Ruhelosigkeit – Seelengeschenk oder Angewohnheit?

Kennt ihr den inneren Antreiber? Den Drang mehr zu machen, als gut tut? Vor einem Jahr habe ich den Blog: „Ich mag nicht mehr geschrieben. Mir wurde klar, dass ich diese lebenslange Gewohnheit nicht mehr will und die kumulierte in dem Satz: I don´t want to be driven anymore. Das war ein Satz von meinem Seelenbruder LD Thompson, der unser Gespräch darüber damit so perfekt zusammenfasste.

Ich habe die Angewohnheit Dinge, die ich lernen und verändern möchte, mir gut sichtbar aufzuschreiben und so hing dieser Zettel mit genau diesem Satz seit fast einem Jahr neben meinem Computer am Schreibtisch. Ich habe ihn natürlich nicht nur gelesen. Das ist zwar hilfreich, aber bringt uns nicht wirklich weiter. Ich muss diese Aussage verinnerlichen, sie mir also immer wieder ins Bewusstsein holen und dann – vor allen Dingen –  andere Entscheidungen treffen. Wenn ich diesen entscheidenden Schritt nicht gehe, komme ich nicht voran.

Ich kann mir hundertmal sagen „Ich sollte Bass üben“ – wenn ich mit meinen Bass aber nicht täglich übe, wird das nichts. Völlig klar eigentlich – nur im eigenen Wachstum hoffen manche von uns, dass das nur mit einer Entscheidung geht, oder mit einem Wechseln der MusiklehrerInnen oder mit dem Lesen von einem neuen Buch oder dem Anschauen eines neuen Tutorials auf YouTube. Das gibt uns zwar das Gefühl, dass wir etwas getan haben, aber es ist kein wirklicher Schritt.

Das Einzige, was unsere Gewohnheit ändert, ist sie immer wieder zu erkennen und zu stoppen und sie dann AKTIV gegen etwas anderes auszutauschen. Das erste ist eine Frage der Aufmerksamkeit. Das zweite ist das neue Ziel – und ich wusste genau, gegen was ich diesen Drang eintauschen wollte: Mehr Freude und Frieden.

Was bedeutete das in meinem Fall? Mehr Zeit in Stille und Ruhe und mehr Zeit für Dinge, die den Sinn haben Freude in mir zu erspüren – und damit auch im Außen weiterzugeben. Weniger ich müsste und sollte, sondern mehr: Was möchte ich, was bringt mir Frieden und Freude?

Über die letzten dreißig Jahre und die bewusste Erforschung meines Seins sind mir Dinge über mich aufgefallen, die ich früher nicht zur Kenntnis genommen habe. Unter anderem habe ich in mir eine Ruhelosigkeit, die mich gelegentlich sehr massiv bedrängt.

Angewohnheiten sind interessante Forschungsobjekte

Sie sind entweder ein Teil unserer Seelenaufgabe oder sie sind aus unserer menschlichen Erfahrung entstanden. In meinem Fall ist die Ruhelosigkeit zwar von meiner Seele angelegt, aber eben auch eine Gewohnheit.

Die Ruhelosigkeit als Vorteil – als Seelenwerkzeug – lässt sich leicht erkennen: Falls ich nachlässig in meinem spirituellen Leben werde, wird sie mir sagen: „Sabrina, merkst du, dass wir nicht mehr regelmässig meditieren? Was passiert da gerade? Verlierst du dich in deiner Persönlichkeit?“ Die Ruhelosigkeit auf Seelenebene wird mir zum Beispiel auch geschickt, wenn ich mich in einer Beziehung aufhalte, die nicht mehr passt, wenn ich Dinge tue, die mich mittlerweile langweilen. Oder wenn ich umziehen oder kündigen soll. Oder mein Leben eine entscheidende Wende braucht.

