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Freiheit aushalten

Freiheit aushalten

Vor kurzem war ich bei einem Abendessen eingeladen und das Gespräch kam auf Auszeiten. Drei der Gäste träumten beim Nachtisch davon, wie es wohl wäre, sich einmal eine richtige Auszeit zu gönnen. „Die Leichtigkeit des Seins zu erleben“, wie einer es poetisch formulierte, „ohne Termine und ohne Druck“. Der Gesichtsausdruck aller drei schwankte zwischen Sehnsucht, Glückseligkeit und schwärmerischer Vorfreude. Ich dagegen war mir meiner Stirnfalten bewusst. „Es hört sich … hm … leichter an, als es ist.“ Die drei schauten mich an, als ob ich ihnen ihren Nachtisch weggelöffelt hätte. Ja, wie erkläre ich das? Ich hätte es damals auch nicht verstanden. Meine Vorstellungen waren deckungsgleich mit denen der Gäste: So eine Auszeit wird – MUSS! – großartig sein.

Oft hatte ich darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, einen leeren Kalender zu haben. Einmal im Leben wirklich im Moment leben zu können. Morgens aufzustehen und sich zu entscheiden: Wozu habe ich denn eigentlich heute Lust? Würde ich in diesen glückseligen Zustand fallen, in dem angeblich Mönche sind, die in Schweige- oder Zen Klöstern leben? Würde es mir endlich, endlich wirklich gelingen in jeder Sekunde meines Lebens im Moment zu leben?
Würde ich mich dabei für ein völlig neues Leben entscheiden? Vor vierzehn Jahren hatte ich das schon mal probiert, doch da war ich noch aktive Mutter, verheiratet und hatte Tiere, die ebenfalls versorgt werden wollten und ein leerer beruflicher Kalender half da nicht wirklich weiter. Jetzt ist meine Tochter Mitte Zwanzig, lebt und arbeitet in den USA und ein leerer Kalender sieht heute völlig anders aus.
Er ist leer.
Wirklich leer.

Es dauert natürlich erst einmal, bis so ein Kalender leer wird. Ich bin seit dreißig Jahren freiberuflich tätig und darauf angewiesen, Termine zu machen. Meine sind meistens Buchprojekte, Vorträge oder Workshops und die werden ein, zwei Jahre im Voraus geplant. Um einen freien Kalender zu bekommen, musste ich davor über ein Jahr lang „Nein“ sagen. „Nein“ zu allen Anfragen. „Nein“ zu allen Angeboten. „Nein“ zu meinem beruflichen Leben.
Natürlich hatte ich nicht vor Halleluja singend und meditierend in der Nase zu bohren. Ich wollte frei sein. Frei, um meinen ersten Roman ohne Zeitdruck und ohne Abgabetermin fertig zu schreiben. Frei, um in meinem Atelier die Skulpturen zu erschaffen, die sich ergeben würden. Und vor allen Dingen frei für das zu sein, was sich mir anbieten würde. Ich wollte mit offenen Augen in die Welt schauen und JA sagen zu können, wenn mir danach war.

Warum sehnen wir uns nach einer Auszeit? Weil das, was wir tun, eine Pause verlangt. Wir drücken den „Stopp“-Knopf und schauen uns unser Leben an. Manche von uns sind so erschöpft, dass sie einfach nur ein Jahr lang
ausschlafen wollen. Manche sind auf der Flucht vor ihrem Leben und unglücklich mit dem, was sie sich erschaffen haben. Beides war bei mir nicht der Fall. Ich habe vor Jahren gelernt auf mich und meinen Körper zu hören und hatte genügend Freude und Freiraum und betrachtete meine Lebensumstände mit Dankbarkeit. Und doch spürte ich, dass meine Seele diese Pause von mir verlangte.

