Wandel. Das kann ja doch manchmal sehr schnell gehen. Wir haben gerade durch Corona erlebt, dass sich die Welt und das was wir gewöhnt sind, schnell wandeln kann. Im Januar noch erzählte mir mein früherer Mann, dass Freunde von ihm in Peking nur einmal die Woche die Wohnung verlassen dürfen um Lebensmittel einzukaufen. Als er mir das erzählte, konnte ich das kaum glauben.

Die Möglichkeit nicht – wann immer man will – aus dem Haus zu gehen, nicht verreisen zu können, jemanden nicht besuchen zu dürfen, war uns allen fremd. Und doch mussten wir mit diesem Wandel umgehen. Wie wir uns an diese neue Situation gewöhnten war sehr unterschiedlich.

Manche akzeptierten die Situation und versuchten das Beste daraus zu machen. Andere eher nicht. Einige verbreiteten Verschwörungstheorien oder versuchten aufzuklären – je nach Standpunkt und Einstellung konnte dies das Gleiche sein. Jeden Tag gab und gibt es neue Erkenntnisse – und damit genau das, was uns am Wandel irritiert: Wir wissen nicht genau, wie es weitergeht. In der Wissenschaft, wie in unserem Leben, wechseln Erfahrungen, Erlebnisse und … damit auch Ergebnisse.

In Zeiten von Corona konnten wir beobachten, wie unterschiedlich diese Zeit aufgenommen wurde. Manche von uns wurden zum ausatmen nach Hause geschickt. Andere arbeiteten mehr als jemals zuvor. Doch bei wohl allen gab es neue Gedankengänge: Weg von der Routine, hin zum Wandel.

Vieles wurde überprüft. Die Art zu Leben zum Beispiel.

Brauche ich wirklich so viele Termine? Bin ich froh über mein Homeoffice und die Vermeidung des Berufsverkehrs? Genieße ich die Stille draußen, den wenigen Verkehrslärm, das allgemeine Herunterfahren der Hektik? Erfreue ich mich an den Kindern zuhause? Oder will ich mit dem Menschen, mit dem ich mein Leben teile, wirklich noch zusammen sein? Nicht wenige haben in dieser Coronazeit beschlossen, ihr Leben zu verändern. Viele haben eine große Dankbarkeit für unser Leben hier entwickelt, weil wir gesehen haben, wie andere Länder die Situation gehandhabt haben und wie wir beneidet worden sind.

Für mich ist Wandel ein wichtiger Schritt auf meinem Seelenweg. Ich bin in erster Linie Seele, die hier eine menschliche Erfahrung macht und meine Seele sorgt dafür, dass ich die Erfahrungen, die für mein Wachstum wichtig sind, auch mache. Die Seele ist übrigens in meinen Augen nicht die Psyche; sie kann also nicht „krank“ werden und verletzt sein. Sie ist der Teil, der untrennbar mit der Unendlichkeit verbunden ist und übrig bleiben wird, wenn wir den Körper wieder verlassen. Wir sind mit jeder Zelle Wandel – und die Sabrina, die diese Zeilen schreibt, ist biologisch gesehen eine andere Sabrina, als die, die sie abgeben wird. Unser Verstand mag Wandel meistens nicht, denn das bringt ihn ziemlich durcheinander. Aber wir als Seele wissen um die Bewegung, die es für die kreative Schöpfung braucht. Stillstand ist nicht vorgesehen. Weder in der Natur, noch in und um uns.

Wie wir mit Veränderungen umgehen, hat viel damit zu tun, wie wir sie als Kind empfunden haben.

War das Ergebnis einer Veränderung angenehm oder unangenehm? Sind wir vielleicht vom Haus mit Garten, mit viel Natur und Freiheit nach der Trennung der Eltern – oder deren neuen Jobsituation – in eine Großstadt mit kleiner Wohnung im fünften Stock ohne Balkon gezogen? Haben wir uns dort fremd und einsam gefühlt?

Oder war es gerade anders herum? Hat jede Veränderung in unserer Kindheit uns mehr Freude gebracht? Vielleicht einen Hund zu Weihnachten? Neue Geschwister, an denen man sich erfreute. Endlich ein Umzug mit einem eigenen Zimmer? Der neue Freund der Mutter wurde ein aufmerksamer zweiter Vater?

Wenn wir uns mit Wandel schwer tun, dann hilft es, sich die eigene Kindheit anzuschauen. Wie waren die eigenen Erfahrungen mit Veränderungen? Welche Lebenseinstellung haben wir daraus entwickelt?

Ich kann mit Wandel sehr gut umgehen, was auch damit zu tun hat, dass in meinem Leben Wandel langfristig immer besser für mich war. Aus meiner nicht sehr glücklichen Kindheit gestaltete ich mir über die Jahre ein glückliches Erwachsenenleben. Das hat gedauert und doch wurde ich Stück für Stück wacher und klarer mit mir und dem was ich mir erschaffen möchte.

Wie aber können wir uns dem Wandel öffnen, wenn wir als Kind zu schmerzhafte Erfahrungen damit gemacht haben? In dem wir anfangen, die Vergangenheit zu befrieden. Wir verlassen das Schuldkonstrukt und wenden uns den Geschenken zu. Das ist kein einfacher Prozess. Denn manchmal haben wir uns durch die Schuldzuweisung so verloren, haben uns im „Zimmer des Selbstmitleids“ so lange eingerichtet, dass wir die Geschenke nicht erkennen können.

Als Beispiel: Mein Vater war Alkoholiker und lange habe ich ihn für vieles in meinem Leben verantwortlich gemacht: „Hätte ich nur einen netteren Vater gehabt, dann …“ Als ich anfing mir sein Leben genauer anzuschauen, entdeckte ich die Geschenke meiner anstrengenden Kindheit. Durch sein Beispiel habe ich mich von Süchten ferngehalten. Ich habe früh gelernt mich finanziell auf eigene Beine zu stellen, damit es mir mal nicht wie meiner Mutter geht. Ich sah die Ehe meiner Eltern und erkannte, dass das nicht Liebe sein kann. Ich begann mein spirituelles Wachstum, weil ich verstehen wollte, warum sich jemand so entwickelt. Und: Ich lernte Vergeben. Wenn ich jetzt über meine Kindheit oder meinen Vater spreche, dann lächele ich. Am Gesichtsausdruck erkennen wir, ob die Vergangenheit wirklich geheilt ist.