Die Ruhelosigkeit aus Gewohnheit kommt von meiner Kindheit: „Hast du nichts zu tun?“ – „Sitz hier nicht so faul rum.“ – „Wenn du das nicht sofort machts, fällt gleich der Watschenbaum um“ – Alles tief verwurzelte Vorwürfe.

Natürlich möchte ich die Ruhelosigkeit auf Seelenebene behalten: Sie ist nützlich und erinnert mich daran, stabil auf meinem Weg zu bleiben. Die andere hingegen, die mir ein schlechtes Gewissen macht, mich zu Projekten treiben will, die mir weder Freude noch Frieden bringen, die möchte ich nicht mehr.

Wie also vorgehen?

In meiner Erfahrung funktioniert das so: Genau beobachten wann dieses Gefühl der Ruhelosigkeit hochkommt. Und dann jedes Mal innehalten und erforschen was der Ursprung ist: Seelenebene oder Gewohnheit? Die Herausforderung dabei ist, die Ruhelosigkeit sofort wahrzunehmen und nicht erst, wenn wir schon knietief im Projekt stecken und die Unruhe schon in den Haarspitzen angekommen ist. Deswegen der Zettel: Ich traue meinem Gedächtnis nicht.

Bei dieser Ruhelosigkeit erspüre ich zuerst wo im Körper sie sich zeigt: Im Kopf? Im Bauch? Im Herzen?

Dann stelle ich ihr drei Fragen:

  • Was willst du von mir? Ist dir langweilig? Möchtest du, dass ich woanders bin? Soll ich was Neues lernen? Etwas, das ich schon kann, vertiefen? Soll ich etwas verändern?
  • Und wenn ich dir folge: Was erhoffst du dir davon? Was erwartest du was passiert? Was ist das Ziel?
  • Bist du die Ruhelosigkeit die von meiner Seele kommt oder eben nur eine Angewohnheit? Möchte ich damit irgendjemanden gefallen oder irgendwelche Erwartungen erfüllen?

Durch diese spannende Erforschung erkennen wir mehr und mehr wer wird sind und wer wir werden wollen.

Ein Benehmen, wenn es  aufmerksam beobachtet wird, wird weniger.

Gerade eben bin ich von meinem Besuch bei meiner Tochter in Kalifornien –  die gerade entzückenden und gesunden Nachwuchs bekommen hat – zurückgekommen. Ich habe es sehr genossen dieses neue Wesen in meinen Armen zu halten und stundenlang nur anzuschauen oder ihm vorzusingen. Vor 33 Jahren, als ich selbst Mutter wurde, wäre mir das nicht gelungen und hätte mich daran nicht so erfreut wie jetzt. Da hat sich viel in mir getan. Auch hier erkannte ich Gelerntes: Ich bin und verbreite mehr Ruhe. Mehr Entspanntheit. Ich erspüre mehr Freude an kleinen Dingen. Ich bin viel mehr im Jetzt. Ich kann mich mehr in das neue Lebewesen einspüren und mehr Gelassenheit in die neue Familie bringen. Ich erspüre mehr Weite im Körper mein intuitives Einspüren ist sehr gewachsen.

Gestern – nach meiner Ankunft – setzte ich mich an meinen Schreibtisch und sah natürlich auch diesen Zettel „I don´t want to be driven anymore“. Ich betrachtete ihn für eine Weile und merkte, dass mir diese Aussage fremd ist.

Der Inhalt dieses Satzes hatte nichts mehr mit mir zu tun.

Keine Resonanz. Kein Ja-klar-das-wollte-ich-nicht-vergessen. Ich erspürte nur eine innerliche Verwunderung: Was war das nochmal?

Ich setzte mich hin und nahm den Zettel zur Hand. Ich lachte und merkte erfreut:  Das ist erledigt. In mir breitete sich ein warmes Gefühl des Stolzes aus, basierend auf der Freude, etwas geschafft zu haben. Eine Gewohnheit, die ich fast mein ganzes Leben mit mir herumtrage, klebt nicht mehr an mir. Wie herrlich!

