Beiträge

Ich war vor zwei Wochen teilweise in meiner Yogaklasse. Teilweise? Geht das? Kann man teilweise schwanger sein? Das zwar nicht, aber man kann teilweise in einer Yogastunde sein, denn obwohl mein Körper anwesend war, war der Rest von mir mit anderen Dingen beschäftigt. In meinem Kopf liefen unentwegt Gedankenschlaufen und durch mein Körperinneres liefen Emotionen in einer Intensität, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt hatte. Gleichzeitig versuchte ein entspannter Teil von mir die ganze Situation in gewohnte Bahnen zu lenken: “Wir sind in einer Yogaklasse. Unsere Aufgabe ist es gerade den Körper zu erspüren. Wir können später darüber nachdenken.”
Doch meinen Emotionen war das egal! Sie waren gerade mit Schuldgefühlen beschäftigt und dem Ausmalen möglicher Szenarien. “Yoga? Pah!!! Hier geht es gerade rund!!!”
Ich beobachtete meinen Verstand und meine Emotionen mit aufmerksamem Interesse – etwas was ich im herabschauenden Hund eigentlich nicht vorhatte. Aber ich hatte gerade keine andere Möglichkeit, denn ich habe mir abgewöhnt Dinge zu ignorieren und – der Krach in mir war sowieso viel zu laut.
Die Gedankenschlaufen hörten selbst bei Shavasana – der Ruheposition am Ende – nicht auf. Im Gegenteil! Offensichtlich war endlich genug Platz um richtig loszulegen. Bevorzugt mit dem Wort “Hätte”: “Das hättest Du nicht machen sollen! Das hast Du falsch entschieden! Du hast Leute enttäuscht! Das mit der Einladung zur Prototyp-Akademie hättest Du Dir vorher überlegen müssen und dann hättest Du es lieber gleich lassen sollen.” “Bestimmt sind einige enttäuscht oder sogar verärgert und das mit Recht!” – “Das hättest Du besser erklären müssen, denn so kann es missverstanden werden.”
Ich ging erschöpfter aus der Yogaklasse als ich hineingekommen war und setzte mich erst einmal draußen in den schönen Garten.
Was war passiert?
Im letzten Newsletter schrieb ich davon, dass ich eine Prototyp-Klasse für meine Akademie gestalten werde und hatte noch ein paar Plätze frei. Zehn Teilnehmer/Innen hatte ich eingeladen und ich dachte mir 12 oder 14 könnten es gut werden. Da ich das Feedback in meinen Workshops immer sehr schätze, wollte ich die Gelegenheit nutzen, diese Plätze per Newsletter anzubieten. Sehr wohl wissend, dass ich nicht nur Einladungen aussprechen kann und eventuell den einen oder anderen enttäuschen muss. Und das wusstet Ihr natürlich auch.
Die Emails kamen zurück und damit begann meine Herausforderung: Alle, die sich gemeldet hatten, waren spannend. Alle konnte ich mir vorstellen. Aber alle waren zu viele! Ich musste also eine Wahl treffen – und konnte es nicht.
Ich schrieb die Namen auf und spürte hinein. Ich hatte die Zettel auf meinem Hausalter. Ich las mir immer wieder die Emails durch. Mit einigen telefonierte ich um Klarheit zu bekommen – aber die Klarheit kam nicht.
Die Wichtigkeit des Zögerns
Ich hatte schon mal in einem der letzten Blogs über die Wertigkeit von Zögern geschrieben. Wenn immer ich ein Zögern in mir spüre, dann gibt es dafür einen guten Grund und ich gehe nicht über mein Zögern hinweg. Das habe ich über die Jahre gelernt.
Vielleicht – so hoffte ich – braucht es einfach noch ein bißchen Zeit und ich vertröstete die Anfragen auf das Wochenende. Und obwohl der Montag pünktlich eintraf, tat es die Klarheit nicht. Da ich wusste, dass alle auf eine Antwort warten und keine in Sicht war, beschloss ich nach meiner Morgenmeditation bei den ersten zehn TeilnehmerInnen zu bleiben. Ich schickte am Montag und Dienstag Emails und erklärte den Grund: Ich kann mich nicht entscheiden, denn alle von Euch sind toll und würden passen.
Trotz meines Bedauerns Enttäuschen zu müssen, war ich im Frieden mit diesem Prozess – kenne und schätze ich doch mein Zögern. Doch mit diesem inneren Aufruhr Stunden später hatte ich nicht gerechnet. Warum und wozu tauchte das jetzt auf?