Durch die Erforschung unserer Vergangenheit – ohne darin kleben zu bleiben – erkennen wir unsere eigenen Seelenhausaufgaben und beginnen unser Leben klarer zu gestalten. Das was früher als unabdingbar empfunden wurde, erkennen wir jetzt als Wahl: Ich kann dazu als Erwachsene ja oder nein sagen.

Wir wechseln bei einem machtvollen Wandel von einer Art von Treibstoff (in diesem Fall Schuld) zu einer anderen (Wachheit). Ähnlich einer Geburt: Dort vom Fruchtwasser der Mutter zum eigenständigen Atmen.

Wandel ist zwar manchmal eine Erleichterung, häufiger aber ein anstrengender Geburtsprozess.

Das Kind wird ja auch nicht vom Storch vor dem Haus frisch gewindelt abgelegt. In diesem ganzen Prozess des Gebärens hilft es nicht, wenn wir brüllen: „Ich will dass das aufhört! Ich will wieder, dass es so ist wie vorher!“ Der Weg zurück ist nicht vorgesehen. Und wenn dann das Kind in unseren Armen liegt, ist die Anstrengung schnell vergessen. Das ist der Vorteil an vergangenen Schmerzen: Man erahnt sie nur noch.

Wenn es uns gelingt, jeden Wandel mit neugierigem Interesse zu betrachten, dann erkennen wir auch die Geschenke darin. Und wenn nicht, dann tauchen sie eben solange auf, bis wir es tun.

Seelenhausaufgaben eben. Sie sind dann doch zum Glück etwas hartnäckig.

 

 

Sabrina Fox hat in den letzten dreißig Jahren über ein Duzend Bücher zu ganzheitlichen Themen geschrieben. Sie absolvierte Ausbildungen als klinische Hypnosetherapeutin, Mediatorin, Konflikt-Coach und studierte Bildhauerei und Gesang. Ihr neuestes Buch „Wenn wir uns trennen, lernen wir uns kennen“ ist ein Beziehungs- und Arbeitsbuch um erfülltere Beziehungen zu gestalten. Für einen Weg nach mehr Klarheit und Leichtigkeit im Leben hat sie bei Sinnsucher-de drei umfangreiche Online-Kurse zum eigenen Erforschen und Üben gestaltet.

www.SabrinaFox.com

Seit Dezember 2019 habe ich einen leeren Kalender. Da steht nichts mehr drin – außer den Geburtstagen, die sich jährlich wiederholen. Ich war weder krank, noch erschöpft, noch im Burnout. Ich war auch nicht gelangweilt oder unglücklich in meinem Leben. Und obwohl ich ein Leben führte, für das ich sehr dankbar war, wusste ich doch, dass meine Seele mich in eine andere Richtung leiten möchte. Aber in welche?

Am Anfang des letztes Jahres wurde mir klar, dass ich zu viele Wecker in meinem Leben gesetzt hatte. Wecker die mir sagen, was ich zu tun habe, wo ich wann zu sein habe, wen ich zu treffen habe und was ich zu erledigen habe. „Ticking clocks“ – also tickende Uhren – die mir meine Zeit und mein Leben einteilten. Und daran war ich gewöhnt; seit über vierzig erwachsenen Jahren.

Im Frühjahr 2019 begann ich „Nein“ zu sagen, um meinen Kalender frei zu kriegen. Das war das vierte Mal in meinem beruflichen Leben, dass ich mich zurückzog. Das erste Mal nach der Geburt meiner Tochter 1989. Dann Ende der 90ger Jahre für ein paar Jahre, als ich von meinem Helfersyndrom ausgebremst wurde und zu erschöpft war, um weiterzumachen. Zehn Jahre später war der Auslöser der Wunsch „ganz im Jetzt“ zu leben und der Wunsch herauszufinden, was ohne Planung eigentlich passiert (gleichzeitig rutschte ich in ein tiefes Loch initiiert durch meine Wechseljahre). Und jedes Mal habe ich danach – mal mehr und mal weniger verändert – wieder das aufgenommen, was ich vorher abgelegt hatte: Wieder Bücher geschrieben. Wieder Workshops gegeben. Wieder Vorträge gehalten.

Wird es auch dieses Mal so sein?

Ich ahnte anderes. Ende November 2019 dann hielt ich meinen letzten Workshop. Und nichts tickte mehr. Als das Ticken aufhörte, hörte auch meine alte Zeitrechnung auf. Ich verbrachte meine Zeit in meinem Hängesessel im Garten oder im Wald. Mein Liebster Stanko beschützte meine stillen Zeiten und wunderte sich, was sich daraus entwickeln würde. So kannte er mich nicht. Ich wunderte mich auch.

Ich wanderte durch leere Räume in meinem Hirn und verlor meine Lebenslust. Bewegte mich langsam, sehr langsam vom Sinn (etwas zu tun) zum Sein und bliebt dann dort erst einmal stehen.

Abwartend.

Ich hörte auf mich zu verabreden. Hörte auf zu schreiben. Dann hörte ich auf zu trommeln. Dann hörte ich auf zu singen. Ich hatte nicht nur die Lebenslust sondern auch meinen kreativen Schwung verloren und das war ich überhaupt nicht gewohnt. Ich dachte eigentlich, dass ich mit einem leeren Kalender eben mehr Zeit für Kreativität haben würde. Aber dem war nicht so. Mir fehlte schlichtweg die Lust und das Interesse.

Ich wartete. Erwartete, dass sich aus dem leeren Stoppelfeld, das jetzt mein Leben war, wieder etwas entwickeln würde. Aber es entstand nichts. Es blieb still. Dann kam Corona. Und es wurde noch stiller.

Jede und jeder verbrachte diese Zeit – und verbringt sie immer noch – passend zum eigenen Seelenweg. Ich schreibe hier über meinen, natürlich wissend, dass es für viele eine völlig andere Situation gab: Überforderung. Schnelligkeit. Sorgen. Und doch erlebten nicht wenige Mitmenschen eine ähnliche Zeitqualität. Wir entdeckten die Langsamkeit. Und zu meinem großen Erstaunen gefiel sie mir.

Das war ich nicht gewohnt. Alles was ich bisher machte, war schnell. Ich bewege mich schnell. Ich denke schnell. Ich organisiere schnell. Ich esse sogar immer noch zu schnell. Die Zeit war meine Begleiterin. Eine strenge Begleiterin. Eine, die eben auch mit einem Wecker (manchmal fühlte es sich an wie fünf!) in der Hand neben mir herlief – manchmal auch mit einer Peitsche. Zuerst verlor meine Begleiterin ihre Peitsche, dann den Wecker. Und dann lief sie nicht mal mehr neben mir her.

