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„Wie viele Deiner Teilnehmerinnen hast Du schon verführt?“

Ihr Lieben,

das wäre eine Frage, von der ich mir wünsche, dass sie viel öfter gestellt wird. Wann und warum? Hier vielleicht: Einer dieser angeblichen weisen, spirituellen Lehrer zeigt mal wieder sein Interesse an einer attraktiven Frau. Tief in ihr meldet sich ihre Intuition, denn sie ist zum Lernen und nicht zum Flirten gekommen. Aber da gibt es auch die Freude über die Beachtung und dass sie von so einem großen Meister, so einem bekannten/berühmten Lehrer überhaupt wahrgenommen wird. Sie wird überschüttet von Aufmerksamkeiten, Nähe und Bevorzugung. Andere Schüler/Schülerinnen müssen zurückbleiben, während sie mühelos im „inneren Kreis“, im inneren Circle in der Nähe des Meisters sein darf. Ab und zu zieht er sich strategisch zurück, um Ihre Sehnsucht nach mehr zu wecken und ihre Sorge zu vergrößern, dass sie doch nicht wichtig sei (während er höchstwahrscheinlich mit einer anderen beschäftigt ist). Dann meldet er sich wieder und ihr wird gesagt, dass er sie vermisst hätte, sie etwas ganz Besonderes sei; dass er auf sie gewartet habe und dass es so wichtig wäre, sie an seiner Seite zu wissen, bei der großen Aufgabe, die noch auf ihn wartet. Er würde sie durch besondere Methoden zur Erleuchtung führen und nein, dass sei kein Sex, sondern etwas Heiliges, das nur er als Meister beherrscht.

Doch dann hält diese Frau inne, erspürt ihre Intuition, bemerkt ein Zögern in ihr und betrachtet die Situation von Außen und erkennt folgendes: Ein Mensch in einer stärkeren Position versucht sie benutzen, weil sie sich gerade in einer schwächeren, schutzloseren Position befindet. Er braucht Bewunderung und sie gibt sie ihm. Sie braucht Aufmerksamkeit und er gibt sie ihr. Sie ahnt plötzlich, dass sie weder die Erste noch die Einzige ist, die das volle Aufmerksamkeitsprogramm bekommt. Das wäre jetzt der passende Moment für die Frage:

„Wie viele Deiner Teilnehmerinnen, Deiner Schülerinnen hast Du schon verführt?“

Vielleicht überrascht ihn die Frage? Vielleicht wacht er auf? Vielleicht erkennt er, dass er narzisstische Tendenzen in sich trägt und den Ehrenkodex von Lehrern/Therapeuten/Ärzten vergessen oder nie ernst genommen hat? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht droht er ihr aber auch. Sagt, dass sie eben spirituell noch nicht annähernd so weit sei, wie er gedacht habe. Und das sie das noch bereuen wird, denn er hat andere Mittel und Wege…

Doch die Frau erkennt auf jeden Fall, dass dies nicht die große Liebe, nicht der Seelenverwandte und schon gar nicht der Lehrer ist, den sie gerade sucht.

Süddeutsche Zeitung am 11. August: Ein großer Bericht über einen spirituellen buddhistischen Lehrer, Sogyal Lakar, der den Weltbestseller „Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“ geschrieben hat. Acht langjährige SchülerInnen haben einen offenen Brief mit schwerwiegenden Anschuldigungen geschrieben. Der Vorwurf: Gewalt. Sexueller Missbrauch. Exzessiver Lebensstil. In der SZ war zu lesen: „Hinter den vergoldeten Kulissen dieses sehr erfolgreichen Betriebs sieht es anders aus. Mitarbeiter bezeugen, sie seien von ihrem Chef blutig geprügelt worden, junge Frauen berichten, sie seien unter dem Vorwand, es würde ihrer schnelleren Erleuchtung dienen, zu sexuellen Dienstleistungen gedrängt worden. Außerdem habe es den Zwang gegeben, mit allen Mitteln Spenden einzutreiben.“ Über den Link oben könnt Ihr den ganzen Brief lesen.

Die Hingabe zum Guru ist (war?) nicht nur im Buddhismus gewollt. In der katholischen Kirche ist der Papst der Vertreter Gottes und es war ein Akt von Gotteslästerung Entscheidungen von ihm in Frage zu stellen. Seit Jahren erschüttern uns Informationen über den sexuellen Mißbrauch der Kirchenvertreter – und deren konsequente Verheimlichung.

