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Dies ist so eine interessante Frage: „Wie fühle ich mich?“ Oft stellen wir uns andere Fragen: Was ist noch zu tun? Was muss ich noch machen? Was noch erledigen? Wo kriege ich dies, das oder jenes her? Die Frage „Wie fühle ich mich?“ bringt uns weg aus unseren Denkschlaufen und in unser Einspüren: Wie fühle ich mich gerade bzw. wie fühle ich mich meistens? Und danach einen Vergleich zu ziehen zwischen:

Wie fühle ich mich und … wie möchte ich mich fühlen?

Die ersten dreißig Jahre in meinem Leben fühlte ich mich wie auf einem durchgeschleuderten Hundeschlitten mit nicht der geringsten Ahnung wie ich die Hunde leiten und den Schlitten ruhig halten sollte. Meine Hunde hörten auf kein Kommando, vertrugen sich nicht und hatten jeder eine eigene Meinung – und häufig auch eine eigene Richtung. Aus irgendwelchen Gründen weigerten sie sich manchmal den Schlitten zu ziehen, aus wieder unerklärlich anderen standen sie nach einem erschöpften Schlaf einfach nicht wieder auf.

Gelegentlich zogen sie meinen Schlitten über Steine und Gräben und nicht selten wurde ich aus dem Schlitten geschleudert und musste mich mit Schmerzen, blauen Flecken und dem einen oder anderen Bruch auseinander setzen. Ich verkroch mich für eine Weile und tat danach so, als wäre alles okay und dann kamen die Hunde wieder jaulend und bellend zurück und ich setzte den Schlitten wieder zusammen und beschimpfte zuerst den Untergrund, die Gegend, das Wetter, die Situation im Allgemeinen, dann die Hunde, meine Ausrüstung und dann am längsten … mich.

Es schien mir, als wäre ich pausenlos damit beschäftigt, meine sieben Sachen auf diesem Schlitten zusammenzuhalten, Zerbrochenes wieder zu kitten, Verlorenes zu bedauern, mich zu schützen vor dem strengen Fahrtwind, den scharfen Kurven und dem gelegentlichen Sturz und außerdem schienen mir die nötigen Klamotten zu fehlen, um mich sicher und warm zu halten. Ich wünschte mir ein dickeres Fell. Das beobachtete ich bei anderen Schlittenfahrern und -fahrerinnen, die einfach besser – so schien es mir – mit den holprigen Untergrund und den eigensinnigen Hunden umzugehen wussten. Die fuhren mit einer mörderischen Geschwindigkeit über Stock und Stein, ohne nach rechts oder links zu sehen, eine Peitsche in der Hand, eine Entschlossenheit im Blick und wenn etwas schiefging, dann standen sie sofort wieder auf, schüttelten sich ein- zwei Mal und machten genau da weiter, wo sie vorher aufgehört hatten. Wenn ich das beobachtete, dann glaubte ich bei ihnen nur Selbstsicherheit und Entschlossenheit zu sehen und ich nahm an, dass sie ein Herz hatten, das so offensichtlich ohne jeglichen Einfluss von außen schlagen konnte – weil es so ein dickes Fell hatte.

So ein dickes Fell, das wünschte ich mir auch.

Ein wirklich dickes Fell, dass mich vor Schmerz, vor Scham, vor Einsamkeit, vor Unsicherheit und vor allem, was das Leben auf diesem Schlitten so anstrengend machte, bewahren sollte und dazu wünschte ich mir Hunde, die wissen, wie man so einen Schlitten zieht.

