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GASTBEITRAG – Barfuß wandern … und Barfuß verlaufen in den Snowy Mountains

Lisa von TravelistMe (www.travelistme.com) hat mir geschrieben und von einer Ihrer Reisen erzählt. Übrigens, sie geht zu ca. 80% barfuß. Lisa hat also nicht einfach ihre Schuhe ausgezogen und ist zum Wandern gegangen. Das wäre dann doch ein bisschen zu viel für die ungeübten Füße ;-). Schaut gerne auch mal auf Ihre website. Sie liebt ungewöhnliche Reisen. Vielleicht Ihr ja auch. Danke fürs Schreiben, liebe Lisa.

„Barfuß wandern … und Barfuß verlaufen in den Snowy Mountains

Mount Kosciuszko ist mit seinen 2228 m der höchste Berg Australiens und macht die Snowy Mountains zu den australischen Alpen. Der höchste Berg Australiens gehört zu jedem Work and Travel Year dazu …. aber Barfuß? Bei einem so „kleinen“ Gebirge wie diesem sollte es ja keinerlei „Probleme“ geben. Doch es sollte anders kommen…

Nachdem ich anstatt 5 Uhr doch lieber erst 7:30 Uhr aufgestanden war, begab ich mich nach einem ausgiebigem Frühstück auf den Weg (8 Uhr). Von Woodridge aus (einem Ortsteil von Thredbo) lief ich entlang des „Merritts Nature Track“ entgegen der Spitze. Der Aufstieg war steil, er kreuzte einige Male die Schotterstraße, führte entlang eines Flusses und durch den Wald, der die Hänge des Gebirges säumt. Ich muss zugeben, dass es schon eine Herausforderung war hier barfuß hoch zu stacksen. Der nasse Boden weichte meine Füße auf und der Schotter rieb sie mir dann wund….

Der Waldbrannt von 2003 – der große Teile des Nationalparks vernichtet hatte – hatte zwischen all den grünen lebhaften Bäume, die seitdem versuchen den Berg wieder mit Leben zu füllen, tote Baumgerippe hinterlassen. Knochenartig und spitz ragten sie empor und verliehen dem Flussgeplätscher und Vogelgesang einen trügerischen Ausdruck. Ein verwunschener Wald in dem rau und sanft aufeinander treffen.

lisa travelIstMe barfuss snowy mountains

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Nach 1h 45 min Barfußlaufen, war ich auf 1930 m Höhe angekommen und damit am Ende des Sesselliftes… Ja du hast richtig gehört, es gibt einen Sessellift und der wurde auch von den meisten Menschen bevorzugt gewählt. Nur die Deutsche läuft doch tatsächlich den Wanderweg und das auch noch ohne Schuhe! Mit entsetzten Mienen und Fassungslosigkeit blickten mir die vermeintlich „hartgesottenen“ Australier hinterher, die in voller Bergausrüstung aus dem Sessellift stiegen.

Während unzählige Mountainbiker bergab an mir vorbei sausten machte ich meine erste Pause. Ich genoss den Ausblick des noch wolkenfreien Himmels. Nun ja … es war windig wie Hölle und dadurch eisig kalt – dennoch lief ich glücklich weiter dem gepflasterten „Wanderweg“ bergauf. …Was? Gepflastert? Ich glaube ich träume? Seit wann sind denn Wanderwege in den Bergen gepflastert? Anscheinend fährt man hier nicht nur Links sondern pflastert auch Wanderwege….

Ich fand es schon irre komisch, dass man etwas gepflastertes überhaupt Wanderweg nenne durfte =D . Ich kapitulierte vor der Kälte und zog mir schließlich eine lange Hose an. 11:58 Uhr erreichte ich den Gipfel … zusammen mit einer Horde anderer Touristen. Leider war die Wanderung nicht so einsam verlaufen, wie ich gehofft hatte. Statt verrückte 7 – 9 Stunden Aufstieg (Angabe des Infomaterials) hatte ich knappe 4 Stunden gebraucht (mit Pausen) um von ganz unten nach ganz oben zu gelangen….