Kurz vor meiner Yogaklasse las ich eine Email, in der eine der möglchen Teilnehmerinnen mir schrieb, wie enttäuscht sie sei – und das triggerte diese alte Erinnerung. Auf dem Weg nach Hause von meiner Yogaklasse erinnerte ich mich an meine letzte Stunde mit meinem Lehrer Solano und einem Thema, das er mit mir besprach: Im Laufe des vorangeschrittenen Lebens beginnt der Körper (meistens überraschenderweise) alte Dramen oder Erfolge wiederzubeleben. Der Grund dafür ist, dass der Körper diese alten Blockaden endgültig loswerden möchte und sie quasi nochmal nach oben schiebt. Manchmal werden sie alleine durch das einmalige Durchleben gelöst und verschwinden, manchmal wiederholen sie sich.
Ich kann das oft bei alten Leuten beobachten (alt ist übrigens immer zehn Jahre älter als man selbst ist …schmunzel): Sie wiederholen Geschichten immer und immer wieder. Meine Mutter erzählt fast jedes Mal mit seligem Lächeln: “Ich war ja ein Vater-Kind!” Aber häufiger werden Traurigkeiten, Dramen, anstrengende Erlebnisse wiederholt erzählt. Da gibt es dann im Leben nur noch zwei, drei Gesprächsthemen.
Jeder von uns kommt mit Seelenaufgaben in dieses Leben. Seelenaufgaben sind ganz einfach Dinge, die uns schwer fallen. Zwei meiner alten Seelenaufgaben wurden mit dieser Akademie-Aktion angetriggert. Einmal die Besorgnis missverstanden zu werden. Und ein Unzufrieden Sein mit mir, wie ich mit einer bestimmten Situation umgegangen bin.
Diese Gedankenschlaufen während meiner Yogastunde waren mir früher sehr vertraut. Früher haben mich beide Seelenhausaufgaben enorm gefordert. Ich habe – wie in der Yogastunde – Stunden um Stunden, manchmal Tage mit diesen Gedankenschlaufen verbracht und wusste nicht, wie ich da wieder rauskommen sollte. Vor dreißig Jahren habe ich die “Schuld” bei anderen gesucht, später dann bei mir. Danach habe ich verstanden, dass es um Schuld gar nicht ging, sondern es ging nur um die Wahrheit, die sich offenbaren wollte.
Jede Gedankenschlaufe deutet auf etwas hin. Und zwar entweder auf etwas, dem wir uns nicht stellen wollen oder auf etwas dass wir uns selbst nicht eingestehen möchten.
Das bedeutet, dass wenn etwas hochkommt, dann hat das einen guten Grund. Wie eben auch Zögern einen guten Grund hat. Wie sollen wir also mit diesen Gedankenschlaufen umgehen? Es geht darum tiefer nachzuschauen. Warum denke ich das?
Bei mir waren es meine zwei alten Seelenhausaufgaben: Der kindliche Wunsch niemals jemanden zu verletzen oder enttäuschen zu wollen (das ist der Wunsch nach Sicherheit und nach Konfliktlosigkeit) und nicht falsch verstanden zu werden (der Wunsch nach Akzeptanz und Anerkennung).
Niemanden enttäuschen zu wollen ist ein “Kinderwunsch”. Doch was liegt darunter? Wir suchen darunter Sicherheit und Akzeptanz. Denn wenn wir nie jemanden enttäuschen, dann sind alle glücklich, uns mag jeder und wir haben keine Konflikte. Es wird also nach Sicherheit, Trost und Akzeptanz im Außen gesucht.
Davon abgesehen ist es nicht möglich, NIEMALS zu enttäuschen. Ob man enttäuscht wird oder nicht ist ein persönliches Gefühl und kann nicht von Anderen beeinflusst werden. Manche von uns sind leicht enttäuscht, manche selten. Früher war ich regelmäßig täglich mehrmals enttäuscht. Heute kommt das so gut wie nie vor.
Frieden findet man nur im Innen. Was jemand von mir denkt ist seine/ihre Sache. Wichtig ist, dass ich mich – in meinen Augen – so ehrenhaft wie möglch verhalten habe und wahrhaftig geblieben bin.
Wenn wir uns mit einem Klang vergleichen, dann verändern wir im Laufe unserer Entwicklung unseren Ton. Aus einem dunklen, dichten Ton wird ein leichter, luftiger.
Doch ab und zu ruft uns der alte Klang zurück. Das mag eine Erinnerung sein, ein Geruch, ein Gedanke – oder eben auch der Wunsch der Seele etwas endgültig loszulassen.