Die Zeit fing an unkonkreter zu werden, flüssiger und entschieden langsamer. Selbst die Stimme, die mich mein ganzes Leben lang vorwärts getrieben hatte, wurde still. Es blieb ihr ja auch nichts anderes übrig.

Vieles in der Welt wurde stiller. Langsamer. Ruhiger.

Wochen vergingen. Die Lebenslust kam nicht zurück – aber ein anderes Gefühl: Da entwickelte sich eine Art Lebensstille. Ein angenehmes und doch unvertrautes Gefühl. Nichts in mir trieb mich vorwärts. So muss sich eine Pflanze fühlen, die sich keine Gedanken darüber macht, ob sie wächst. Sie wächst einfach. In ihr und wahrscheinlich auch in uns ist das tiefe Wissen angelegt, dass alles, was da gerade passiert, genau so richtig ist.

Monate vergingen in denen ich lange schlief. Bis heute ist das so. Zehn, manchmal sogar zwölf Stunden. So als ob mein Treibstoff ein anderer wird und sich mein Körper umstellt. Dann wechselte langsam der morgendliche Blick. Ich sah beim Aufwachen nicht mehr das abgemähte Stoppelfeld vor meinem inneren Auge, sondern einen freien Raum, der von mir nichts erwartete. Der nicht gefüllt werden wollte. Der einfach nur sein durfte … und so lies ich ihn.

Ich merkte, dass ich mich von ego-driven goals (vom Ego getriebenen Zielen) komplett löste. Seit 40 Jahren stehe ich mehr oder weniger in der Öffentlichkeit. Erst durch meinen früheren Beruf als Fernsehmoderatorin, dann mit Vorträgen, Workshops, Büchern und Interviews. Da gab es Ziele. Erfolge & Misserfolge. Vergleiche. Nichts davon hatte ich mehr.

Immer wieder tauchte die Frage auf, ob ich mich in Zukunft von einem öffentlichen Leben zurückziehe. Werde ich eine Eremitin mit nur noch wenigen Kontakten? Es fühlte sich angenehm an, mich nur noch im weiten Sein aufzuhalten. Und der Gedanke, dass dies ab jetzt so bleiben wird, wurde verlockender.

In diesem Seinszustand gab es nichts mehr zu erreichen. Nichts mehr zu erschaffen. Ob ich jemals wieder schreibe, jemals wieder öffentlich etwas mache – all das war bedeutungslos geworden. Ich war in meiner eigenen Stille, in meinem eigenen Sein angekommen. Und doch war es nicht „mein eigenes“ Sein. Es war viel weiter als das. Oft löste ich mich auf. Von Sabrina zu … Nichts. Oder von Sabrina zu Allem. „Sabrina“ wurde meine Avatarin. Mein Spielzeug, mein Mensch: Erspürt und erfühlt als „Einzeln“ und – je nach Meditationstiefe – gleichzeitig als Teil eines „Nichts“ oder … Teil von Allem.

Wieder vergingen Wochen in denen ich diesen Zustand tief erspürte. Ich verbrachte Stunden in der Meditation und erfreute mich an diesem intensiven Körpergefühl  und an dem, was ich an und um mich herum erspürte: Die Anwesenheit der Engel. Pulsierende Farben. Geometrische Figuren, die sich in und um mich bewegten.

Mir fiel auch auf, das Dinge, für die ich früher vielleicht eine halbe Stunde gebraucht hatte, jetzt den ganzen Tag in Anspruch nahmen. Ich ahnte, was passiert, wenn man sich dem Sterben nähert. Und da ich schon immer Sterben interessant fand, fing ich an, mich noch mehr damit zu beschäftigen. Nicht nur deswegen, weil meine Mutter von uns Zeit und Aufmerksamkeit braucht und ihr Sterbeprozess ein so faszinierender wie langfristiger ist, sondern auch weil ich das raus- und reingleiten im Körper – sei es durch Schlaf oder Meditation – spannend finde. Kann ich „wach“ einschlafen? Kann ich mir beim schlafen zusehen?

Mir war klar, dass ich jetzt nicht sterben werde. Aber trotzdem starb etwas in mir. Löste sich auf. Ab und zu zog es mich an meinem Laptop und ich schrieb ein paar Gedanken auf. Das Schreiben erfreut mich und das werde ich bestimmt behalten. Eine neue Buchidee kam hoch und will erforscht werden. Im Außen begann ich kleinere Projekte zu übernehmen, um zu schauen, ob sie mich auch längerfristig begeistern. Bleibt das Interesse oder flacht es wieder ab? Durch die Erschütterungen für viele in der Corona-Krise entstand der Wunsch ausnahmsweise einen meiner Onlinekurse „Folge der Sehnsucht deiner Seele“ zu begleiten: Durch ein Forum mit Audionachrichten an die Gruppe, bei denen ich Fragen beantwortete. Es war eine sehr aktive Gruppe, bei der sich viel tat und es freute mich am Ende zu lesen „Ich hätte nie gedacht, dass ein Online-Kurs soviel bewegen kann“ oder „Ich fühle mich heute bei mir angekommen, wie noch nie in meinem Leben.“

Das Ergebnis meiner Unterstützung berührt den tiefen Wunsch in mir, etwas zum Wohl meiner Mitmenschen und der Welt beizutragen. Was möchte ich noch mitgestalten? Will ich überhaupt noch was mitgestalten? Und wenn ja, WIE möchte ich es mitgestalten?

Die Art und Weise wie ich bisher gelehrt hatte, fühlte sich beendet an. Das ahnte ich beim Erschaffen meiner drei Onlinekurse schon. Denn dort und damit hinterließ ich die Informationen und das Wissen, das ich gesammelt hatte, damit sie bei Interesse abgerufen werden können. Wie natürlich auch in meinen Büchern.

Ich begann auf Facebook ein paar Mal im Monat geführte Meditationen anzubieten. Vorher ein kurzes Gespräch über Themen, die vielleicht gerade in der Corona-Zeit hochgekommen sind. Das hat mich erfreut und die Mitmacher*innen auch. Inspirieren. Fragen stellen. Nachforschen. Unterstützen. Wie kann das gehen ohne meine Langsamkeit zu verlieren? Vielleicht ein Podcast? Wieder ein paar Videos?

