Vor einem Monat habe ich meinen letzten Workshop gegeben. „Der letzte für dieses Jahr?“ fragte mich ein Freund, nachdem er sich nach meinen Plänen erkundigte.

„Erst einmal der letzte“, antwortete ich.

Er schaute verwirrt. „Du meinst für dieses Jahr, nicht wahr?“ Sein Blick erforschte mein Gesicht. Er weiß, dass ich nicht vorhabe, mich in den Ruhestand zu begeben – aber was soll er mit dieser Aussage anfangen?

Ich zögerte mit der Antwort und so wiederholte ich mich nur. Was soll ich auch sonst sagen? Ich weiß nicht, ob ich nicht doch wieder diesen inneren Drang nach Vorträgen und Workshops verspüre. Zur Zeit erspüre ich einen anderen inneren Drang: Meinen Kalender frei zu halten. In die Stille zu gehen. Rückzug.

Einen Kalender freizuhalten, bedeutet häufig Nein zu sagen. Jedes Nein ist auch eine Enttäuschung für jemanden, der möchte, dass ich etwas mache: Einen Kongress. Einen Vortrag. Einen Workshop. Einen Artikel.

Kein Nein ist wie das Andere.

Da gibt es zögerliche Neins. Klare Neins. Lachende Neins. Verwirrte Neins. Neins, die mit einem inneren Diskurs, ja sogar manchmal Kampf ausgefochten werden. „Du kannst doch dazu nicht nein sagen! Dein neues Buch über Trennungen und Beziehungen ist gerade rausgekommen. Da müssen die Leute erst einmal wissen, dass es das gibt. Wenn Du sagst, Du ziehst Dich zurück, dann entziehst Du ihm Kraft!“

Die diversen inneren Stimmen unterhalten sich miteinander – oft ringen sie auch und gemeinsam erforschen wir die Sorge dahinter. Es gibt ja auch eine Art Verpflichtung ein Buch, das man geschrieben hat, auch zu bewerben. Nicht nur dem Verlag gegenüber, sondern auch sich selbst gegenüber. Ich möchte meinen Büchern keine Kraft entziehen – aber tue ich das wirklich, wenn ich keine weitere Zeit einbringe? Ich habe das Buch doch schon geschrieben. Da steckt neben der Lebenserfahrung auch jede Menge Lebenskraft drin.

Kann es sich nicht entwickeln, nur durch die Empfehlungen von Leser*Innen? Muss ich marktschreierisch, instagrampostend, facebookwerbend „Wenn wir uns trennen, lernen wir uns kennen“ anpreisen? Auch auf diesem Blog verlinke ich es. Das ist kein Automatismus, sondern ich muss mich immer wieder daran erinnern: Das macht man so, damit Leute überhaupt wissen, dass es etwas gibt und es schnell zu finden ist.

Ja? Macht man das so?

Der Social Media Hype wird immer intensiver, so scheint es mir. Erst vor kurzem las ich in einer Verlagsbroschüre – die zum Ziel hat, Buchhändler zum Bestellen zu bewegen – neben jedem Autor und jeder Autorin deren Social-Media-Währung: „Xtausend Followers!!!“ – „Mit erfolgreichem Podcast“ – „Stetig wachsend!!!“

Stetig wachsend…

Dieses „stetig wachsend“ muss gefüttert werden. Ich möchte aber nicht „müssen“. Ich gebe lieber freiwillig und mit Freude. Deshalb hat mein Instagram Account auch viele große Lücken. Mein Wissen ist nicht visuell. Jede spirituelle Aussage braucht dann ein Foto. Das heißt einen knappen Text, der schön gestaltet auf irgendeiner visuellen Aussage sitzen muss. Das ist zeitintensiv. Mir wird immer mal wieder erklärt, was es an Marketing braucht („Man muss etwas drei Mal bekommen haben, bis man sich entscheidet etwas zu tun“) Muss ich, will ich jemanden wirklich drei Mal anstupsen? Erinnere ich nur, oder störe ich schon?

