort. Aber hier geht es nicht um achtsame Sexualität, um Zärtlichkeit, um Nähe – von Liebe oder angeblicher Hilfe zur Erleuchtung ganz zu schweigen. Hier geht es um Gier, um arrogante Lust und um ein Machtgefühl von „schau mal wen ich alles kriege!“. Narzissten verführen und benutzen Frauen, um sie dann auszutauschen. Und dafür ist Schwanz das richtige Wort. Er wedelt ohne Sinn und Verstand und auf jeden Fall ohne jede Fürsorge und Respekt. (Und damit tue ich jedem Tier unrecht – denn die wedeln aus purer Freude.) Außerdem gibt es wohl einige sexuelle Praktiken, in der von „zölibatär“ gesprochen wird, wenn der Mann nicht ejakuliert. Da würde ich ja etwas ganz anderes darunter verstehen.

Doch warum fallen Frauen darauf rein?

Die meisten sind in einer Krise und suchen Unterstützung. Da gibt es ein Buch, ein Video, eine Meditation, eine Gruppe, die sie berührt. Da ist die Gemeinschaft, die einen warmherzig aufnimmt, die versteht und bei der man sich endlich angekommen fühlt. Da ist der Lehrer, der öffentlich geachtet wird, der eine große Anhängerschaft hat, der doch immer so nett, so mitfühlend, so weise und so sympathisch rüber kommt.

So viele Leute können sich doch nicht irren, oder?

Doch.

So entstehen ungesunde Kults. Da gibt es ein Außenbild und ein Innenbild. Und die passen nicht immer zusammen. Von konstanter Bewunderung nicht beeinträchtigt zu werden, ist eine Herausforderung für jeden Lehrer und jede Lehrerin.

Es gibt auch einen Kult der Ärzte

Ärzte und Psychologen, die in Workshops und Therapiesitzungen MDMA (Ecstasy) und LSD zur „Erleuchtung“ und „Bewusstseinserweiterung“ benutzen. Sabine Bundschu, eine begnadete Musikerin, die ich vor zwei Jahren kennenlernte, erzählte mir von ihren Erfahrungen als Aussteigerin um den Schweizer Psychiater Dr. Samuel Widmer, der hunderte von „Psycholyse Therapeuten“ ausgebildet hat. Dabei werden diese Drogen umbenannt, sie heißen jetzt einfach nur „Sakramente“. Ein Trip heißt „Meditation“. Psycholyse – Klingt ja auch sehr offiziell und wichtig. Kein Wunder, dass man sich beruhigter so jemanden anvertraut. Er ist ja schließlich Arzt und muss es wissen…

Die Teilnehmer müssen übrigens vorher schwören, dass sie das Geheimnis ihrer Bewusstseinserweiterung bewahren (auch vor der Polizei) – und wenn nicht, „wird ihnen etwas Schreckliches passieren“. Auch so passiert nichts Gutes. Alles was künstlich nach oben kommt, muss wieder runter. Und um den Aufprall abzufedern, wird gleich wieder etwas an Drogen nachgelegt. So beginnt eine Spirale, die nicht zur Erleuchtung, aber zur Abhängigkeit führt. Und das ist nicht nur eine Drogenabhängigkeit, sondern auch in eine Abhängigkeit von der Gemeinschaft und vom Guru.

„Ich war lange Jahre Teil der „Psycholyse Bewegung“ um den Psychiater Dr. Samuel Widmer, der übrigens in diesem Jahr an den Folgen seiner eigenen Therapie verstorbenen ist,“ erzählt Sabine Bundschu. „Er versammelte besonders viele Ärzte und Akademiker um sich. Sein Lehrer  Manuel Schoch ist direkt auf einer Drogensitzung verstorben („ins Licht gegangen“). Widmer hielt sich für die Verkörperung der Liebe auf Erden. Und wenn zu dem Charisma des narzisstisch gestörten Gurus auch noch Drogen wie MDMA, LSD, Psillocybin, 2CB etc. dazukommen, verfällt man dem besonders leicht.“

Sabine leitet selbst Seminare und auf einem Taketina-Seminar durfte ich sie kennenlernen. Da wir kurz vorher beide für einen Fernsehsender zum Thema „Falsche Heiler“ interviewt wurden, erkannten wir uns wieder. Sie erzählte mir von ihrem Schlaganfall im Drogenrausch und wie sie die anderen Teilnehmer 55 Stunden liegen ließen, weil sie glaubten „das Böse müsse raus“.

In den „Ausbildungs“-Gruppen lernt man, dass jedes körperliche Symptom Ausdruck einer psychischen Störung ist.