In den letzten Tagen verspürte ich eine leichte Unruhe. Es zog mich weniger nach draußen. Ich wanderte mehr in meinem Büro herum. Räumte das weg. Schrieb dies auf. Doch da gibt es noch kein Ziel. Und ich wünsche mir eines, das merke ich.

Ich spüre wie sich die Wurzeln unter der abgemähten Wiese ausdehnen. Es sprießt noch nichts nach oben. Es ist noch ein Erforschen „unter der Erde“. Aber es bewegt sich was.

Langsam.

Genau wie ich es jetzt mag …

Gerade ist die beste Freundin unserer Mutter gestorben. Nicht an Corona … und doch wurde ihr Sterben durch Corona anders. Die zwei Töchter durften sie am Ende ihres Lebens kaum noch besuchen und nur eine sich von ihr verabschieden, da sie im Krankenhaus mit neuen, strengen Besuchsregeln lag.  Zuerst wurde den Töchtern abgeraten, die Mutter nach Hause zu holen, weil von den Ärzt*innen angenommen wurde, dass sie noch behandelbar war („Sie wollen ihre Mutter doch nicht sterben lassen!“). Dann, weil sie sich zwischenzeitlich zwar nicht mit Covid-19, aber dafür mit einem Krankenhauskeim angesteckt hatte. Dann weil sie (noch) nicht transportfähig war. Dann, weil sie zum Stabilisieren noch in eine andere Klinik verlegt werden sollte. Dann nicht mehr, weil sie dort im Sterben lag.

Die beste Freundin meiner Mutter wurde 85 Jahre alt. Sie selbst ist 92. Meine Mutter geht es gerade recht gut. Erst vor zwei Monaten hatte sie eine schwere Lungenentzündung überstanden. Meine Mutter gehört zur Risikogruppe.

Risiko für was?

Um zu sterben.

Unseren Körper zu verlassen ist für manche eine Erlösung, für manche ein entspannter natürlicher Vorgang und für wieder andere eine große Sorge. Die Angst vor Schmerzen, vor dem was danach kommt, vor dem Kontrollverlust, vor dem ganzen Prozess des Abschiedsnehmens setzt nicht wenigen zu.

Was brauchen wir, wenn wir uns vor etwas fürchten?

Hilft es uns, wenn wir so tun, als gäbe es das nicht? Wird es uns besser gehen, wenn wir Erkenntnisse, die uns Angst machen, weit von uns wegschieben? Wird es uns später an Entscheidungskriterien mangeln, weil wir uns nicht darum gekümmert haben, was unsere Wahlmöglichkeiten sind?

Oder ist es nicht unterstützender, wenn wir uns erst einmal informieren, wie so ein Sterben denn eigentlich aussieht – mal abgesehen von den Krimis die wir so gerne lesen und die in Fernsehsendern und Serien zum üblichen Abendprogramm gehören? Produzieren wir deswegen soviele Krimis, weil wir uns dadurch von unserem eigenen Sterben ablenken können?

Es gibt viele wichtige Bücher über diese Zeit, in der wir dabei sind unseren Körper zu verlassen („Über das Sterben“ von Gian Domenico Borasio ist eines davon) und die über Fakten und über Erfahrungen des Sterbeprozesses informieren. Vielen fällt es wahrscheinlich leichter danach die eigene individuell passende Entscheidung zu treffen.

Ich habe gerade zu meiner Überraschung gelesen, dass nur 1/3 aller Menschen in Pflegeheimen eine Patientenverfügung haben. Man müsste meinen, dass man – falls man es noch kann – darüber nachgedacht hat, wie man das Ende des Lebens verbringen will.

Aber viele tun das offensichtlich nicht. Die Verdrängung in diesem Bereich ist enorm. Manchmal sind es Kleinkinder, die mehr über das Sterben wissen wollen und uns dazu bringen, uns mit dem Thema zu beschäftigen (mein Buch: Der klitzekleine Engel hilft beim Abschied). Wir sind so mit unserem Körper identifiziert – trotzdem er selten wirklich gut behandelt wird – dass wir nicht darüber nachdenken wollen, was denn bitte passiert, wenn wir ihn verlassen. Mein Leben ist für mich ohne die spirituelle Basis nicht vorstellbar und so beschäftige ich mich seit vielen Jahrzehnten mit dem Sterben. Ich finde es einen faszinierenden Prozess. Genauso faszinierend wie eine Geburt; was Sterben in meinen Augen auch ist. Als Seele bewege ich mich aus meinem menschlichen Körper hinaus in einen anderen Zustand. Wie ich mich aus dem einen in den anderen Zustand bewege, hängt davon ab, wie „wach“ ich bin.

Was heißt in diesem Zusammenhang „wach“?

Das heißt, dass wir uns nicht nur mit unserem Körper identifizieren. Dass wir nicht bis zum letzten Atemzug von Emotionen hin und her geschleudert wurden, sondern sie schon gemeistert haben. Nicht unterdrückt wohlgemerkt. Sondern gemeistert. Das ist etwas völlig anderes.

Wir haben ebenfalls erfahren, dass wir unser Leben selbst gestalten und wir haben es gestaltet: Zu einem friedlichen, entspannten, freudigen, gelassenen Sein. Wir wissen um unsere eigene Schöpferkraft und wir wissen auch, wie wir sie zum eigenen Wohl und zum Wohle der Wesen um uns herum einsetzen. Und wir wissen, dass wir in der Lage sind, aus unserem Körper elegant herauszugleiten.

Sterben ist kein Zustand, den wir weg beten, weg denken oder weg diskutieren können. Wir werden sterben. Das ist eine Tatsache. Und es ist eben auch eine Tatsache, dass wir in den meisten Fällen sehr wohl ein Wörtchen mitzureden haben, wie das denn vonstatten gehen wird.

Gerade jetzt, zu diesen Zeiten kann eine Erforschung dazu nützlich sein. Da dies nur eine Übung ist und wir wissen oder zumindest ahnen, dass unsere Gedanken unsere Realität erschaffen können, stellen wir uns während dieser kommenden Übung vor, dass über uns eine undurchdringliche Glocke sitzt, die dafür sorgt, dass die Gedanken sich nicht ausbreiten.