Der Dalai Lama hat in einem Interview (link) folgendes gesagt: „Die Institution des Gurus sei von einem feudalen System beeinflusst worden, das überholt ist und beendet werden muss“. Danach sagte er: „Du sollst nicht sagen „Was mein Guru sagt, das muss ich machen. Das ist komplett falsch! Buddha sagt: Was ich lehre, muss von Dir (SchülerIn) überprüft werden. Egal wer etwas sagt: Du musst es überprüfen!“

Dem kann ich mich nur anschließen.

In früheren Zeiten gab es den Unterschied zwischen Wissenden und Unwissenden. Der Adel konnte lesen und war frei. Alle anderen waren es nicht. Ein Priester wusste um Gott, alle anderen waren Unwissende. Das indische Kastensystem – das selbst Gandhi nie in Frage stellte – zeigt noch heute von den starren damaligen Hierarchien.

Immer wieder höre und lese ich von spirituellen Lehrern/Gurus/Therapeuten/Priestern, die ihren Schwanz nicht unter Kontrolle halten können. Entschuldigt das Wort. Aber hier geht es nicht um achtsame Sexualität, um Zärtlichkeit, um Nähe – von Liebe oder angeblicher Hilfe zur Erleuchtung ganz zu schweigen. Hier geht es um Gier, um arrogante Lust und um ein Machtgefühl von „schau mal wen ich alles kriege!“. Narzissten verführen und benutzen Frauen, um sie dann auszutauschen. Und dafür ist Schwanz das richtige Wort. Er wedelt ohne Sinn und Verstand und auf jeden Fall ohne jede Fürsorge und Respekt. (Und damit tue ich jedem Tier unrecht – denn die wedeln aus purer Freude.) Außerdem gibt es wohl einige sexuelle Praktiken, in der von „zölibatär“ gesprochen wird, wenn der Mann nicht ejakuliert. Da würde ich ja etwas ganz anderes darunter verstehen.

Doch warum fallen Frauen darauf rein?

Die meisten sind in einer Krise und suchen Unterstützung. Da gibt es ein Buch, ein Video, eine Meditation, eine Gruppe, die sie berührt. Da ist die Gemeinschaft, die einen warmherzig aufnimmt, die versteht und bei der man sich endlich angekommen fühlt. Da ist der Lehrer, der öffentlich geachtet wird, der eine große Anhängerschaft hat, der doch immer so nett, so mitfühlend, so weise und so sympathisch rüber kommt.

So viele Leute können sich doch nicht irren, oder?

Doch.

So entstehen ungesunde Kults. Da gibt es ein Außenbild und ein Innenbild. Und die passen nicht immer zusammen. Von konstanter Bewunderung nicht beeinträchtigt zu werden, ist eine Herausforderung für jeden Lehrer und jede Lehrerin.

Es gibt auch einen Kult der Ärzte

Ärzte und Psychologen, die in Workshops und Therapiesitzungen MDMA (Ecstasy) und LSD zur „Erleuchtung“ und „Bewusstseinserweiterung“ benutzen. Sabine Bundschu, eine begnadete Musikerin, die ich vor zwei Jahren kennenlernte, erzählte mir von ihren Erfahrungen als Aussteigerin um den Schweizer Psychiater Dr. Samuel Widmer, der hunderte von „Psycholyse Therapeuten“ ausgebildet hat. Dabei werden diese Drogen umbenannt, sie heißen jetzt einfach nur „Sakramente“. Ein Trip heißt „Meditation“. Psycholyse – Klingt ja auch sehr offiziell und wichtig. Kein Wunder, dass man sich beruhigter so jemanden anvertraut. Er ist ja schließlich Arzt und muss es wissen…

Die Teilnehmer müssen übrigens vorher schwören, dass sie das Geheimnis ihrer Bewusstseinserweiterung bewahren (auch vor der Polizei) – und wenn nicht, „wird ihnen etwas Schreckliches passieren“. Auch so passiert nichts Gutes. Alles was künstlich nach oben kommt, muss wieder runter. Und um den Aufprall abzufedern, wird gleich wieder etwas an Drogen nachgelegt. So beginnt eine Spirale, die nicht zur Erleuchtung, aber zur Abhängigkeit führt. Und das ist nicht nur eine Drogenabhängigkeit, sondern auch in eine Abhängigkeit von der Gemeinschaft und vom Guru.