Wie ich mich damals meistens fühlte? Angestrengt. Angestrengt und erschöpft. Angestrengt und verteidigend. Angestrengt und schauspielernd. Wieso schauspielernd? Ich tat so als wüsste ich, was ich tue. Ich tat so als wäre diese Art Schlitten zu fahren für mich okay. Aber das war es nicht. Und doch befürchtete ich, dass es nur zwei Arten von Schlittenfahrten gibt. Neben denen, die irgendwie ein dickes Fell abbekommen haben, eben meine Art des Schlittenfahrens, denn wenn ich mich umschaute, dann schien es den Anderen in meiner Umgebung ähnlich zu gehen. Da wurde geschimpft und bedauert, beweint und beklagt. Seit meiner Kindheit kannte ich das nicht anders.

Das klingt jetzt so als wären die ersten dreißig Jahre auf meinem Lebensschlitten eine Katastrophe gewesen und nein, das waren sie nicht. Ich sang oft, tanzte gelegentlich, trank und rauchte zu viel, lernte schnell, erlebte Interessantes, verdiente gut Geld, verliebte mich ab und zu, spürte Freundschaft, Nähe, Liebe und erlebte Erfolg, sogar Bewunderung und ab und zu war mir sogar richtig warm.

Wie wollte ich mich fühlen?

Gerne immer richtig warm. Angenehm. In Frieden mit mir, meinen Hunden und der Welt. Ich wollte mich auf meinem Hundeschlitten vorwärtsbewegen als würde ich mit einem sanften Wind segeln. Ich wollte, dass ich in der Lage bin, den Schlitten bei unruhiger Bodenlage in ruhige Bahnen zu lenken. Aber ohne dass mir langweilig wird. Ich wollte schlittenfahrend Neues erleben. Neue Länder bereisen. Mit anderen Schlitten eine Art Familie gründen, gemeinsam entspannt die Schönheit der Natur genießen. Und ich wünschte mir, dass meine Hunde mir vertrauten und ich ihnen vertrauen könnte. Ich wünschte mir ein angenehmes Sein.

Das muss es doch geben? Oder?

Ich war dreißig, als ich dann in weiter Ferne einen Hundeschlitten sah, der sich so ganz anders bewegte als meiner. Er schien zu fliegen. Seine Eleganz nahm mir den Atem. Ich machte mir Gedanken darüber, ob das vielleicht nur eine Fata Morgana sei und dass sich dieser Schlitten bei näherer Betrachtung als Illusion herausstellen würde. Ich befürchtete das Bild würde sich auflösen. Aber das tat es nicht. Und so versuchte ich meinen Schlitten dort hinzulenken, um dieses Phänomen näher anzuschauen und erstaunlicherweise ließen meine Hunde das zu und änderten die Richtung – so als ob sie darauf gewartet hätten.

Wir trafen uns auf einem Rastplatz. Ihre Hunde sahen gesund, entspannt und zufrieden aus. Wie sie selbst. Sie hatte schwarze, dichte Locken. Ihre Kleidung wirkte farbenfroh, warm und gänzlich stimmig. Sie trug kein dickes Fell. Im Gegenteil. Sie wirkte durchlässig. Offen. Frei. Herzlich. Interessiert. Sie bewegte sich elegant und selbstsicher, ihre Hunde folgten auf Blickkontakt und sie wirkte völlig leicht – obwohl sie um einiges älter war und schon länger unterwegs war als ich. Wie war das möglich?

Fühlt sie sich so, wie sie aussieht?

Ich schaute auf meine Hunde, die so aussahen als wären sie gerade durch eine Waschanlage gefahren, bei dem das Trockenföhnen nicht geklappt hat. Die Haare standen zu Berge, sie schnauften laut und schauten sich gierig nach etwas zu fressen um. Drei davon standen, vier lagen im Dreck und der Rest bewegte sich ruhelos im Kreis, sich gegenseitig anrempelnd und anknurrend. Einer lümmelte sogar auf meinem Schlitten und zerbiss gerade mein Lieblingskissen. Ich seufzte und schaute neidisch auf ihren Schlitten.