Damit wird jede natürliche Abwehr des Körpers als krankhaft und minderwertig dargestellt und wenn man das glaubt, ist man natürlich enorm manipulierbar. Wenn sich Leute im Drogenrausch übergaben, Krämpfe bekamen, dann war „die psychische Störung“ der Grund – und man ließ die Leute einfach liegen. Es kann natürlich auch noch einen zusätzlichen Grund geben: Bloß nicht ins Krankenhaus, sonst kommt das hier alles raus. Als Sabine aber nach über zwei Tagen immer noch nicht „normal“ war und dann endlich ins Krankenhaus kam, hielt sie sich noch in der Intensivstation an ihren Eid und verheimlichte, welche Drogen sie gerade zu sich genommen hatte. Die Ärzte, die sie dort behandelten, wussten nicht um die Vorgeschichte. Ein enorm großes Risiko für die weitere Behandlung.

Sabine erzählt: „Wie immer bei Kult/sektenartigen Vereinen geht es weniger um den Inhalt, der ist eigentlich austauschbar. Die Prinzipien des Verlaufs sind immer gleich: Es wird die Sehnsucht nach Nähe, Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Besonderheit bedient. Die kognitiven Dissonanzen lernt man mit der Zeit auszugleichen und umzudeuten (wie in einer ungesunden Beziehung). Wenn etwas Gutes passiert, ist die „Lehre“ oder der Vertreter derselben verantwortlich, wenn etwas schief geht, ist man „selber schuld“. Man wird in den Sog eines empathielosen, psychopathischen Narzissten hereingezogen und hält sich selbst für nicht gut genug. Du kennst ja die Geschichte vom Frosch: Wirft man ihn in kochendes Wasser, springt er sofort heraus. Wenn er aber in kaltem Wasser auf kleiner Flamme erhitzt wird, merkt er es nicht und stirbt.“

Sie ist noch rechtzeitig rausgesprungen und möchte auf ihrer website https://www.kultaussteiger.de/ vor diesen Gruppen warnen und andere dabei unterstützen ebenfalls rauszuspringen, die Scham zu überwinden und darüber zu sprechen.

Suchende geben manchmal kurzfristig (oder auch langfristig) ihre Verantwortung ab. Sie sind vielleicht zu diesem Zeitpunkt zu schwach, zu erschöpft, zu müde um zu kämpfen. Sie wollen sich in Arme sinken lassen, die verständnisvoll sind. Und ja, das sind sie auch. Aber eben nicht nur.

Von umarmen bis streicheln und dann verletzen ist manchmal kein weiter Weg …

Wenn man sich vorher verloren und verlassen gefühlt hat, sich aus ganzem Herzen spirituelles Wachstum und Frieden wünscht, dann möchte man auf jeden Fall an dieser gerade erlebten Zugehörigkeit festhalten. Wo soll man denn sonst hin? Die Freunde und die Familie hat man längst verlassen (müssen) und man hat manchmal Jahre in dieser Gemeinschaft verbracht. Man kennt außerhalb dieser Gemeinschaft kein Leben mehr. Jemand der schlägt, ist gleichzeitig auch der einzige der Zuwendung gibt und manchmal eben auch Nahrung und ein Zuhause. Das ist übrigens ein ähnlicher Weg wie Frauen zur Prostitution gezwungen werden.

Ja, manchmal ist es ist auch verlockend, die eigene Verantwortung abzugeben. Sich in einem sicheren Hafen zu wähnen. Manche sehnen sich zurück nach „perfekten“ Eltern. Sehnen sich nach Führung. Nach jemanden, der ihnen sagt, was sie tun und was sie machen sollen und so geben sie erleichtert und bereitwillig ihre eigene Stärke und ihre eigene Macht ab.

Warum? Oft sind es Kindheitsdramen, die da wirken. Befürchtungen, nicht gut genug zu sein. Erschöpft zu sein von den hunderten von Entscheidungen und gelähmt von der Angst „etwas falsch zu machen“. Manchmal ist der Grund der innigste Wunsch, die Welt „retten“ zu wollen und sich einer Gemeinschaft anzuschließen, bei der man sich endlich, endlich zugehörig fühlen kann und bei der man sich auch besonders fühlen kann.