„Ich war lange Jahre Teil der „Psycholyse Bewegung“ um den Psychiater Dr. Samuel Widmer, der übrigens in diesem Jahr an den Folgen seiner eigenen Therapie verstorbenen ist,“ erzählt Sabine Bundschu. „Er versammelte besonders viele Ärzte und Akademiker um sich. Sein Lehrer  Manuel Schoch ist direkt auf einer Drogensitzung verstorben („ins Licht gegangen“). Widmer hielt sich für die Verkörperung der Liebe auf Erden. Und wenn zu dem Charisma des narzisstisch gestörten Gurus auch noch Drogen wie MDMA, LSD, Psillocybin, 2CB etc. dazukommen, verfällt man dem besonders leicht.“

Sabine leitet selbst Seminare und auf einem Taketina-Seminar durfte ich sie kennenlernen. Da wir kurz vorher beide für einen Fernsehsender zum Thema „Falsche Heiler“ interviewt wurden, erkannten wir uns wieder. Sie erzählte mir von ihrem Schlaganfall im Drogenrausch und wie sie die anderen Teilnehmer 55 Stunden liegen ließen, weil sie glaubten „das Böse müsse raus“.

In den „Ausbildungs“-Gruppen lernt man, dass jedes körperliche Symptom Ausdruck einer psychischen Störung ist.

Damit wird jede natürliche Abwehr des Körpers als krankhaft und minderwertig dargestellt und wenn man das glaubt, ist man natürlich enorm manipulierbar. Wenn sich Leute im Drogenrausch übergaben, Krämpfe bekamen, dann war „die psychische Störung“ der Grund – und man ließ die Leute einfach liegen. Es kann natürlich auch noch einen zusätzlichen Grund geben: Bloß nicht ins Krankenhaus, sonst kommt das hier alles raus. Als Sabine aber nach über zwei Tagen immer noch nicht „normal“ war und dann endlich ins Krankenhaus kam, hielt sie sich noch in der Intensivstation an ihren Eid und verheimlichte, welche Drogen sie gerade zu sich genommen hatte. Die Ärzte, die sie dort behandelten, wussten nicht um die Vorgeschichte. Ein enorm großes Risiko für die weitere Behandlung.

Sabine erzählt: „Wie immer bei Kult/sektenartigen Vereinen geht es weniger um den Inhalt, der ist eigentlich austauschbar. Die Prinzipien des Verlaufs sind immer gleich: Es wird die Sehnsucht nach Nähe, Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Besonderheit bedient. Die kognitiven Dissonanzen lernt man mit der Zeit auszugleichen und umzudeuten (wie in einer ungesunden Beziehung). Wenn etwas Gutes passiert, ist die „Lehre“ oder der Vertreter derselben verantwortlich, wenn etwas schief geht, ist man „selber schuld“. Man wird in den Sog eines empathielosen, psychopathischen Narzissten hereingezogen und hält sich selbst für nicht gut genug. Du kennst ja die Geschichte vom Frosch: Wirft man ihn in kochendes Wasser, springt er sofort heraus. Wenn er aber in kaltem Wasser auf kleiner Flamme erhitzt wird, merkt er es nicht und stirbt.“

Sie ist noch rechtzeitig rausgesprungen und möchte auf ihrer website https://www.kultaussteiger.de/ vor diesen Gruppen warnen und andere dabei unterstützen ebenfalls rauszuspringen, die Scham zu überwinden und darüber zu sprechen.

Suchende geben manchmal kurzfristig (oder auch langfristig) ihre Verantwortung ab. Sie sind vielleicht zu diesem Zeitpunkt zu schwach, zu erschöpft, zu müde um zu kämpfen. Sie wollen sich in Arme sinken lassen, die verständnisvoll sind. Und ja, das sind sie auch. Aber eben nicht nur.

Von umarmen bis streicheln und dann verletzen ist manchmal kein weiter Weg …

Wenn man sich vorher verloren und verlassen gefühlt hat, sich aus ganzem Herzen spirituelles Wachstum und Frieden wünscht, dann möchte man auf jeden Fall an dieser gerade erlebten Zugehörigkeit festhalten. Wo soll man denn sonst hin? Die Freunde und die Familie hat man längst verlassen (müssen) und man hat manchmal Jahre in dieser Gemeinschaft verbracht. Man kennt außerhalb dieser Gemeinschaft kein Leben mehr. Jemand der schlägt, ist gleichzeitig auch der einzige der Zuwendung gibt und manchmal eben auch Nahrung und ein Zuhause. Das ist übrigens ein ähnlicher Weg wie Frauen zur Prostitution gezwungen werden.