Ihrer war sauber und gepflegt. Richtig schön. Dort hatte sie zwar warme Felle, aber die waren zum wohlfühlen und nicht zum Abwehren gedacht. Es gab einige Lampions die angenehmes Licht verbreiteten, ordentlich verpackte Reisekisten und – hörte ich da nicht auch noch Musik?

Sie lächelte einladend, als ich näher kam und ich gab mir einen Ruck und fragte sie, was sie ihren Hunden denn zu fressen gäbe. Ob ich vielleicht auch was davon abhaben könnte oder – falls nicht – sie mir vielleicht sagen könnte, wo ich das Futter bekomme. Und ob sie deswegen so gesund, so gut gepflegt und so entspannt aussähen?

Sie lachte. Sie lachte mich nicht aus. Sie lachte einfach nur. Sie reichte mir eine warme Tasse Tee und eine Decke und ich setzte mich erschöpft auf den Platz auf ihre Schlitten, den sie mir anbot. Ich fühlte mich wie im Himmel. Mein Gott, ich hatte keine Ahnung, dass sich ein Schlitten so anfühlen konnte.

Ich bemerkte wie ruhig ich in ihrer Gegenwart wurde. Wie wohl ich mich in ihrer Nähe fühlte. Und wie sehr ich mir wünschte, dass auch ich so ein Gefühl in mir selbst fühlen könnte. Selbst meine Hunde schienen sich in ihrem Umfeld zu beruhigen. Plötzlich war da ein wärmendes Lagerfeuer – wo immer das herkam, ich habe keine Ahnung – und die Stimmung wurde  … zauberhaft.

Meine Gastgeberin war still. Ich war still. Nun ja, so still wie es eben ging mit meinem aktiven Hirn. Aber ich spürte nicht nur meinen Kopf, sondern ich spürte meinen ganzen Körper. Ich fühlte wie ich in mir nach Hause kam, wie mein Oberkörper weiter wurde, mein Kiefer und meine Schultern Druck verloren, meine Hände sich entkrampften und meine Atemzüge langsamer wurden. Sogar einer meiner Hunde, der mir am meisten Ärger machte, kam in meine Nähe und wollte offensichtlich gestreichelt werden. Ich lies meine Hand auf seinem Fell ruhen und auch er machte es sich bequem.

Sie betrachtete das alles mit einem gerührten Lächeln. „Meine Fahrten waren früher auch anstrengend und meine Hunde waren noch unruhiger als Deine“, meinte sie. „Das liegt nicht an ihrem Futter.“ Sie schaute mich mitfühlend an und ihr Blick wurde zärtlich: „Das liegt an Deinem.“

Ich fing zu weinen an, denn ich wusste, sie hatte Recht. Es ist beruhigend die Wahrheit zu hören. Meine Tränen kamen aus Erleichterung. Ja, das da drüben ist MEIN Schlitten. Das sind MEINE Hunde. Das ist MEINE Reise. Es ist MEIN Job.

„Wie möchtest Du Dich fühlen?“ fragte sie mich.

„So wie du,“ antworte ich ohne eine Sekunde zu zögern.

Sie nickte „Das wirst du erreichen, denn Du weißt nun, was zu tun ist. Du hast jetzt die Verantwortung übernommen: Für dich, deinen Schlitten, deine Hunde – und du kennst auch die Richtung deiner Reise. Einfach ist es nicht. Es wird nicht morgen passieren.  Aber von jetzt an werden deine Reisen einfacher werden. Das kann ich dir versprechen.“

Ich wusste damals schon, sie hatte Recht.

 

Und hier ist die Frage, die wir uns stellen können: Wie möchte ich mich fühlen? Und was bin ich bereit dafür zu tun?

 

PS: Das ist ein Beitrag der zuerst als Podcast zu hören war. Mein Podcast „Sinn&Sein mit Sabrina Fox“ ist bei den üblichen Podcastverteilern zu hören, auf meinem YouTube-Kanal und natürlich auch hier auf meine website.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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