Wenn man dann länger in dieser Gemeinschaft ist und Dinge beobachtet, die doch so gar nicht erleuchtet, entwickelt oder anständig sind, werden darüber alle Augen entsetzt zugemacht, die eigene Intuition abgewürgt und verzweifelt gehofft, dass sich doch alles irgendwie  zum Guten wendet. Man „begreift“ eben das System nicht, glaubt nicht genug, ist noch nicht weise genug. Und wenn man das über Jahre beobachtet, kommt diese fatale Erkenntnis hinzu, dass man doch jetzt nicht aufhören kann, denn sonst hätte man so viel Zeit seines Lebens einer Bewegung gewidmet, die es nicht wert war…

Der Wunsch nach Zugehörigkeit ist es schwieriges Terrain. In erster Linie geht es um die eigene Zugehörigkeit. Bin ich in der Lage alleine mit mir glücklich zu sein? Erst wenn ich das bin, bin ich ein/e wunderbarer TeilnehmerIn für eine Gemeinschaft. Denn ich erfreue mich an der Gemeinschaft, aber ich brauche (!) sie nicht. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch – natürlich braucht jeder von uns andere Menschen. Wir würden eingehen, wenn wir unser ganzes Leben ohne menschliche Nähe verbringen müssten. Aber wenn wir uns einer Gemeinschaft anschließen, weil wir uns nicht trauen alleine Entscheidungen zu treffen, alleine zu leben, alleine mit uns selbst zu sein, dann fehlt ein entscheidender Schritt in unserem Wachstum: Nämlich die Bereitschaft Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen und die Erkenntnis unseres Selbstwertes. Und natürlich darf eines nicht unterschätzt werden: Oft wendet sich jemand an einen spirituellen Lehrer oder eine spirituelle Lehrerin in Zeiten größter innerer Schmerzen und erwartet, erhofft ehrenhafte Unterstützung. Diesen Moment der Schwäche auszunützen ist erschütternd.

Als ich den Artikel in der Süddeutschen Zeitung las und dann anschließend den Original-Brief im Internet fand (siehe link oben), fiel mir am Schluss neben den Namen eine Zahl auf: Schüler seit 19 Jahren, Schüler seit 33 Jahren, Schüler seit 23 Jahren.

Ich glaube, dass man einen Meister nicht an der Zahl seiner Schüler, sondern an den Meistern erkennt, die daraus hervorkommen. Warum will jemand überhaupt Schüler haben, die 33 Jahre über den Status nicht herauskommen? Ein Lehrer schickt seine Schüler nach einer Weile weg. Wie ein Vogel aus dem Nest fliegt, so muss auch ein Schüler seinen eigenen Flug entdecken. Immer beim Lehrer zu bleiben, zwingt ihn in die Schüler-Position. Warum würde man das als Lehrer, als Lehrerin wollen?

Ich schätze meine Lehrer und meine Lehrerinnen. Die meisten, von denen ich lernte, waren wunderbar und sehr ehrenhaft. Manche allerdings waren es nicht. Ich hatte die eine oder andere LehrerIn, die eher manipulierten, als unterstützten, die ihre eigenen blinden Flecken nicht sahen, die der Bewunderung ihrer SchülerInnen nicht standhielten und sich selbst nicht mehr in Frage stellten. Und zugegeben, das ist nicht leicht. Auch in meiner Arbeit gab es immer wieder Momente, wo ich merkte, dass ich aufpassen muss. Dass es da eine bestimmte Bewunderung gab, die mit einer roten Warnflagge kommt: HALT! Da ich diese Herausforderung bei meinen ersten LehrerInnen beobachten konnte, versprach ich mir damals, genau aufzupassen. Deswegen habe ich mich über die letzten 25 Jahre immer mal wieder für lange Zeiten zurückgezogen, so dass ich dieser Gefahr, dieser Verführung, dieser Bewunderung nicht nachgebe.

Spirituelles Lehren ist wie jedes andere Lehren auch: Jemand, der Erfahrungen gemacht hat, möchte dies weitergeben. Im besten Fall an kluge SchülerInnen. Das ist kein Eltern-Kind Verhältnis. Das ist kein Meister-Idiot Verhältnis. Das lässt sich mit dem Verhältnis eines Handwerkers zu seinem Lehrling vergleichen: Der letztere hat das Talent, aber es fehlt ihm die Erfahrung. Der Meister hat die Erfahrung und weiß, dass der Lehrling nicht dümmer ist als er. Wie eine warmherzige und inspirierende Musiklehrerin, die in ihrer Schülerin die zukünftige Virtuosin sieht. Und sie möchte diesen Weg für sie leichter machen.

Das ist ehrenhaftes Lehren.

Alles andere ist Manipulation. Alles andere ist der Wunsch sich über jemand anderen zu stellen. Alles andere ist das Ergebnis von einem schwachen Selbstbewusstsein, dass mit der Bewunderung anderer aufgefüllt werden muss.