Ja, manchmal ist es ist auch verlockend, die eigene Verantwortung abzugeben. Sich in einem sicheren Hafen zu wähnen. Manche sehnen sich zurück nach „perfekten“ Eltern. Sehnen sich nach Führung. Nach jemanden, der ihnen sagt, was sie tun und was sie machen sollen und so geben sie erleichtert und bereitwillig ihre eigene Stärke und ihre eigene Macht ab.

Warum? Oft sind es Kindheitsdramen, die da wirken. Befürchtungen, nicht gut genug zu sein. Erschöpft zu sein von den hunderten von Entscheidungen und gelähmt von der Angst „etwas falsch zu machen“. Manchmal ist der Grund der innigste Wunsch, die Welt „retten“ zu wollen und sich einer Gemeinschaft anzuschließen, bei der man sich endlich, endlich zugehörig fühlen kann und bei der man sich auch besonders fühlen kann.

Wenn man dann länger in dieser Gemeinschaft ist und Dinge beobachtet, die doch so gar nicht erleuchtet, entwickelt oder anständig sind, werden darüber alle Augen entsetzt zugemacht, die eigene Intuition abgewürgt und verzweifelt gehofft, dass sich doch alles irgendwie  zum Guten wendet. Man „begreift“ eben das System nicht, glaubt nicht genug, ist noch nicht weise genug. Und wenn man das über Jahre beobachtet, kommt diese fatale Erkenntnis hinzu, dass man doch jetzt nicht aufhören kann, denn sonst hätte man so viel Zeit seines Lebens einer Bewegung gewidmet, die es nicht wert war…

Der Wunsch nach Zugehörigkeit ist es schwieriges Terrain. In erster Linie geht es um die eigene Zugehörigkeit. Bin ich in der Lage alleine mit mir glücklich zu sein? Erst wenn ich das bin, bin ich ein/e wunderbarer TeilnehmerIn für eine Gemeinschaft. Denn ich erfreue mich an der Gemeinschaft, aber ich brauche (!) sie nicht. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch – natürlich braucht jeder von uns andere Menschen. Wir würden eingehen, wenn wir unser ganzes Leben ohne menschliche Nähe verbringen müssten. Aber wenn wir uns einer Gemeinschaft anschließen, weil wir uns nicht trauen alleine Entscheidungen zu treffen, alleine zu leben, alleine mit uns selbst zu sein, dann fehlt ein entscheidender Schritt in unserem Wachstum: Nämlich die Bereitschaft Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen und die Erkenntnis unseres Selbstwertes. Und natürlich darf eines nicht unterschätzt werden: Oft wendet sich jemand an einen spirituellen Lehrer oder eine spirituelle Lehrerin in Zeiten größter innerer Schmerzen und erwartet, erhofft ehrenhafte Unterstützung. Diesen Moment der Schwäche auszunützen ist erschütternd.

Als ich den Artikel in der Süddeutschen Zeitung las und dann anschließend den Original-Brief im Internet fand (siehe link oben), fiel mir am Schluss neben den Namen eine Zahl auf: Schüler seit 19 Jahren, Schüler seit 33 Jahren, Schüler seit 23 Jahren.

Ich glaube, dass man einen Meister nicht an der Zahl seiner Schüler, sondern an den Meistern erkennt, die daraus hervorkommen. Warum will jemand überhaupt Schüler haben, die 33 Jahre über den Status nicht herauskommen? Ein Lehrer schickt seine Schüler nach einer Weile weg. Wie ein Vogel aus dem Nest fliegt, so muss auch ein Schüler seinen eigenen Flug entdecken. Immer beim Lehrer zu bleiben, zwingt ihn in die Schüler-Position. Warum würde man das als Lehrer, als Lehrerin wollen?