Stellen wir uns also vor, wir sind im letzten Teil unseres Lebens angekommen. Und wir haben uns mit Corona angesteckt. Es gibt einige Videos bei denen Ärzte, Krankenschwestern oder Pfleger*innen kranken Senioren mitteilen, dass es bei ihnen einen Coronaverdacht gibt (ich habe mir ein paar  davon angesehen) und dann gibt es jedes Mal mehr oder weniger folgenden Dialog … oder eher Monolog:

„Es sieht nach Corona aus. Sie müssen ins Krankenhaus.“

Und die Antwort darauf ist ein verschrecktes Nicken. Was wäre, wenn wir eine andere, eine wirkliche Frage gestellt bekommen würden:

„Sie haben Symptome die darauf hindeuten, dass sie mit Covid-19 infiziert sind. Da gibt es jetzt für Sie verschiedene Möglichkeiten und selbstverständlich haben Sie Zeit in Ruhe darüber nachzudenken. Wahl Nummer eins: Sie gehen ins Krankenhaus, weil Sie sich dort besser aufgehoben und betreut fühlen. Dort kann es sein, dass Sie in die Intensivstation – je nach Ihrem Zustand – gelegt werden. Sind Sie dort, können Sie keinen Besuch bekommen. Im normalen Krankenzimmer auch sehr wenig bis gar keinem. Es kann sein, dass wir Ihnen eine künstliche Beatmung vorschlagen. Dass heißt, dass wir Sie in ein künstliches Koma setzen, Sie mit einem Beatmungsgerät intubieren – also wie bei einer Operation narkotisiert werden – allerdings in diesem Fall nicht wie bei einer Operation ein paar Stunden sondern jetzt Tage, wenn nicht Wochen so liegen werden. Es kann sein, dass Sie sich wieder erholen und weiterleben können. Es kann aber auch sein, dass Sie Schäden davon tragen und es kann sein, dass Sie während oder anschließend daran sterben. Natürlich können Sie das auch ablehnen und wir können versuchen, Sie durch andere mildere Arten der Beatmung zu stabilisieren. Es kann aber sein, dass uns das nicht gelingt.

Sie haben noch eine weitere Wahl: Sie möchten nicht in ein Krankenhaus sondern lieber zuhause bleiben. Dort können Sie weiterhin betreut werden und von Ihren Liebsten besucht werden. Sie werden keine Schmerzen haben und auch nicht qualvoll ersticken, sondern wir sind in der Lage Ihren Körper schmerzfrei zu halten. Es kann sein, dass Sie an dem Corona Virus sterben, es kann aber auch sein, dass Sie sich wieder erholen. Das können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Das hängt vor Ihrem Zustand ab. Das sind Ihre Wahlmöglichkeiten.

Überlegen Sie sich bitte, was sie wählen möchten.“

Was würden wir wählen – am Ende unseres Lebens?

 

Wer hätte das gedacht? Ein Virus hat die Aufgabe übernommen, unsere Welt – wie wir sie bisher kennen – umzugestalten. Zu Hause bleiben. Abstand halten. Keine Restaurants und Reisen. Distanz statt Umarmung. Lächeln statt Händeschütteln. Unnötigen Kontakt vermeiden. Mehr Stille. Weniger machen.

Wir wurden zum Ausatmen nach Hause geschickt.

Diese Verlangsamung hat Folgen. Nicht nur wir spüren das, sondern auch unsere Natur. Weniger Umweltverschmutzung, weniger Lärm, weniger Verkehr, mehr Homeoffice, stillere Zeiten alleine – oder jetzt überraschend viel Zeit in engem Raum mit den Menschen verbringen, mit denen wir zusammenleben. Nachdenken zu den Themen Sterben und Leben, Gespräche über Solidarität und/oder freie Entscheidung. Ablenkung erwünscht oder lieber tiefes Erforschen? Was braucht der Körper (wirklich so viel Toilettenpapier?) und was brauchen wir an neuen Gewohnheiten? Wie groß ist meine Angst und warum genau? Nähe und Distanz, Zuhören und Einbringen. Mitmachen oder Ignorieren.

Gerade eben erhielt ich eine Email mit einer Bitte um Weiterleitung: Es geht um eine gemeinsame Meditation, damit der Virus „vollständig entfernt wird, alle infizierten Gebiete desinfiziert werden, alle Patienten geheilt werden, alle den Virus bestreffenden Ängste beseitigt werden und die Stabilität wieder hergestellt wird“.

Ich habe die Email nicht weitergeleitet – obwohl ich finde, dass normalerweise nicht genug meditiert wird – aber hier stimmt was für mich nicht. Es wird nicht meditiert, um in die Stille zu gehen und selbst zu erforschen, was diese Zeit in uns auslöst oder … auch löst. Dieser Aufruf ist für mich so, als würde jemand während einer Geburt rufen: „Halt! Das ist falsch! Zu viel das ich nicht einordnen kann, zu viel Schmerz, zu viel Unsicherheit! Halte die Beine zusammen und höre mit dem pressen auf! Lasst uns alles beseitigen und desinfizieren, damit es so wird wie vorher und die Stabilität wieder hergestellt wird!

Wollen wir wirklich das was war, wieder genauso herstellen?

Ich nehme an, wenn wir die Reisenden fragen, die irgendwo in der Weltgeschichte verteilt mehr oder weniger verzweifelt gerade nicht nach Hause kommen, sie würden mit „Ja“ antworten. Diejenigen die sich Sorgen machen, dass ihr Geschäft, Ihre Arbeit, ihre Karriere, ihr Betrieb nach diesem Carona-Zustand verloren ist, wahrscheinlich auch. Auch wahrscheinlich die, die krank sind, Angst haben es zu werden, um jemanden besorgt sind, der es schon ist oder um jemanden trauern. Ebenfalls Ärzt*innen, Krankenschwestern und Pfleger*innen, Supermarkt-Angestellte, Lieferant*innen, Polizist*innen, Lagerarbeiter*innen, Fahrer*innen (die Liste der „systemrelevanten“ Berufe ist lange) – bei denen von der verordneten Langsamkeit nun rein gar nichts angekommen ist, sondern die – im Gegenteil – noch mehr arbeiten und die sich nichts mehr wünschen, als dass das endlich vorbei ist.

Danke, dass Ihr für uns da seid.  Ohne Euch würde das nicht gehen. Ich hoffe sehr, dass wir verstanden haben und in Zukunft umsetzen werden, gerade diese Berufe besser zu entlohnen.

Stabilität. Sie beruhigt. Und doch braucht es zum Wachstum immer auch ein Durchschleudern. Ein Zustand, den wir gewohnt waren, wird auf die Probe gestellt. Jetzt. Gerade. Von uns … durch den Virus.