Eine Pause ist auch immer mit der Frage verbunden, ob wir denn wie bisher weitermachen wollen. Wollen wir NUR eine Auszeit oder brauchen wir eine Veränderung? Ich hatte fast zwanzig Jahre lang Vorträge und Workshops über spirituelles und persönliches Wachstum gehalten und war mir nicht sicher, ob es nicht Zeit war, damit aufzuhören. Es gibt so viele neue Autoren und Autorinnen, die mit einer Begeisterung auf Reisen gehen – was vortragen auch bedeutet – und vielleicht sollte ich Platz machen?

Die erste Zeit in dieser neuen Freiheit war ich gänzlich entspannt und ziemlich neugierig: Was kommt auf mich zu? Ich fühlte mich wunderbar, schrieb an meinem Roman und ging ins Atelier. Ich konnte tagelang im Atelier arbeiten und musste nichts unterbrechen. Noch war dieser Zustand zu neu, als das er mich langweilte. Ich konnte lange schlafen – was ich kaum tue. Ich konnte lange ausgehen – was ich noch weniger tue. Ich konnte plötzlich, ohne auf meinen Kalender schauen zu müssen, meine Tochter besuchen, die in Boston studierte. Ich konnte dort auch so lange bleiben, wie wir beide wollten.

Der Roman zog sich wie Kaugummi. Es gab Wochen, an denen ich nicht daran schrieb. Da gab es zwei Theaterstücke, eines das ich fertig machen wollte und ein anderes, welches auch nicht richtig vorankam. Zur gleichen Zeit erzählte mir eine Freundin von ihrer Mediatoren-Ausbildung und ich hörte in mir ein lautes „Ja.“ Das war das erste „Ja“ seit fast zwei Jahren. Wir trafen uns für die nächsten ein einhalb Jahre alle fünf Wochen für einen viertägigen Workshop, hatten dazwischen Treffen mit den anderen Studenten und ich merkte, wie es mich beruhigte, dass ich wenigstens etwas lernen konnte.

Mein früheres berufliches Leben wurde reduziert. Ich schrieb ab und zu einen Artikel für das Engelmagazin und machte weiterhin meine Seite auf Facebook. Es gab kaum Newsletters. Meine Website wurde nicht erneuert. Ich zögerte die Verbindung ganz zu lösen und fragte mich warum? Schließlich hätte ich mich ja auch ganz zurückziehen können. Warum tat ich es nicht? Mein Verstand, der das erste halbe Jahr entspannt war, fing an sich zu melden. Ich wurde unruhig. Ein paar Monate später bemerkte ich, das ich zwar gelernt hatte im „Jetzt“ zu sein, aber das „Jetzt“ war mir langweilig geworden.

„Langweilig?“, ich höre förmlich Ihren Ausruf. „Langweilig? Wie kann im Jetzt zu leben langweilig sein?“ Es kann. Für jemanden wie mich. Natürlich ist es angenehm. Aber „angenehm“ ist so ähnlich wie das dahinplätschern von einem Bach. Es ist ohne jede Herausforderung, ohne jede Spannung.

Angenehm war mir vertraut. Ich hatte mein Leben vor vielen Jahren umgekrempelt. Ich hatte mich entwickelt. War wacher, reifer, ehrlicher geworden. Die Dramen meiner Kindheit, meines früheren erwachsenen Lebens waren einem klareren Bewusstsein gewichen und dafür war ich dankbar. Ich überlegte mir ernsthaft, ob ich vielleicht mit diesem Leben fertig war. Wenn das jetzt alles war, dieser Bach, der dahinplätschert, dann kann ich auch gehen…
Wenn Sie das lesen, mag das vielleicht deprimiert klingen, aber ich war völlig einig mit mir. Es war nur eine Frage und zwar eine, die nicht aus der Verzweiflung kam. Es ist der gleiche Grund warum man aus einer Badewanne steigt, wenn die Haut schrumpelig wird und das Wasser kalt. Die Zeit darin ist vorbei. War sie es auch für mich? Wenn nur noch der Bach rauscht, ich auf die Enkelkinder warte und noch ein paar Bücher schreibe, dann reicht mir das nicht.