Ich schätze meine Lehrer und meine Lehrerinnen. Die meisten, von denen ich lernte, waren wunderbar und sehr ehrenhaft. Manche allerdings waren es nicht. Ich hatte die eine oder andere LehrerIn, die eher manipulierten, als unterstützten, die ihre eigenen blinden Flecken nicht sahen, die der Bewunderung ihrer SchülerInnen nicht standhielten und sich selbst nicht mehr in Frage stellten. Und zugegeben, das ist nicht leicht. Auch in meiner Arbeit gab es immer wieder Momente, wo ich merkte, dass ich aufpassen muss. Dass es da eine bestimmte Bewunderung gab, die mit einer roten Warnflagge kommt: HALT! Da ich diese Herausforderung bei meinen ersten LehrerInnen beobachten konnte, versprach ich mir damals, genau aufzupassen. Deswegen habe ich mich über die letzten 25 Jahre immer mal wieder für lange Zeiten zurückgezogen, so dass ich dieser Gefahr, dieser Verführung, dieser Bewunderung nicht nachgebe.

Spirituelles Lehren ist wie jedes andere Lehren auch: Jemand, der Erfahrungen gemacht hat, möchte dies weitergeben. Im besten Fall an kluge SchülerInnen. Das ist kein Eltern-Kind Verhältnis. Das ist kein Meister-Idiot Verhältnis. Das lässt sich mit dem Verhältnis eines Handwerkers zu seinem Lehrling vergleichen: Der letztere hat das Talent, aber es fehlt ihm die Erfahrung. Der Meister hat die Erfahrung und weiß, dass der Lehrling nicht dümmer ist als er. Wie eine warmherzige und inspirierende Musiklehrerin, die in ihrer Schülerin die zukünftige Virtuosin sieht. Und sie möchte diesen Weg für sie leichter machen.

Das ist ehrenhaftes Lehren.

Alles andere ist Manipulation. Alles andere ist der Wunsch sich über jemand anderen zu stellen. Alles andere ist das Ergebnis von einem schwachen Selbstbewusstsein, dass mit der Bewunderung anderer aufgefüllt werden muss.

In meinem Buch „Die Sehnsucht unserer Seele“ schrieb ich im Vorwort:

„Es ist einfacher, sich einer der traditionellen Glaubensgemeinschaften anzuschließen. Feste Regeln. Eine Richtung. Viele, die schon mitmachen. Gesellschaftlich anerkannt. Und doch unterschätzen wir die männliche Autorität, die diesen Religionen vorsteht und die uns seit Jahrtausenden sagt, was wir zu glauben und wie wir zu leben haben. Gerade die weibliche Seite – immerhin die Hälfte der Weltbevölkerung – findet dort keinen gleichwertigen Platz. Viele sind in Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempeln, weil sie die Gemeinsamkeit schätzen, in vielem aber den Regeln und Vorgaben nicht zustimmen. Wir können erahnen, was es wirklich bedeuten würde, wenn alle Religionen ihre Macht und ihren Anspruch auf Unfehlbarkeit ablegen würden. Sind wir selbstständig genug, erwachsen genug, interessiert genug, um uns selbst zu fragen, was wir glauben? Es fordert mehr persönlichen Einsatz, wenn man sich seinen Glauben basierend auf seinem eigenen Weltbild, seinen eigenen Erfahrungen und seiner eigenen Intuition zusammenstellt. Was glaube ich? Was glaube ich nicht? Was macht für mich Sinn? Was kann ich wie integrieren? Was möchte ich weitergeben?“

 

Ein guter Lehrer hat keine Schüler die ertrinken, sondern die schwimmen lernen wollen. Ein guter Lehrer, eine gute Lehrerin führt nicht, sie begleitet.

Wir alle haben in uns die Möglichkeit zur Meisterschaft. Das ist nicht nur einigen von uns gegeben, sondern wir alle – wenn wir denn wollen – können uns entwickeln. Und ja, es ist wunderbar, wenn es dazu Unterstützung gibt. Nur geht es nicht darum, so viel Schüler wie möglich zu versammeln, um in deren Bewunderung zu baden. Jeder von uns ist Schüler und Meister zugleich. Es gibt Bereiche, in denen wir weiter sind als in anderen Zweigen. Und das schwingt gelegentlich erstaunlich kräftig hin und her. Manchmal können wir es selbst kaum glauben, dass ein Bereich sind wieder auftut von dem wir geglaubt haben, dass wir ihn schon lange hinter uns gelassen haben. Tja, so ist das mit dem Leben und seinen Überraschungen.