Es beginnen tiefere Prozesse: Wir verlieren gerade eine gewisse äußere Art der Stabilität (Normalität) und manche fühlen sich tief in sich so stabil wie noch nie. Sie wissen, dass das hier richtig ist. Es ist zwar noch nicht ganz klar, was genau passieren wird, aber es fühlt sich nicht falsch an.

Gedanken kommen auf, die gerne verdrängt werden: Kann ich daran sterben? Wird jemand, denn ich kenne, daran sterben? Sterben mehr Leute als normal? Was passiert, wenn ich sterbe? Will ich genau hinschauen, was das mit mir macht? Will ich mich ablenken oder lieber forschen? Meine Vorstellung vom Leben und Sterben ist häufig anders, als die meiner Mitmenschen. Für mich ist sterben nicht das Ende der Welt. Es ist so faszinierend wie eine Geburt. Ich schätze beides sehr. Kommen wir doch durch das Verlassen des Körpers wieder ganz in der Unendlichkeit an.

Als Gemeinschaft schauen wir uns weitere Themen an: Dieses Tempo das wir uns als Gesellschaft angewöhnt haben, ist das noch durchzuhalten? Müssen wir das durchhalten? Wie viel Arbeit ist denn eigentlich für mich passend? Wie viele Reisen? Wie bewegen wir uns in dieser Welt? Was sind die Spuren, die wir hinterlassen? Muss unsere Zuliefererkette wirklich so lange sein? Muss alles vom anderen Ende der Welt kommen? Wie war das noch mal mit dem regionalen Einkaufen? Ach, Homeoffice wird jetzt doch plötzlich erlaubt? Das klappt ja sogar erstaunlich gut. Man muss also doch nicht für jedes Meeting in den Flieger steigen. Bedingungsloses Grundeinkommen? Warum eigentlich nicht? Wäre nicht jetzt gerade dafür eine gute Zeit? Ist die Luft nicht besser geworden? Der Lärm nicht weniger? Das Wasser nicht klarer?

Wir besinnen uns zurück was zählt: Die eigene Stille. Intuition. Familie und Freunde. Zeit. Gesundheit. Wir erkennen wie wichtig Kontakt und Gemeinschaft ist. Wir beginnen wieder mehr zu schätzen, dass wir in einem funktionierenden System leben, dass um uns herum nicht zusammenbricht. Und doch braucht es Dinge, die zusammenbrechen, um sie Anders – gesünder und nachhaltiger – zu gestalten.

In meinem Umfeld reagieren alle ruhig und besonnen. Es gibt keine Panik. Manche halten die Anweisungen für übertrieben, andere für zu spät oder zu wenig. Beides darf sein.

Ich habe einige Freunde und Bekannte, die freiberuflich arbeiten oder kleine oder größere Firmen haben. Manche wollten schon lange „raus“ und sehen jetzt plötzlich eine Möglichkeit. Manche haben das Gefühl zum ersten Mal seit langem endlich mal wieder in Ruhe auszuatmen. Andere fühlen sich befreit vom Terminkalender. Dinge die man vorher „auf gar keinen Fall“ absagen konnte, muss man jetzt. Dort hin zu kommen ist nicht leicht: „Will ich wirklich das, was ich aufgebaut habe, loslassen?“

Bei einer Geburt gibt es keine Stabilität. Da gibt es Bewegung, Schmerzen, Pausen, Schwitzen, Bemühen, Überraschungen, Enge, Weite und alles dazwischen. Das, war wir hier erleben, lässt sich – meiner Meinung nach – mit einer Geburt vergleichen. Oder auch mit einem Reset.

Reset wird in meiner App nicht richtig übersetzt: Dort steht das deutsche Wort Zurücksetzen. Es ist kein „zurück“-setzen. Es ist eher ein Re-arrangieren, also ein Re-organisieren, ein Nochmal-neu-und-anders-beginnen. Ein Neu-Anfang.

Ich habe auch gerade einen persönlichen Reset hinter mir, der im letzten Sommer begann. Ein Reset vom „Sinn“ zu „Sein“. Von purpose zu beingness. Ich dachte lange, der Sinn bringt mich zum Sein. Sinn bedeutet auch ein Ziel zu haben. Sehnsüchte zu erfüllen. Machen. Erforschen. Wachsen. Teilen. Dann – so nahm ich an – komme ich mehr und mehr in das Sein.

In den letzten Monaten in Stille und Rückzug merkte ich, dass es genau anderes herum ist: Ich musste den „Sinn“ loslassen:

Wer ich glaube zu sein.

Was ich glaube machen zu müssen.

Wie ich glaube mich verhalten zu müssen.

Was ich glaube zu brauchen.

Was ich glaube zu wollen.

Um dorthin zu kommen musste ich im letzten Jahr vieles ändern und alles absagen: Weg mit den Aufgaben, weg mit dem Kalender, weg mit Terminen, To-do-Listen und Erledigungen. Weg damit „wichtig“ zu sein, gehört zu werden, um Rat gefragt zu werden. Weg mit dem Sinn, dem Ziel. Hinein in die Langsamkeit. Die Stille. Das freie Atmen. Nichts erreichen zu müssen und nichts erreichen zu wollen.

Weiter, ruhiger Freiraum entstand. Der erst entstehen kann, wenn das von uns bisher aufgebaute Leben mit den Wünschen, Zielen und Aufgaben sich auflöst.

Wir lassen den Sinn los und kommen im Sein an.

Erst dann – im Ankommen im Sein – in der es keinen Sinn, keine Aufgabe, kein Ziel, nicht einmal mehr Lebensfreude gibt – entsteht dieser Reset. Zuerst enorm irritierend. Die Lebensfreude zu verlieren erschüttert erst einmal. Das war ich nicht gewohnt. Wie ich auch die Langsamkeit nicht gewohnt war.

Danach erst kommt die Erleichterung. Denn dieser Reset lässt uns überprüfen ob das, was wir bisher gemacht haben, wir auch weiterhin machen wollen. Denn dann beginnt eine neue Zeitrechnung: Eine, die auf SEIN basiert. Auf ruhigem, wissenden, weiten Sein. Und wenn wir wollen, wenn wir hinschauen wollen, dann  betrifft das jede Einzelne, jeden Einzelnen von uns.

Wie wollen wir weitermachen? Nach Corona?