Im Januar schrieb ich im Engelmagazin, dass ich mich fühlte, als würde ich in einem Zug sitzen, der nicht abfährt. Ich habe noch nie so viele Zuschriften auf einen Artikel bekommen. Vielen schien es ähnlich zu gehen. Einige schlugen mir rührenderweise Hilfemöglichkeiten vor. Doch ich habe nicht vor, diesen Zustand abzukürzen. Im „Jetzt“ sein bedeutet auch alles was im Jetzt ist zuzulassen. Es ist wie es ist. Dieser Zustand, in dem ich mich befinde, ist von meiner Seele so gewollt. Er hat eine Nützlichkeit. Ich erkenne etwas dadurch.
Ich will ihn nicht gleich wieder loswerden, nur weil er unangenehm ist. Kurz nach dem Zug-Artikel hatte ich eine Meditation in dem ich Zarathustra, einem Meister-Engel und seit vielen Jahren einer meiner Lehrer, vor meinem inneren Auge gegenüber saß. Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen und er stand auf und nahm meine Hand. Seit zwanzig Jahren sitzen wir uns gegenüber und er war noch nie aufgestanden. Wir gingen gemeinsame ein paar Schritte und dann bemerke ich, dass es keinen Boden mehr unter uns gab: Wir flogen!
„Wohin fliegen wir denn?“ fragte ich ihn.

„Wir fliegen! Reicht dir das nicht?“ antwortete er.

Ein Ruck ging durch meinen Körper. Oh mein Gott! Es reichte mir nicht! Das wurde mir schlagartig klar. Ich musste über mich selber lachen: Typisch Sabrina! So auf ein Ziel trainiert, dass sie das fliegen nicht bemerkte. Und ich war gleichzeitig erleichtert. Mir wurde klar, wie sehr ich Herausforderungen liebe. Ich liebe es Lösungen zu finden. Ich liebe es zu planen. Mir fehlte … ein Ziel. Und das ging mir ab. Körperlich ab. Schmerzlich ab. Frustrierend ab.

Das war vor drei Monaten. Als ich mich vor kurzem mit meinem Steuerberater zusammensetzte, um meine Steuererklärung zu besprechen, bemerkte ich, dass ich mich für die fehlenden Einnahmen vom letzten Jahr schämte. Da wurde mir klar, wie sehr mein inneres Wertegefühl immer noch damit zusammenhängt, ob ich mir meinen Lebensunterhalt verdiene, ob ich nützlich war, ob ich etwas geleistet hatte. Ich verstand jetzt besser, wie es Menschen geht, die ohne bezahlte Arbeit sind. Ich hatte keine Ahnung wie anstrengend das ist.

So eine Auszeit ist immer auch eine Häutung. Wie ein Schlange, die sich an Steinen reibt, um die alte, zu klein gewordene Haut abzustreifen, so reibe ich mich an meinem bisherigen Leben. Dieses Häuten ist nicht einfach. Weder für die Schlange, noch für mich. Ich finde mich in Gefühlszuständen wieder – heiß/kalt, frustrierend/erschöpft, unruhig/irritiert – die ich schon lange nicht mehr in dieser Intensität hatte. Freiheit aushalten ist vergleichbar mit einer zu umfangreichen Speisekarte: Man ist dankbar für die Auswahl, aber es ist schwieriger sich zu entscheiden.

Was habe ich bisher gelernt?

  • Auszeiten haben nichts mit der Wunschvorstellung zu tun.
  • Herausforderungen, Pläne und Spannungen gehören zu einem erfüllten Leben.
  • Ich werde garantiert kein Zen-Mönch.
  • Ich vermisse meinen Beruf, meine Berufung. Und ich werde weitermachen, aber anders.
  • Ein Buch zu schreiben dauert länger, wenn es keinen Abgabetermin gibt.

Mein Zug ist immer noch nicht abgefahren. Aber es ist bald soweit. Ich kann es spüren …