Auch der dunkle, dichte Ton gehört zu uns, aber er beeinflusst unser Leben nicht mehr. Wenn also der dichte Ton wieder kommt, gilt es sich daran zu erinnern wer wir sind: “Ich bin eine unendliche Seele, die hier eine menschliche Erfahrung macht und ich bin Teil von allem was ist. Und dieses Dichte war eine alte Erfahrung, die ich in meinem Jetzt nicht mehr erlebe.” Und damit stimmen wir uns wieder auf unseren neuen Ton, unseren neuen Klang ein – ohne den alten zu verteufeln oder ihn zu ignorieren.
Manchmal – und hier komme ich wieder zurück auf das, was ich häufig bei älteren Menschen erlebe – hängen wir an diesem alten Klang fest. Er möchte gelöst werden, wird es aber nicht. Das ist erkennbar an den ewigen Wiederholungen der gleichen Geschichte, des gleichen Erlebens.

Woran erkennen wir, dass die Gedankenschlaufen gelöst sind?

Weil sie aufhören!
Wenn also Menschen immer und immer wieder von ihrer dramatischen Kindheit erzählen, dann sind sie fest in ihrer Schlaufe verwoben. Erst wenn das gelöst wird, besteht kein Grund mehr diese Erinnerungen in Gesprächen laufend zu wiederholen. Wir mögen zwar ab und zu über unsere Kindheit sprechen – allerdings jetzt mit einem erlösten und verständnisvollen Lächeln. Das ist der große Unterschied. Erspüren wir die Schmerzen noch und wiederholen wir sie dauernd, haben uns unsere Kindheitserlebnisse fest im Griff und beeinflussen unser erwachsenes Leben unbewusst.
Wie schön, dass diese Gedankenschlaufen wieder hoch kamen und ich damit die Möglichkeit hatte, mir das nochmal anzuschauen und ja, ich bin im fortgeschrittenen Lebensabschnitt, nämlich fast 60. Wie passend also.
Als mir das auf dem Heimweg von meiner Yogastunde klar wurde, fühlte ich mich sofort erleichtert. Ich bin immer dankbar, wenn ich etwas verstehen und nachvollziehen kann.
Heißt das, ich bin das jetzt losgeworden?
Für jetzt ja. Ob es zum letzten Mal hochgekommen ist wird sich zeigen.
PS: Am nächsten Tag kam eine weitere Email von der enttäuschten Teilnehmerin und sie erzählte mir, dass ihr klar wurde, dass es eine Herausforderung von ihr ist, mit Enttäuschungen umzugehen …

Ich gab einen Workshop zum Thema “Achtsamkeit und Intuition” und gegen Ende gab es eine Frage-Runde. Ich erzählte zur Veranschaulichung von “Intuition-ist-gleich-Wissen” von unserer Haussuche. Seit März suchen wir ein neues Zuhause auf dem Land, weil wir Ende Februar wegen Eigenbedarfs ausziehen werden. “In mir ist dieses starke Gefühl, dass das richtige Zuhause kommen wird. Das ist ein tiefes, inneres Wissen und ich verlasse mich darauf und deshalb bin ich da ganz entspannt.”
“Und er?” wurde ich gefragt. “Wie geht er damit um?”
“Er hat seine eigenen Gefühle dazu, die unter anderem auch daher kommen, dass er mal eine Zeit im Kinderheim verbracht hat. Ein Zuhause hat für ihn eine andere Bedeutung. Für ihn ist es schwerer.”
“Das ist dann bestimmt schwierig zwischen euch.”
Ich schaute völlig überrascht in die Runde: “Nein. Warum?”
Ich verstand die Aussage nicht, sah aber, dass mehrere der ca. 50 Teilnehmer nickten und offensichtlich davon ausgingen, dass das so sein müsste. Ich fragte zurück: “Warum soll es da ein Problem zwischen uns geben? Er fühlt, was er fühlt. Ich fühle, was ich fühle.”
“Ach soooo…”.
Einige Paare schauten sich an, als wäre ihnen gerade ein Licht aufgegangen: Eine andere Meinung, ein anderes Gefühl muss nicht zwangsläufig ein Problem sein. Es wird nur dann ein Problem, wenn ich nicht akzeptiere – oder nicht akzeptieren will – warum meine Liebste, mein Liebster etwas anderes fühlt als ich. Er wie ich sind völlig entspannt mit dem Zustand des Anderen. Ich muss seinen nicht ändern, er meinen nicht. Beides würde uns im Traum nicht einfallen. Wozu auch? Wir sind nicht verantwortlich für das Innenleben des Anderen. Ich bin dafür zuständig mit meinen Gefühlen, meinen Wünschen, meinen Gedanken und meinen Ängsten umzugehen. In einer innigen Paarbeziehung teilt man sich mit. Das war es aber auch schon. Der Rest ist meine bzw. seine Verantwortung.