Auf diesem Planeten? Mit unseren Mitmenschen? Mit dem Traum einer Welt, den wir gemeinsam gestalten?

Einige werden sich wahrscheinlich wünschen, gleich da wieder weiterzumachen, wo sie aufgehört haben. Aber das wird nicht mehr möglich sein. Genauso wie wir nach der Geburt selbstständig Luft einatmen. Der Weg zurück ist nicht vorgesehen.

Wie also schauen wir, wie also erleben wir diese Zeit?

Ängstlich? Nervös? Panisch?

Dann ist es unsere Aufgabe uns selbst beruhigen zu lernen und auf die eigene Intuition zu hören.

Wütend? Meckernd? Schimpfend?

Dann ist es unsere Aufgabe, uns nicht mit der Realität anzulegen, sondern die Situation so anzunehmen,     wie sie ist.

Belehrend? Kontrollierend? Verurteilend?

Dann ist es unsere Aufgabe aufmerksame Gelassenheit zu üben.

Verständnislos? Abwertend? Ignorierend?

Dann ist es unsere Aufgabe Mitgefühl und gemeinschaftliches Handeln zu erforschen.

Neugierig, entspannt, hilfsbereit?

Dann es ist unsere Aufgabe uns davon nicht abhalten zu lassen und uns nicht von den Reaktionen der Anderen anstecken zu lassen.

Jede*r von uns geht mit dieser Zeit individuell verschieden um. In meinem Freundes- und Familienkreis gibt es so viele unterschiedliche Reaktionen wie es Persönlichkeiten gibt. So höre ich meistens nur zu, wenn jemand über die jetzige Zeit sprechen möchte. Falls ich gefragt werde, sage ich etwas.

Kurz. Sehr kurz.

Meistens werde ich nicht gefragt.

Wozu auch?

Es geht um das eigene innere Befragen – und das muss jede*r von uns selbst erforschen…

 

 

 

 

 

 

 

 

„Tut mir leid, dass ich Sie störe. Sie haben bestimmt viel zu tun …“. Die meisten von uns nicken – und hoffen, dass der oder die Fragende nicht noch einiges auf den eh schon vollen Terminkalender oder die To-do-Liste schaufeln will. Was wäre, wenn die Antwort lauten würde: „Nein, ich habe nicht viel zu tun. Ich habe alle Zeit der Welt.“ Was würden wir über die Person denken? Wie sie einordnen? Wie würden wir uns selbst fühlen „alle Zeit der Welt“ zu haben? Ängstlich, besorgt, befreit? Selbst wenn wir es uns für eine Weile leisten könnten, würden wir die Chance ergreifen? Oder gäbe es zuviele Bedenken, die uns davon zurück halten, Zeit mal wirklich „sein zu lassen“? Für einige ist „Alle Zeit der Welt“ eine Rentenversion, wenn die berufliche Tätigkeit erledigt, die Kinder aus dem Haus und der Hund an Altersschwäche gestorben ist. Die Zeit für Stille und Meditation – wenn sie überhaupt untergebracht wird – fühlt sich für viele wie ein erschöpftes Ausatmen an.

Zeit. Viele nehmen sie sich erst, wenn der Körper krank wird oder sie so unglücklich sind, dass sie die Notbremse ziehen. Das passiert dann, wenn die Wünsche unserer Seele lange unterdrückt oder ignoriert worden sind. Wenn der Körper sich nicht anders zu helfen wusste, als massiv darauf hinzuweisen, dass das Leben neben der Achtsamkeit auch freie Zeit braucht. Seit dreißig Jahren gebe meinem Leben und meinem Körper viel Achtsamkeit. Freie Zeit habe ich mir selten gegönnt. Es gibt ja Dinge zu erledigen. Die Welt zu heilen. Unterstützung sein. Mehr zu lernen. Mehr zu erfahren. Wacher zu werden. Und, wenn man wie ich, gerne alles „richtig“ machen will, braucht man dafür all die Zeit, die einem zur Verfügung steht. Doch im Sommer im letzten Jahr merkte ich, dass ich freie Zeit brauche. Trotz alledem was mein Verstand so als „wichtig“ einordnet. Sich mal zurückzuziehen. Zu schauen was passiert, wenn der Kalender nicht gefüllt ist und es keinen Erledigungsdruck mehr gibt. Ich musste dafür nicht krank werden – dafür bin ich mir dankbar – ich habe mir die Zeit genommen, weil ich den Seelenwunsch spürte: „Für diese Erfahrung ist es jetzt Zeit.“

Einfach war es trotzdem nicht.

Gewohnheiten sind aus einem guten Grund Gewohnheiten geworden: Wir machten etwas häufig und unsere Synapsen, die diese Gedanken und diese Wege vorgeschlagen haben, waren dadurch stark miteinander verknüpft. Jede Änderung ist eine Änderung des Systems. Und ein System zu ändern, ist selten einfach. Bis noch vor zwei Monaten war meine Antwort immer die gleiche auf die Frage, wie es mir geht mit dieser von mir jetzt gestalteten freien Zeit ohne Termine. Wie ich damit umgehe von einem vollen Leben in ein leeres zu wechseln. Wie das ist, die Bremse anzuziehen und von Aktion in den Rückzug zu wechseln. Meine Antwort darauf: „Jeden Morgen wache ich auf und habe das Gefühl ich schaue auf eine abgemähte Wiese. Alles ist abgeerntet. Nichts Neues wächst. Es ist einfach leer bis auf ein paar Stoppeln und ein paar Steinen und dann denke ich mir nicht wirklich begeistert: „Und was mache ich jetzt mit dem angebrochenen Tag?“ Und jedes Mal, wenn ich das erzählte, wurde ich noch genauer angeschaut. Wie meint sie das? Ist sie deprimiert? Angestrengt? Traurig? Bedauert sie es? Wenn ja, warum ändert sie es nicht? Klingt ja nicht toll. Passt auch irgendwie nicht zu ihr. Wie lange geht das denn noch? Warum macht sie das nochmal? Und: Wann wird sie damit aufhören?

Ich bemerkte den Blick und spürte, dass ich noch etwas hinzufügen sollte, damit mein Gegenüber sich keine weiteren Sorgen um mich macht: „Alles ist gut. Es ist nur ungewohnt. Das ist gerade mein jetziger Zustand und ich bin täglich mehr dabei, mich damit anzufreunden. Etwas ist vorbei und etwas Neues wird daraus entstehen. Da heißt es, so lange im Geburtskanal zu bleiben, bis ich eben … in ein neues Sein geboren werde.“ Und dann lächelte ich beruhigend und schaute ihr oder ihm zu, wie sie schnell zurückgingen in ihr volles Leben und ich lehnte mich wieder zurück und richtete mich in meinem leeren Leben langsam ein.