Beim Einspüren – alleine schon wenn ich das schreibe – zeigt mein Körper eine Verkrampfung. Das ist ein Zeichen von Hektik. Hektik hat immer etwas mit Geschwindigkeit zu tun: Etwas ist dringend! Es muss schnell gehen!

Das ist nicht die Energie, die ich in meinem Sein mit mir herumschleppe und ich sorge immer wieder dafür, dass sie sich nicht in mir ausbreitet. Hektik war früher eine Angewohnheit – oder wohl eher mein Zustand – , den ich mir mit viel Aufmerksamkeit und Übung abgewöhnt habe. Wenn wir die Hektik bewusst wahrnehmen, dann ist das ein wundervolles klares Zeichen, an dem wir erkennen können, dass hier unser Ego (also unsere menschliche Persönlichkeit) gerade die Zügel in der Hand hat – und nicht unsere Seele.

Social Media hat eine Beschleunigung angeregt. Wir werden zu einem Hype hin manipuliert. Alles muss schnell gehen, sofort sein: Schließlich geht es um nichts Geringeres als die Rettung der Welt. Unseres Lebensraums. Der Natur. Hier unterschreiben. Da demonstrieren. Dort was ändern. Auch ich demonstriere mit. Unterschreibe mit. Rede mit. Da ist nichts Falsches dran, so lange es nicht zu dieser inneren Panik führt, die uns deprimiert und uns an unseren Mitmenschen verzweifeln lässt. Es braucht ein genaues Hinschauen, was mit unserem eigenen Wohlgefühl, mit unserem eigenen Sein durch diese Art von Energie passiert. Wir haben uns eine Schnelligkeit angewöhnt, uns diesem Hype schon angepasst, der sich mittlerweile für viele schon gänzlich „normal“ anfühlt.

Seit Jahren werden uns Produkte und Wege vorgestellt, die uns „Zeit sparen“ lassen: Waschmaschine, Trockner, Geschirrspülmaschine. Internet, Handys, Apps. Staubsaugerroboter, E-Scooter, Amazon. Und ja, oft haben wir wirklich das Gefühl Zeit zu sparen. Doch was machen wir mit der „gesparten“ Zeit? Sitzen wir warm eingemümmelt draußen und beobachten die Vögel? Verbringen wir in Muse Zeit mit uns selbst oder Menschen, die uns nahe stehen? Meditieren wir? Genießen wir die freie, gesparte Zeit? Haben wir sie überhaupt?

Es sieht nicht so aus. Stattdessen füllen wir unsere Tage mit MEHR auf: Mehr Aktion. Mehr Aufgaben. Noch mehr „zeitersparende“ Wege. Ja, vieles braucht unsere Zeit, um unseren Lebensunterhalt zu sichern.

Vieles aber auch nicht.

Es scheint mir, dass unsere Zeit Verteidigung braucht.

Ich habe mir ein Leben in Ruhe erschaffen und dafür bin ich mir selbst dankbar. Und doch ist die alte Gewohnheit – die Schnelligkeit – nicht komplett aus meinem System. Wenn ich mir Zeit nehme – wirklich Zeit nehme – wird einer meiner inneren Aspekte nervös. Sehr nervös. So, als ob ich etwas falsch machen würde und faul wäre. Faul sein ist so ziemlich das Schlimmste für diesen inneren Aspekt und das will dieser unter allen Umständen verhindern. Er ist darauf programmiert etwas zu reparieren, zu entscheiden, zu regeln – „give-me-something-to-FIX“ also: „Gib mir ein Problem und ich löse es.“ (Natürlich am liebsten … schnell ;-) Deshalb gewöhne ich mir mehr und mehr die Langsamkeit an. Doch die Schnelligkeit ist hartnäckig. Ich esse immer noch zu schnell. Denke schnell. Organisiere schnell. Räume schnell auf. Manchmal mache ich sogar Yoga schnell.