In meinem Buch „Die Sehnsucht unserer Seele“ schrieb ich im Vorwort:

„Es ist einfacher, sich einer der traditionellen Glaubensgemeinschaften anzuschließen. Feste Regeln. Eine Richtung. Viele, die schon mitmachen. Gesellschaftlich anerkannt. Und doch unterschätzen wir die männliche Autorität, die diesen Religionen vorsteht und die uns seit Jahrtausenden sagt, was wir zu glauben und wie wir zu leben haben. Gerade die weibliche Seite – immerhin die Hälfte der Weltbevölkerung – findet dort keinen gleichwertigen Platz. Viele sind in Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempeln, weil sie die Gemeinsamkeit schätzen, in vielem aber den Regeln und Vorgaben nicht zustimmen. Wir können erahnen, was es wirklich bedeuten würde, wenn alle Religionen ihre Macht und ihren Anspruch auf Unfehlbarkeit ablegen würden. Sind wir selbstständig genug, erwachsen genug, interessiert genug, um uns selbst zu fragen, was wir glauben? Es fordert mehr persönlichen Einsatz, wenn man sich seinen Glauben basierend auf seinem eigenen Weltbild, seinen eigenen Erfahrungen und seiner eigenen Intuition zusammenstellt. Was glaube ich? Was glaube ich nicht? Was macht für mich Sinn? Was kann ich wie integrieren? Was möchte ich weitergeben?“

 

Ein guter Lehrer hat keine Schüler die ertrinken, sondern die schwimmen lernen wollen. Ein guter Lehrer, eine gute Lehrerin führt nicht, sie begleitet.

Wir alle haben in uns die Möglichkeit zur Meisterschaft. Das ist nicht nur einigen von uns gegeben, sondern wir alle – wenn wir denn wollen – können uns entwickeln. Und ja, es ist wunderbar, wenn es dazu Unterstützung gibt. Nur geht es nicht darum, so viel Schüler wie möglich zu versammeln, um in deren Bewunderung zu baden. Jeder von uns ist Schüler und Meister zugleich. Es gibt Bereiche, in denen wir weiter sind als in anderen Zweigen. Und das schwingt gelegentlich erstaunlich kräftig hin und her. Manchmal können wir es selbst kaum glauben, dass ein Bereich sind wieder auftut von dem wir geglaubt haben, dass wir ihn schon lange hinter uns gelassen haben. Tja, so ist das mit dem Leben und seinen Überraschungen.

Alles was wir tun, sollte durch den Filter unserer eigenen Wahrnehmung, unserer eigenen Intuition laufen. Und wenn wir ein komisches Gefühl haben, ist es enorm praktisch und empfehlenswert stehen zu bleiben und erst mal nachzuschauen WARUM wir uns da gerade komisch fühlen. Abhängigkeit zu einer anderen Person ist nie eine gute Idee. Und ich sage hier mit Absicht „nie“, obwohl ich das Wort sehr selten benutze.

Wenn ich von solchen Manipulations- und Missbrauchsfällen höre und lese, erspüre ich eine Mischung aus Zorn und Schmerz. Das ist keine Einteilung in Gut und Böse. Es ist allerdings eine Einteilung in ehrenhaftens Verhalten und unehrenhaftes Verhalten.

„Nicht bewerten“ heißt für mich, nachvollziehen zu können, warum jemand diesen Weg gegangen ist. Ob es nun derjenigen/diejenige ist, die das iniziiert, oder diejenige/derjenige ist, die das mit sich machen läßt. Ich bin der Meinung bestimmte Wege  müssen energisch und klar verneint werden. Trotzdem möchte ich Verständnis dafür haben. Für mich bedeutet Nicht-Bewerten nicht gleichzeitig gleichgültig sein.

Es ist wichtig, dass wir darüber nicht schweigen. Diese sexuellen Manipulationen und Vergewaltigungen brauchen unser Nein. Sie leben durch die Unterdrückung, machen weiter durch die Scham der Beteiligten und vermehren sich durch das Geheimnis.

Diese Praktiken wollen keine Öffentlichkeit – sie bevorzugen die Dämmerung.

In unseren Händen liegt der Lichtschalter …

 

Von Herzen,

Sabrina Fox

 

PS: Ich las vor einer Weile das Buch von Joel Alstad und Diana Kramer: „Die Guru Papers. Masken der Macht.“ Gibt es auch auf Englisch. Ich fand es sehr interessant.

Sabine Bundschu empfiehlt: „Traumatic Narcissism – Relational Systems of Subjugation“ von Daniel Shaw.