Nicht lange und die Kälte kroch wieder in meine Kleidung. Außerdem hatte ich noch die Hälfte des Tages übrig, weshalb ich mich kurzer Hand dazu entschied dem „Main Range Walk“ zum „Blue Lake“ zu folgen. Dann wollte ich zum Ende des „Charlotte Pass“ laufen um einen Lift zurück nach Thredbo zu bekommen. Soweit der Plan.

Wanderweg

Jetzt wurde der Weg auch tatsächlich zu einem Wanderweg der teilweise mit kleinen Bächen überflutet war. Die Touristen verschwanden allmählich und allein genoss ich das Gefühl der Einsamkeit und unendlichen Weite um mich herum. Der Boden war recht steinig, trotzdem sehr angenehm zu laufen. Bäume gab es hier oben keine mehr, nur noch bunte Wiese, Blumen und Bergseen. Es sah wunderschön aus … verzaubert irgendwie.

In dieser unglaublichen Stille kreuzten nur vereinzelt andere Wanderer meinen Weg während langsam graue Wolken aufzogen. Etwas besorgt – ich wusste wie schnell das Wetter umschlagen konnte – lief ich bestimmt und zügig weiter. Ich stellte mir vor, wie es wäre nur mit Rucksack und Zelt bepackt durch unberührtes Gebirge zu laufen … ganz allein … abgeschnitten von jeglichem menschlichen Kontakt, ohne Musik, nur ich und meine Gedanken… und dann auch noch barfuß 😀 .

Wiesen aus Bergblumen in Weiß, Silber, Rostrot, Orange zusammen mit Gras in allen Tönen, das zwischen rauen Steinen hervor ragte lenkten meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich erreichte den „Blue Lake“ 15:22 Uhr zusammen mit zwei Bulgaren, die sich im eisigen Wasser ein Bad gönnten. Als sie mich sahen und meine blanken Füße musste ich lachen. Alle sahen wir uns gegenseitig an, als seien wir verrückt. Auf steinigem Boden Barfußlaufen, in eiskalte Bergseen springen …. warum sollte sich jemand so etwas antun? Ganz einfach, weil es sich großartig anfühlt! Es folgte ein verständnisvoller Blick beiderseits und wir widmeten und wieder ganz uns.

Ich beschloss den wunderschönen, tiefblauen See samt Bulgaren hinter mir zu lassen. Ich folgte einem Trampelpfad bergab entlang des Flusses. Ich glaubte, dass dieser Pfad zurück zum Hauptwanderweg führen würde und stapfte freudig los… Es war das schönste was ich jemals gesehen hatte. Über all waren kleine Seen, die durch kleine Flüsse verbunden waren. Ab und an kleine Wasserfälle und alles war übersät mit Blumen und buntem Gras. Immer weiter und weiter führte mich der Weg, doch irgend wie kam ich einfach nicht mehr zum Hauptweg zurück. Und so lief ich … überquerte einen Fluss indem ich von Stein zu Stein sprang … dann einen zweiten, dessen Strömung eindeutig zu stark war um hindurch zu laufen. Und nun … nun war ich im Nirgendwo.

Verlaufen?

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Kein Weg, nicht einmal ein kleiner Pfad war mehr zu sehen. Ich stand mitten im Gesträuch. Um mich herum Berge und keine Menschenseele. Der Himmel war in zwischen mit grauen Wolken verhangen, meine Haut hatte einen leichten Sonnenstich und der eisige Wind wurde rauer. Ich war allein, oder zumindest konnte ich nicht sehen, ob auf der anderen Seite des Berges Menschen waren. So weit konnten sie zumindest nicht weg sein. Ich entschloss mich also dazu einfach nach rechts weiter zu laufen, da ich in dieser Richtung den Pfad vermutete. Also im Zirkel um die Bergspitze herum. Die Sträucher wurden höher und dichter, bis sie mir zur Hüfte reichten und so dicht waren, dass ich irgendwie darüber hinweg klettern musste, während ich immer wieder in sie einbrach. Hier musste ich mir nun endlich eingestehen, das es Zeit wurde, Schuhe zu tragen. Der Boden war voller Dornen und überseht mit Löchern. Teilweise waren es Behausungen von Erdhummeln und teilweise nicht…. Ich zog mir also Flip-Flops an und nickte zufrieden über meine erwachsene Entscheidung. Nun ja wenn ich jetzt darüber nachdenke kann ich auch nur mit dem Kopf schütteln, kann mir aber ein amüsiertes Lachen nicht verkneifen. Natürlich hätten mich die Flip-Flops genauso wenig geschützt wie das Barfußlaufen, es war einfach nur angenehmer. Erst nach einiger Zeit viel mir auf, dass ich weder Spinnen noch Schlangen sehen könnte, falls welche da wären und platz zum Ausweichen hatte ich auch nicht …