Schnelligkeit ist ein Aspekt der in der Nähe von Hektik lebt.

Schnelligkeit wird „schnell“ zur Hektik. Wenn sie unser Leben bestimmt, dann erkennen wir, das wir unsere Seelenruhe – den natürlichen Zustand unseres Seins – verloren haben. Natürlich können wir schnell mal einem Zug hinterherlaufen. Da ist „schnell“ auch nützlich. Aber wenn Hektik unser Zustand wird, dann schicken wir unseren Körper konstant in eine Panik. Und in Panik – das wissen wir – kann ein Körper weder heilen, noch sich entspannen, geschweige denn wohlfühlen.

Das gilt es aufmerksam zu beobachten und notfalls die Bremse zu ziehen.

Zeit.

Eine Zeit mit mehr Zeit: Langsamer Zeit, flüssiger Zeit, der Erforschung der Zeit. Immer wenn ich schnell werde, fordere ich mich – wie eine rote Ampel – zum stehenbleiben auf: HALT! Atme. Bewege dich nicht. Sei stiller, sanfter, ruhiger und … bleibe langsam.

Zeit… wir alle formen unsere Zeit.

Formst Du die Zeit so, wie Du sie erleben möchtest?

 

 

 

 

 

 

 

 

7 Kommentare
  1. Isabel Asmussen sagte:

    Großartig geschrieben! Unsere Zeit und unsere Gesundheit liegen in unserer eigenen Verantwortung. Und genau weil das mit den Erwartungen an uns nicht immer konform geht, ist die Vorbildfunktion so wichtig. Man sollte Entscheidungen immer FÜR Etwas fällen, dann ist die Energie auch positiv. Besonders, wenn wir uns für die Bedürfnisse unserer Seele entscheiden.

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  2. yela sagte:

    hallo liebe sabrina,

    auf dem status einen uralt freundin – geschäftsfrau – steht: „einen scheiß MUSS ich“

    ich finde das sehr erfrischend, absolut eigenverantwortlich und ein großes zugeständnis zu unseren eigenen integrität.

    geht es im spirituellen bereich oft ums loslassen………..
    alte sichtweisen, alte verhaltensmuster, alte verstrickungen….
    sich für neues öffnen….

    was du liebst – das lässt du los – wenn es wirklich für dich bestimmt ist, dann kommt es zurück.

    im endeffekt kann uns kein anderer mensch sagen, welche entscheidungen wir zu treffen haben – und DIE EINZIG SUPER RICHTIGE, gibt es wohl überhaupt nicht.
    doch genau das möchten wir – sicherheit – kein leiden – immer das richtige tun…..
    wer weiß schon im übergeordneten bereich – im übersinnlichen – immer was richtig ist. oftmals stellt sich im nachhinein heraus, dass das so vermeintlich „schlechte“ überaus positiv war. nur unser eigenwille und unser „das soll jetzt so und so für mich sein“……..findet gewisse umstände gut oder schlecht. wobei es ja im endeffekt nicht um die dinge selbst geht – sondern unsere meinung dazu. also haben wir immer die wahl. unsere perspektive zu erweitern und es mit anderen, neuen augen zu sehen.

    dazu gehört natürlich unsere erwartungen und forderungen loszulassen……sonst
    kann sich ja auch nix neues……also nicht das, was wir uns vorstellen ……entfalten.

    dieses zu schreiben ist leicht – es zu leben – hahaha……willkommen als mensch mit all seinen macken.

    und zeit – ist eine illusion.

    ich wünsche uns allen ein famoses, inspiriertes und gesundes 2020

    herzlichst
    yela

    p.s. ich beschäftige mich seit 20 jahen mit dem inneren weg…….was mir auffällt, ganz wenig wird in diesem bereich mit persönlichkeitsentwicklung gearbeitet. also selbstwert, innerer kritiker, selbstliebe wirklich zu üben, grenzen setzen, kritik nicht persönlich nehmen, persönlich macht, emotionen aufarbeiten, emotionen zuzulassen, sich fühlen…………

    vieles ist extrem intellektuell – mir fehlen da praktische herangehensweisen.

