Der innere Schweinehund

„Bei dir schaut das aber so einfach aus!“ Der junge Mann war erstaunt, als ich ihm erzählte, dass mir Disziplin nicht leicht fällt. Wenn es etwas zu erledigen oder zu tun gibt, dann erspüre ich häufig eine innere Faulheit, ein Gefühl von: „Muss das jetzt sein?“ Und dann gibt es in mir ein erwachseneres Selbst, ein intelligenteres Selbst, das mir sagt, dass das jetzt gerade wichtig ist.

Ich erzählte ihm, dass ich früher selten etwas fertig gemacht habe. Ich dachte, ich bin ein guter Initiator, aber für den Rest, für das „fertig machen“ nicht wirklich geeignet. Ich entschuldigte mich damals damit, dass das meine Persönlichkeit sei und dass ich jemand bräuchte, der dann die Dinge, die ich initiierte, auch fertig machte. So suchte ich nach dem geeigneten beruflichen „Partner/in“ – doch es kam niemand.

In meinen Zwanzigern, versprach ich häufig Dinge, die ich nicht hielt: „Ich rufe dich später an“, war am nächsten Morgen vergessen. „Ich schicke dir das Buch“, ebenfalls. Nun ja, es war nicht ganz vergessen. Da gab es eine kleine Stimme, die mich an mein Versprechen erinnerte und ich versuchte sie ruhig zu stellen, in dem ich es auf morgen verschob. Aber der Morgen kam und ging und nichts passierte. Meistens erinnerte ich mich siedend heiß eine Woche später an mein Versprechen, aber dann versuchte ich mich damit zu beruhigten, dass es jetzt wirklich schon zu lange her sei und der Andere es bestimmt/hoffentlich auch vergessen hatte. Dummerweise blieb aber ein komisches Gefühl in der Magengegend zurück. Ein Gefühl, dass ich nicht wirklich verlässlich sei.

Als ich mit dreißig Jahren heiratete, merkte ich relativ schnell, dass ich einen Lehrmeister im Einhalten von Versprechen geheiratet hatte. Er war – trotz aller Verliebtheit – schockiert darüber, dass ich es nicht tat. „Hast Du schon soundso zurückgerufen?“ frage er mich mehrmals und ich stammelte irgendeine Entschuldigung. Wenn er sagte, er würde jemandem ein Buch schicken (und das war damals noch weit vor einfachen Internet-Bestellungen, sondern erforderte einen Gang zum Buchladen und zur Post) dann war es am nächsten Tag unterwegs. Es dauerte ein paar Jahre bis ich es auch lernte. Aber ich lernte es durch sein Vorbild.

Ich merkte, dass es bei mir zwei Gründe gab, warum ich etwas nicht erledigte:

  • Manchmal wollte ich es eigentlich nicht: Ich hatte etwas zugesagt – vielleicht vorschnell und nicht richtig überlegt – und bedauerte das. Leider korrigierte ich es nicht. Zum Beispiel mit einem: „Tut mir leid, aber das wird mir gerade zu viel. Ich schaffe das zeitlich nicht.“
  • Manchmal war ich zu faul.

Als ich verstand, dass ich selbst die Sachen fertig machen sollte, die ich anfing und die Versprechen halten sollte, die ich gab, begann ich sorgfältiger mit meiner Auswahl zu werden. Ist das einfach nur eine interessante Idee (und von denen habe ich viele) oder ist das etwas, das ich bis zur Fertigstellung begleiten möchte? Natürlich hat jedes Projekt auch seine zählen Momente, aber hält das Projekt meine Aufmerksamkeit genug, um es auch bis zum Ende durch zu ziehen? Genauso wie ein Versprechen eben auch Zeit braucht, die ich zur Verfügung stelle. Bin ich dazu bereit oder nicht?

Wahrscheinlich bin ich im Tiefsten meines Herzens ein fauler Mensch. Und das hat auch immer etwas mit dem Haushalten unserer Energiereserven zu tun. Das Gehirn ist darauf programmiert nicht unnötig Energien auszugeben. Es könnte ja ein Säbelzahntiger vorbei kommen und dann brauchen wir alle Energie, die wir aufbringen können.

Jeden Morgen wenn ich Yoga mache, sagt mir eine kleine Stimme: „Ach, wirklich? Es ist doch gerade so gemütlich ohne. Lass uns doch Yoga heute mal ausfallen.“ Und ich lächle, erkläre mir, dass auch heute kein Säbelzahntiger vorbeikommen wird und dann lege ich die Yogamatte aus … denn ich weiß, das tut mir gut. Und das ist es, was ein aufmerksameres, intelligenteres Leben ausmacht: Ich begreife die zukünftigen Ergebnisse meiner jetzigen Entscheidungen. Also wenn ich weiterhin beweglich bleiben will, ist es praktisch jeden Tag etwas dafür zu tun. Wenn wir verstehen, dass unser innerer Schweinehund eigentlich ein „Energiespar-weil-Säbelzahn-Tiger-kommen-könnte“-Modus ist, dann fällt es uns vielleicht ein bißchen leichter …

 

 

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