Wieder mal durfte ich feststellen, dass ich in der Lage bin mich zu verändern. Ich durfte durch Entscheidungen und Übungen schon einiges loswerden: Lügen, So-tun-als-ob, Schmollen, Nachtragend sein, Beleidigt sein, Be- und Verurteilen, Geheimnisse haben, Manipulieren, um meine Wünsche durchzusetzen, meine Meinung allen aufdrängen, schweres und negatives Denken, investiert sein dass mein Rat befolgt wird, mich überall einmischen, Recht haben zu wollen etc.

Wir alle sind in der Lage – wenn wir denn wollen – Gewohnheiten loszulassen. Ist das einfach? Nein. Geht das von heute auf morgen? Eher selten. Es ist ein Prozess. Vergleichbar mit dem Gestalten eines Kunstwerkes, dem Komponieren eines Musikstückes, dem Schreiben eines Buches, dem Bauen eines Hauses. Das braucht Zeit.

Es ist ein Prozess des Gestaltens – in diesem Fall sogar des Umgestaltens.

Viele von uns erwarten, dass sich Veränderungen sofort durchsetzen und halten alles andere für eine Art von Versagen oder Scheitern:

„Ich habe mir doch mein inneres Kind schon angeschaut, wieso kommt das noch hoch?“

„Ich versuche doch positiv zu denken und warum ist meine Beziehung immer noch grottenschlecht?“

„Ich meditiere doch regelmäßig, warum bin ich nicht jedes Mal im Glück?“

„Wieso wird mein Körper krank, ich mache doch schon seit Monaten Yoga.“

Daran zu denken, was wir wollen – und nicht daran zu denken, was wir nicht wollen – ist eine enorme Umgewöhnung für unser Gehirn. Um ein waches und entspanntes Leben zu führen, braucht es ein waches und entspanntes Sein. Das ist eine Seelenhausaufgabe.

Allerdings nicht für alle.

Manche möchten das nicht. Manche wollen erkunden, wie Dramen funktionieren. Manche möchten erforschen, wie erfolgreich manipuliert werden kann. Manche wünschen sich Macht über andere. Manche wollen einfach nur getröstet werden und keine Verantwortung für ihren Gefühlszustand übernehmen.

Es ist eine Interessensfrage. Mein Interesse ist mein Wachstum. Ich möchte so weit damit kommen, wie es mir dieses Mal möglich ist. Allerdings ohne ungesunden Druck. Manche möchten nur ein bißchen Wachstum. Manche eben auch gar keines. Sie sind zum ersten Mal auf diesem Planeten und es geht ihnen um die grundsätzliche Erforschung wie das denn hier funktioniert: Überleben, Schutz, Essen und Fortpflanzung. Lernen werden wir allerdings alle etwas am Ende dieses Lebens. Egal ob wir Weisheit, Macht oder Trost haben wollen.

Doch vorher – wie gesagt, falls wir Interesse an einem wachen Leben haben – ist notwendig, dass wir unsere Gedanken dahingehend trainieren, dass sie das Wachstum erkennen – und selbst wenn der Schritt winzig ist. Wenn wir das große Ziel noch nicht erreicht haben und uns dafür selbst beschimpfen, dann  streuen Salz in die Wunde. Wenig hilfreich, wie wir wissen. Selbst wenn der Schritt ein nicht so großer ist, so ist er doch eine Bewegung in die richtige Richtung: Es ist Wachstum!

Es ist immer ein Schritt nach vorne.

Mein Liebster Stanko hatte für eine lange Weile mit seinem Knie zu tun und häufig Schmerzen. Einiges wurde verändert und gemacht und er erzählte mir gestern, dass sein Knie ihm plötzlich nach Monaten wieder weh tat und er war unzufrieden damit. Ich hingegen meinte erfreut: „Du hast jetzt lange keine Schmerzen mehr gehabt. Wie toll, die Abstände werden immer größer.“ Natürlich verstehe ich seine Sorge. Er möchte wissen und erforschen, warum das Knie sich plötzlich mitten in der Nacht meldet. Er befürchtet vielleicht, dass alles wieder von vorne losgeht.