Alles was wir tun, sollte durch den Filter unserer eigenen Wahrnehmung, unserer eigenen Intuition laufen. Und wenn wir ein komisches Gefühl haben, ist es enorm praktisch und empfehlenswert stehen zu bleiben und erst mal nachzuschauen WARUM wir uns da gerade komisch fühlen. Abhängigkeit zu einer anderen Person ist nie eine gute Idee. Und ich sage hier mit Absicht „nie“, obwohl ich das Wort sehr selten benutze.

Wenn ich von solchen Manipulations- und Missbrauchsfällen höre und lese, erspüre ich eine Mischung aus Zorn und Schmerz. Das ist keine Einteilung in Gut und Böse. Es ist allerdings eine Einteilung in ehrenhaftens Verhalten und unehrenhaftes Verhalten.

„Nicht bewerten“ heißt für mich, nachvollziehen zu können, warum jemand diesen Weg gegangen ist. Ob es nun derjenigen/diejenige ist, die das iniziiert, oder diejenige/derjenige ist, die das mit sich machen läßt. Ich bin der Meinung bestimmte Wege  müssen energisch und klar verneint werden. Trotzdem möchte ich Verständnis dafür haben. Für mich bedeutet Nicht-Bewerten nicht gleichzeitig gleichgültig sein.

Es ist wichtig, dass wir darüber nicht schweigen. Diese sexuellen Manipulationen und Vergewaltigungen brauchen unser Nein. Sie leben durch die Unterdrückung, machen weiter durch die Scham der Beteiligten und vermehren sich durch das Geheimnis.

Diese Praktiken wollen keine Öffentlichkeit – sie bevorzugen die Dämmerung.

In unseren Händen liegt der Lichtschalter …

 

Von Herzen,

Sabrina Fox

 

PS: Ich las vor einer Weile das Buch von Joel Alstad und Diana Kramer: „Die Guru Papers. Masken der Macht.“ Gibt es auch auf Englisch. Ich fand es sehr interessant.

Sabine Bundschu empfiehlt: „Traumatic Narcissism – Relational Systems of Subjugation“ von Daniel Shaw.

 

 

 

 

Das neue Ich.

Es beginnt mit einem Vergleich. Ja, ich weiß, angeblich sollen spirituelle Leute nicht vergleichen. Aber wir tun es. Alle. Das ist unter anderem die Aufgabe unseres Gehirns. Der Grund? Wir versuchen herauszufinden, ob wir sicher sind. Dazu vergleicht der Verstand uns und unser Leben mit Anderen. Immer und immer wieder. Was wir mit diesem Vergleich anstellen, hängt von dem Grad unserer Bereitschaft nach Wachstum ab. Wollen wir wachsen, werden wir von anderen inspiriert. Trauen wir uns nicht zu, uns zu verändern, werden wir eifersüchtig.

Sind wir Schauspieler in unserem eigenen Leben?

Ich möchte Ihnen dazu gerne ein paar Beispiele geben. Als ich mich vor fünfundzwanzig Jahren für mein spirituelles Wachstum interessierte, traf ich eine Frau, die mir durch ihre Präsenz auffiel. Jaqueline Snyder – mittlerweile verstorben – hatte all das, was ich nicht hatte: Sie war eine zutiefst strahlende Persönlichkeit. Sie war warmherzig, weise, authentisch. Sie hatte eine tiefe, ehrliche Spiritualität und sie war eine großartige Lehrerin: Inspirierend. Humorvoll. Weise. Damals war ich unsicher in meinem Leben, ängstlich darauf bedacht es allen Recht zu machen. Ich war eine Schauspielerin in meinem eigenen Leben, festgefahren in alten Gewohnheiten und Ängsten. Ich dachte, so bin ich eben.
Im Vergleich mit Jaqueline sah ich was mir fehlte. Ich wollte auch so werden. Ich wusste, das ist ein weiter Weg. Sie erzählte uns, wie sie früher war und so erkannte ich an ihr, dass Veränderungen – massive Veränderungen – möglich sind. Ich wusste, das ist ein weiter Weg, aber jetzt hatte ich ein Ziel.

Ich war schon vieles. Ich war lange ein Trampel. Ich stolperte, haute mich an, schlurfte. Jahre später sagte mir eine Frau begeistert, dass sie es toll findet, dass ich mich so elegant bewege. Ich erinnere mich noch, wie verwirrt ich von diesem Ausspruch war. Ich und elegant? Beides in einem Satz hatte ich vorher über mich noch nie gehört. War ich elegant geworden und ich hatte es nicht gemerkt? Als ich mich beobachtete, bemerkte ich, dass ich kein Trampel mehr war. Offensichtlich hatte sich da an mir einiges verändert. Zum Beispiel auch mein Gewicht.