    wer hat schon – als mädchen meiner generation – ich bin jetzt 54 – gelernt sich in seiner ursprungsfamilie verbal durchzusetzen, sich abzugrenzen, seine bedürfnisse auszuleben, als eigenständige person gesehen zu werden, wahrlich geliebt zu sein etc.

    ach – was mir auch sehr auf der seele brennt – seine verhaltensmuster nicht auf seine kinder übertragen und weitergeben.

    das fällt wohl jetzt alles mehr in den bereich Psychotherapie – doch nur allein meditieren hilft nicht – es gibt sooooo viele spirituelle menschen, die immer noch eine echt schwere neurose mit sich rumschleppen…..

    da wäre eine verbindung von beiden sehr hilfreich…..

    also verstand und herz in einklang bringen – die aufhebung der dualität – vereinigung der beiden pole – männliches und weibliches anerkennen und auszuleben…..

    bietest du eigentlich schattenarbeit an……das würde mich brennend interessieren….
    das ist mein thema für 2020……
    jedoch nicht in einem online-kurs.

    vielen dank für deine antwort – ich bin gespannt…… :-)

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    • Sabrina Fox sagte:

      Liebe Bela, wegen Deiner Frage zur Schattenarbeit und zu Deinem PS: „p.s. ich beschäftige mich seit 20 jahen mit dem inneren weg…….was mir auffällt, ganz wenig wird in diesem bereich mit persönlichkeitsentwicklung gearbeitet. also selbstwert, innerer kritiker, selbstliebe wirklich zu üben, grenzen setzen, kritik nicht persönlich nehmen, persönlich macht, emotionen aufarbeiten, emotionen zuzulassen, sich fühlen……“
      Ich gebe zur Zeit keine Workshops – und obwohl du in Deinem Kommentar Online-Kurse ausgeschlossen hast – würde ich sie doch empfehlen. In meinen drei Online-Kursen geht es viel um die Persönlichkeitsentwicklung, den das ist ein enorm großer Schritt für ein Leben im Wohlgefühl. In meinen Kursen gibt es enorm viel Übungsmaterial um das auch ins Leben integrieren zu können. Der Vorteil an solchen Kursen ist, dass man die Infos und Anregungen beliebig wiederholen kann – das ist zum Beispiel etwas, das für mich immer sehr nützlich ist. Und dann gibt es noch einen weiteren: Die Geld-zurück-Garantie ;-)

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  3. To sagte:

    Grandios geschrieben, herrlich, wie meist unbemerkt die Geschwindigkeit und Hektik sich in den Alltag einschleicht. Sehr treffend beschrieben. Beim lesen wurde ich auch schon hektisch. ;-))

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  4. Claudia sagte:

    Claudia
    Hallo , ich melde mich nochmal zu Wort. Gestern habe ich Bruce Lipton und Gregg Braden auf you Tube zugehört. Was sie sagten hat in mir wieder ein neues Denken bewirkt. Obwohl ich dies schon so oft gehört hatte, hat es mich erst jetzt erreicht. Nämliche eine Übung des Herzens. Es nennt sich Kohärenzübungen in Form von einer z; B, Meditation. Herz gleich Liebe. Ich werde nun versuchen anstatt in den Widerstand zu gehen, es anders herum zu machen. Ich persönlich kann mich schon selber lieben, aber bei manch anderen Menschen klappt dies noch überhaupt nicht. Um den Wandel der gerade vonstatten geht in die positive Richtung zu leiten, mache ich es nun zu meiner Aufgabe Liebe und Mitgefühl zu verbreiten. Dies wird nicht von jetzt auf gleich gehen, aber ich arbeite daran. In diesem Sinne. Bleibt Gesund

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