Eine meiner Bekannten hat gerade ein Problem mit ihrem Verlobten. Sie kann besser mit Geld umgehen als er. Er trifft teure Entscheidungen, die sie sich nicht leisten können. Für ihn ist aber die Entscheidungsgewalt über das gemeinsame Geld eine Frage seiner Männlichkeit. Er wirft ihr vor “immer Recht zu haben”. Tja. Das hat sie finanziell nun mal. Sie sah die bisherigen Problematiken voraus, an denen sie jetzt knabbern und sie befürchtet, dass wird so weiter gehen. Er hat enorme andere Talente. Die er aber selbst nicht wirklich schätzt.
Was haben sie am Anfang aneinander geschätzt? Sie, dass er zupacken kann und nicht zögert. Er, dass sie patent ist.
Zur Erinnerung: Am Anfang einer Beziehung werden wir in der Regel von jemandem angezogen, der eine Eigenschaft hat, die uns fehlt, denn wir als Seele wünschen uns Wachstum. Also beispielsweise eine die sehr quirlig, aktiv und spontan ist, wünscht sich vielleicht mehr Stabilität und Ruhe. Dann wird ein Partner/In auftauchen, der/die genau das ausstrahlt. Denn andersherum wünscht sich der/diejenige der Stabilität und Ruhe kennt, sich vielleicht mehr Lebendigkeit und Schwung. Voila!
Ideal – würde ich sagen. Denn jetzt in diesem Idealfall lernen beide voneinander. Der Ruhigere wird von dem Schwung inspiriert und erlaubt sich mehr Aktivität. Die Aktive wird von der Gelassenheit inspiriert und erlaubt sich mehr Ruhe. Beide unterstützen sich gegenseitig in diesem gemeinsam Erkennen der Begabungen des Anderen und dem Wunsch nach mehr Gleichgewicht und innerer Harmonie.
In einem erwachten Paar entstehen eine gegenseitige Freude und eine Dankbarkeit für die Begabung des Anderen und eben auch der Wunsch das Gegenüber beim Bewussterwerden zu unterstützen. Das ist eine Beziehung ähnlich wie zwischen Augen und Ohren. Der eine hat, was der andere nicht hat. Gemeinsam sind sie ein hervorragendes Team. Augen wie Ohren wären füreinander wahrscheinlich dankbar – wenn sie ein eigenständiges Bewusstsein hätten. Natürlich hinkt der Vergleich, denn Augen werden niemals hören können und Ohren niemals sehen, aber wir – als Paar – haben die Möglichkeit unsere jeweiligen Schwächen und Stärken in ein größeres Gleichgewicht zu bekommen.
Falls jemand quirlig ist und zu kurzfristigen, unüberlegten Entscheidungen neigt, kann der ruhigere Partner unterstützen und zwar mit einem: “Liebste, du hattest Dir doch gewünscht, bei spontanen Entscheidungen Dir nochmal die Zeit zu nehmen, um etwas länger darüber nachzudenken. Hast Du das schon gemacht?” Oder anders herum: Der Ruhigere kommt nicht in die Gänge und die Aktivere schlägt vor “Liebster, wolltest Du Dir das nicht abgewöhnen zu lange zu zögern, weil dann eventuell die Gelegenheit vorbei geht. Ist das vielleicht gerade so ein Moment?”
Das ist also der ideal Fall.
Dann gibt es die anderen Fälle. Und die laufen meistens so ab: Das, was uns am anderen angezogen hat, geht uns jetzt auf die Nerven. Die ursprüngliche Ruhe und Gelassenheit, die wir am Anfang so geschätzt haben wird zum: “Der kriegt seinen Arsch nicht hoch.” Das Lebendige, das uns mal begeistert hat, wird jetzt zum: “Sie nervt. Die kann keine Sekunde ruhig sitzen bleiben.”
Somit ist die Gelegenheit zum gegenseitigen Wachstums zu einer weiteren Gelegenheit zur Trennung geworden. Den Anderen so zu akzeptieren wie er ist, reduziert sich nicht auf ein Schulterzucken und ein leicht resignierendes “Tja, so ist er/sie eben”. Sondern ein aktives Nutzen der Geschenke des Anderen – nicht nur zum beidseitigen Wohl, sondern auch zum Wohle aller, die in der Nähe dieses Paares sind.
Großartig, nicht wahr?