Ich war als junge Frau übergewichtig und frustriert darüber. Meine bevorzugte Position war Chips essend auf dem Sofa. Ich wusste natürlich dass Sport gut für mich wäre, aber ich war zu unmotiviert. Immer nach dem Motto: Jetzt ist es auch schon egal. Ich weiß noch wie frustrierend es war, Kleidung einzukaufen. Badeanzüge waren das Schlimmste! Selten sah etwas wirklich gut an mir aus. Immer wieder war in den Tränen nahe in irgendwelchen Umkleidekabinen. Ich heiratete einen Mann der täglich Sport machte. Durch ihn erkannte ich wie gut mir Bewegung tat. Wieder war es ein Vergleich, der mir half zu erkennen, was ich brauchte. Jahre später tauchte in einer meiner Meditationen eine kleine dicke Frau mit Koffern auf: „Ich verlasse dich jetzt!“, sagte sie und drehte sich um. Mein Glaube, dass ich „eigentlich“ eine dicke Frau bin – die jetzt nur kurzfristig schlank war – verließ mich mit ihr.

Singen und Inspiration

rihannonInspiriert zu werden, hört nicht auf. Singen gehört zu meinem Leben und ich bilde mich immer weiter. Im Oktober war ich mit Rhiannon – einer begnadeten Improvisations-Sängerin und Lehrerin in Rom zu einem langen Workshop. Improvisierte Musik ist Musik, die aus dem Moment entsteht. Eine Farbpalette von Musik, die sich nur dann wirklich gut entwickeln kann, wenn wir tief mit uns und gleichzeitig mit unseren Mitsängern verbunden sind. Das ist Musik, die mich fasziniert und in ihrem spontan entstehenden Miteinander eine grandiose Vielseitigkeit zeigt. Jeder von den Teilnehmern hatte gerade ein vier Minuten Solo vor der Gruppe hinter sich. Jetzt stand unsere Lehrerin Rhiannon auf. Sie ist fast siebzig Jahre alt. Weiße, kurze Haare. Stabiler Körperbau. Bewusste, sorgfältige Bewegungen. Sie weiß, wer sie ist.

Sie begann ihr Solo und mit jedem Ton berührte sie uns. Sie bewegte sich, benutzte den ganzen Raum. Sprach Worte, die sie in diesem Moment erfand und von dem jedes pure Poesie war. Sie war präsent, offen, verletzlich. Ich war fasziniert dieser Meisterin beim Erschaffen zuschauen zu dürfen. Mein Solo war im Vergleich zu ihrem wie die kritzelige Zeichnung einer Fünfjährigen zu der Brillanz eines Picassos. Als sie fertig war, waren wir vor Ergriffenheit lange still.

Viele von uns hatten Tränen in den Augen. Jemand zu erleben, der ein Meister auf seinem Gebiet ist, ist eine große Gnade. Es ist einer dieser Moment das Göttliche in Menschenform zu sehen. Und das war es, was ich miterleben durfte. Mir war es ein Bedürfnis ihr zu sagen, wie dankbar ich dafür bin das zu erleben. Ich stand auf, kaum in der Lage zu sprechen, mit Tränen die ungehindert an meinem Gesicht herunterliefen. Wir schauten uns still an. „I bow in the presence of mastery“. Was übersetzt so etwas heißt wie: Ich verbeuge mich vor Dir im Angesicht deiner Meisterschaft. Ich legte meine Hände auf mein Herz, neigte meinen Kopf und verbeugte mich tief und lange vor ihr.

Unsere Session war vorbei, doch kaum jemand von uns bewegte sich. Wir blieben gedankenverloren in unseren Sitzen. Jeder von uns bewegt und voller Respekt. Rhiannon kam nicht zu diesem Punkt ihrer Meisterschaft, weil sie darum betete. Sie kam dazu, weil sie ihrer Begeisterung folgte und trainierte. Weil sie sich über Mauern und durch Täler schleppte, bis sie fliegen konnte. Warum will ich von ihr lernen? Weil sie großartig ist. Und ich möchte von den Besten lernen. Von denen, die das gemacht haben, was ich noch machen will. Ich wünsche mir von Herzen so zu improvisieren. Dazu braucht es Übung. Immer und immer wieder Meister dieses Fachs zu beobachten und dankbar dafür zu sein, dass sie ihr Wissen teilen. Ich liebe es, wenn mir jemand sagt, was ich verbessern kann. Ich liebe es, wenn mich jemand auf meine Schwächen aufmerksam macht. Deswegen gehe ich zu genau diesen Experten! Wachstum ist die Nummer Eins auf meiner Liste.