Trotzdem ist es für mich ein Teil eines Gehirntrainings. Ein spirituelles Wachstum ist immer eine Umgestaltung des Gehirns. Synapsen, die jahrelang verbunden waren, werden nicht mehr verbunden und finden neue Wege.

In einem meiner Podcasts zum Thema „Die Zukunft der Ehe“ ist mir das Wort Scheitern nicht mehr eingefallen. Gut, manche werden vielleicht denken: Sabrina, du wirst alt und das ist vielleicht ein frühes Anzeichen der Demenz – Ich glaube, dass bestimmte Synapsen in mir nicht mehr verknüpft wurden, eben die, welche das Ende einer Beziehung als Scheitern betrachtet haben und ich deshalb auch dieses Wort nicht mehr brauche.

Ich scheitere nicht. Ich übe.

Eines ist dabei wichtig: Wir lernen nur, wenn wir erforschen, was nicht ideal gelaufen ist. Es geht nicht darum, dass dieses Wort Scheitern nicht mehr benutzt werden soll. Wie wir das nennen, ist unsere Sache. Und doch ist es praktisch, wenn wir aufmerksam mit unserer Wortwahl sind.

Leichter gesagt, als getan.

Ich habe in meinem Leben viele Dinge vergeigt und einiges ist nicht so gelaufen, wie ich es wollte. Ich lernte erst viel später, das nicht auf die andern zu schieben (ebenfalls früher eine sehr ausgeprägte Angewohnheit von mir), sondern nachzuschauen, was ICH denn hätte anderes machen können. Wo ICH denn Entscheidungen getroffen habe, die nicht zielführend waren. In welchen Situation ICH unfähig war die Wahrheit zu sagen oder nicht auf meine Intuition gehört habe. Erst wenn wir diese schmerzlichen Erfahrungen erforschen und erkennen, welche anderen Möglichkeiten wir gehabt hätten (und nicht getroffen haben), können wir in der Zukunft bessere und gesündere Entscheidungen treffen.

In der deutschen Denkweise ist Scheitern, Fehler machen, etwas nicht erfolgreich abzuschließen ein größeres Problem als in dem Mindset der Amerikaner zum Beispiel. Dort wird der Mut bewundert, etwas versucht zu haben.

Wir Deutschen sind ja auch für unsere Kritik bekannt und harsche Kritik kommt hauptsächlich von Menschen, die es selbst nie probiert haben. Sie selbst hatten nie den Mut sich in das Zentrum zu stellen, für etwas einzustehen – und versuchen ihre Angst davor in Kritik für Andere umzuwandeln. Damit sie ihre Angst bestätigen können: Gut, dass ich nicht sowas gemacht habe, denn dann würden MICH die Leute kritisieren. Bei Sportreportern ist das sehr gut zu beobachten. Diejenigen, die selbst aktive SportlerInnen waren, werden bei einem vergeigten 11-Meter sagen: „Mensch, das tut mir leid. Da steht man unter so einem Druck ja nichts falsch zu machen. Das ist schwer zu verdauen.“ Jemand der in diesen Schuhen nie steckte sagt vielleicht: „Wie dumm kann man nur sein! Das war doch klar, dass der Torwart den kriegt!“

In den Staaten wird erwartet, dass man anschließend wieder aufsteht und weitermacht. Bei uns wird eher erwartet, dass wir nie fallen.

Und das, wie wir alle wissen, ist unmöglich.

Viel Freude und Stolz mit dem Möglichen. Schritt für Schritt für Schritt.

 

Ich gratuliere schon mal.

 

 

 

 

 

 

 

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