Inzwischen hatte ich einen Bergkamm überquert und dennoch war kein Weg in Sicht.
32 Kilometer war mein Wanderweg lang, doch kein Ende weit und breit.

Langsam tröpfelte Panik durch mich hindurch, obwohl mir mein logisches Denken sagte, dass der Weg nicht weit weg sein konnte. So lief ich weiter. Minuten zogen sich unangenehm in die Länge und Momente fühlten sich an wie Stunden… Ein zweiter Bergkamm folgte. Als ich über einige große Felsen kletterte bemerkte ich Blut an meinen Füßen. Ich hatte ganz vergessen, dass ich nur mit Flip-Flops unterwegs war. Als ich schon, etwas missmutig, fast dabei war um zu kehren entdeckte ich plötzlich etwas Graues im Hintergrund. Von weitem sah es aus wie ein Fluss, aber es könnte auch ein Weg sein. Aufgeregt lief ich immer schneller werdend dem vermeintlichen Weg entgegen und tatsächlich … ich wurde belohnt und stand urplötzlich wieder auf dem Hauptwanderweg, welcher von hohen Büschen verdeckt worden war.
Welch ein Glück!

Und ihr werdet jetzt sicherlich lachen wenn ihr hört, dass dieser „Ausflug“ abseits der Pfade, der sich wie ein ganzer Tag anfühlte, in Wirklichkeit nur 1h & 35 min gedauert hatte. 1h & 35 Minuten klingen kurz, aber wenn du glaubst, du hast dich verlaufen und zweifelst an deiner Orientierung, dann wird eine Stunde zu einer Unendlichkeit. Ich folgte also dem Pfad. Immer weiter bergab laufend dem Charlotts Pass entgegen, als plötzlich hinter mir das Auto des Wildlife Rescue-teams auftauchte. Sie hatten sich den ganzen Tag um die Flora gekümmert und traten nun ihren Rückweg an. Deshalb also die guten Wege. Damit die Parkranger mir ihren Vierradantrieben hier entlangfahren konnten.

Glück

Und wieder einmal hatte ich Glück, denn sie sammelten mich auf und brachten mich nicht nur nach Jindabyne, sondern gaben mir auch noch einen Lift nach Thredbo. Dabei bemerkten sie nicht einmal mein fehlendes Schuhwerk. Erleichtert darüber keine tadelnden Blicke zu ernten gelangte ich 18:44 Uhr und damit noch vor Sonnenuntergang zurück an meinem Auto an.

Was für ein verrückter Tag. Ich bin auf Australiens höchsten Berg rauf, habe mich barfuß verlaufen, um dann doch noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang wieder zu Hause zu sein. Was so viel bedeutet wie, an meinem Van. 32 Kilometer denke ich mir, als ich meine verkratzten Füße versorge. Der Schock und die Panik über das vermeintliche verlaufen sein lassen langsam nach; während draußen die Temperatur auf Null Grad absinkt bin ich bereits im Sitzen eingeschlafen.

Zu aller Ironie träumte ich in dieser Nacht von Schuhen.

Liebe Grüße und ein urkomisches Lachen wünscht euch Lisa von TravelIstMe; einem Reiseblog für die besondere Art von Reisenden. Fühle dich eingeladen dich bei mir um zusehen.“

lisa travelIstMe barfuss snowy mountains

lisa barfuss in den snowy mountains

1 Antwort
  1. Christian
    Christian says:

    Ein wirklich sehr interersannter, Reisebericht, es liest sich, als ob man live dabei gewesen wäre 😉

    Weiterhin angenehmens barfußlaufen, egal auf welchen Kontinent 😉

    Liebe Grüße

    Christian

    Antworten

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