Spirituelles Wachstum ist Arbeit

In letzter Zeit bringe ich zu meinen Vorträgen und Workshops immer eine tennisball-große Schachtel mit Schleife mit. Irgendwann einmal nehme ich die Schachtel, zeige sie den Teilnehmern und erzählte, dass hier das Einzige drin ist, was es braucht, damit wir unser Leben so haben, wie wir es uns ersehnen. Ich übertreibe so maßlos dabei („Davon werdet Sie noch Ihren Enkelkindern erzählen, dass Sie es heute hier gehört haben.“), dass der ganze Saal, die ganze Gruppe schallend lacht. Dann mache ich mit großem Tamtam die Schachtel auf und ziehe einen Zettel heraus. Darauf steht nur ein Wort: ARBEIT.

arbeitEine Frau kam am Ende eines Vortrages auf mich zu und meinte völlig irritiert: „Aber Spiritualität soll doch leicht sein! Ich verstehe das nicht. Arbeit klingt ja fürchterlich!
Ich fragte nach: „Ist es denn leicht für Sie Ihre Gedanken sauber zu halten? Ist es leicht für Sie notwendige Veränderungen durchzuziehen? Ist es leicht zu verzeihen? Leicht schwierige Gespräche zu führen? Leicht nicht zu lügen? Ist es leicht täglich zwei Mal zwanzig Minuten zu meditieren?
Sie schüttelte den Kopf und gestand: „Ich meditiere nicht regelmäßig.“ Und meinte dann triumphierend: „Aber ich glaube an Engel!
Ah. Und? Hat der Glaube allein ihr Leben verbessert?
Sie runzelte die Stirn. Ich ahnte, was in ihr passierte. Das ist der Moment, der Moment, den ich schon hunderte von Malen beobachtet hatte. Der Moment der entscheidet: Lass ich mich auf die Arbeit ein oder versinke ich in imaginäres Wünschen?

Immer wieder beobachte ich diese Weggabelung. Setzte ich mich dafür ein, dass ich mich verändere oder suche ich in der Spiritualität eigentlich nur Trost? Trost ist etwas Wunderbares. Aber es wird unser Leben nicht verändern und es wird uns nicht weiterbringen.
Ich kann mich jahrelang trösten lassen. Aber wenn ich nicht die Verantwortung für mein Leben übernehme, wird es nicht besser werden. Wir sind in der Lage uns und unser Leben zu verändern. Jeder von uns. DAS ist spirituelles Wachstum. Trost ist eine temporäre Angelegenheit. Doch wenn dies unser Lebensmotto wird, dann schlagen wir uns regelmäßig in diesem Phantasie-Wunschtraum nach einem besseren Leben den Kopf ein.

Immer wieder überprüfe ich meinen Lebenszustand. Daran erkenne ich mein Wachstum und erkenne auch meine Herausforderungen. Dazu helfen mir Fragen.
Im Laufe der Jahre sind die Fragen andere geworden und doch gibt es Basisfragen, die immer interessant sind:

  • Lebe ich ein Leben in Balance?
  • Wo habe ich noch nicht aufgeräumt?
  • Wo merke ich, dass ich immer noch hoffe, „die Anderen“ würden sich verändern?
  • Wo hänge ich fest?
  • Wo brauche ich Hilfe?
  • Wo den berühmten „Tritt in den Hintern“?
  • Was habe ich auf den richtigen Weg gebracht?
  • Von wem oder was möchte ich mich inspirieren lassen?
  • Was braucht mehr Zeit in meinem Leben?
  • Was weniger?

Wir haben die Macht uns und damit unser Leben zu verändern. Wir stehen an jedem Tag an der Schwelle zu einem neuen Leben. Wie wollen wir es leben?

Es ist möglich intelligenter, weiser, mutiger und sogar eleganter zu werden.

Ich habe es erlebt.