Aber war es denn leer? Es war leer von Terminen. Leer von all den Aktionen, die ich gewöhnt war. Natürlich gab es immer noch Sachen die ich machte: Meditieren, Duschen, Anziehen, Aufräumen, Kochen, Einkaufen, Yoga, Bodyblessing, Emails beantworten, zu Anfragen Nein sagen. Vieles hatte mehr Zeit bekommen. Meine täglichen zwei Meditationen wurden vier, fünf, sechs. Länger als üblich. Ich lag eingepackt in meiner Hängematte im Garten und hörte den Vögeln zu. Früher mal eine viertel Stunde, in diesem neuen Sein manchmal Stunden. Meine Spaziergänge waren länger. Die Zeit mit mir alleine war länger. Ich hatte mich an die Langsamkeit gewöhnt und sie vor allen Dingen zu schätzen gelernt – die Langsamkeit, die in meinem Leben bisher fast gar keine Rolle spielen durfte.

Die Langsamkeit wird in unserer Gesellschaft nicht geschätzt.

Ist jemand in der Schule langsam, wird er oder sie als doof abgestempelt. Denkt jemand länger über eine Sache nach, ist sie entscheidungsschwach. Braucht jemand länger bei einer Arbeit, kostet das unnötig Geld. Meine Synapsen waren auf „schnell“ trainiert. Jetzt gab es ein umtrainieren. Die Bildung neuer Synapsen, die nicht mehr in „schnell“ oder „langsam“ einteilen werden, sondern nur noch im Einspüren: Was wollen wir (Seele, Persönlichkeit, Körper) gerade SEIN?

Als ich meiner Seele und ihrer Aufforderung mich in die Stille zurückzuziehen folgte und das, was ich bisher gemacht habe erst einmal sein ließ, da hatte mein Verstand eine bestimmte Vorstellung wie diese kommende Zeit denn aussehen würde: Ich sah mich wieder mehr im Atelier bildhauern, vielleicht sogar wieder malen, mehr singen, mehr trommeln.

Nichts davon war passiert. Meine Kreativität machte ebenfalls Pause und obwohl ich „alle Zeit der Welt“ hatte, gab ich dafür keine Zeit her. Es fehlte mir schlichtweg der Impuls. Das irritierte mich. Verwunderte mich. In einem Anflug von „Also das gibt es doch nicht“ begann ich wieder Gitarrenunterricht zu nehmen. Ich übte auch … ab und zu … dann seltener … dann gar nicht mehr. Jedes Mal wenn ich daran dachte, die Gitarre in die Hand zu nehmen, zögerte ich und legte mich lieber in den Garten.

Ich schätze das Zögern. Früher – also ganz früher – war ich unendlich genervt davon. Das Zögern schien mich von etwas abzuhalten. Von etwas Tollem, Großen. Von Wünschen, die ich mir erfüllen wollte. Ziele, die es zu erreichen gab. Von einem Leben, dass da vor mir lag und mir endlich Erfüllung bringen sollte. Und so schimpfte ich mit dem Zögern und ignoriert es meistens und stürzte mich in Abenteuer und Liebesgeschichten, von denen mich mein Zögern bewahren wollte. Dann fing ich an auf das Zögern zu hören. So wie man endlich einem gereizten Menschen zuhört, damit er hoffentlich Ruhe gibt. Ich begann die Weisheit im Zögern zu erkennen und jetzt – wenn ich zögere – lasse ich alles erst einmal stehen und liegen und warte bis ich verstehe WESWEGEN ich zögere. Es gibt immer einen Grund! Selbst wenn ich ihn noch nicht weiß, so gebe ich dem Zögern Platz sich zu entfalten. Und deswegen legte ich die Gitarre wieder auf die Seite und ging in den Garten, oder spazieren und gewöhnte mich daran, dass das – was mich mal ausgemacht hat – gerade nicht mehr da ist.

Mir war das schon mal passiert. In meinen Wechseljahren („Kein fliegender Wechsel“- mein Buch zum Thema) vor knapp zehn Jahren und damals stürzte ich überraschenderweise in ein tiefes Loch. Doch dieses Mal stürzte ich nicht mehr. Ich glitt eher dahin. Es gab auch kein Loch, sondern eher eine … hm … tja, eine gemähte Wiese. Irgendetwas wird irgendwann mal wieder darauf wachsen. Das weiß ich. Und obwohl sich auf der Oberfläche noch nichts zeigt, so bewegt und wächst doch etwas Unsichtbares unten im Wurzelwerk und es wächst nicht schneller, wenn ich daran ziehe.

Und so wartete ich ab und warte noch. Beobachtete meine Freunde, die weiterhin ihr volles Leben haben. Schaute ihnen ab und zu sehnsüchtig hinterher, wenn sie ihren üppigen Terminkalender abarbeiten und genau wussten, wohin sie gehen und was sie zu tun haben.

Ich weiß nicht wohin ich gehe und ich weiß auch nicht, was ich zu tun haben werde. Ich weiß nur, ich werde wieder etwas haben, das mich begeistert. Je länger ich in dieser Stille bin, desto wohler fühle ich mich. Ich weiß es ist richtig. Ich weiß das gehört sich so. Jetzt. Zu diesem Zeitpunkt. Für mich und mein Leben. Es entsteht jetzt eine Gelassenheit mit diesem Zustand. Ich schätze ihn jetzt. Erfreue mich sogar häufiger daran. Und ich bin achtsam und aufmerksam und ich bewege mich nur vorsichtig vorwärts, denn die Vorboten von etwas Neuem zeigen sich schon. Ich singe wieder mehr. War auch schon einmal im Atelier mit einem Pinsel in der Hand. Ich suche gerade neue Vorhänge für mein Büro aus, wir planen eine neue Heizung und bei uns auf dem Land organisiere ich einen Infoabend für Carsharing und ich schreibe gerade diesen Blog.

Es bewegt sich was …

 

 

Vor einem Monat habe ich meinen letzten Workshop gegeben. „Der letzte für dieses Jahr?“ fragte mich ein Freund, nachdem er sich nach meinen Plänen erkundigte.

„Erst einmal der letzte“, antwortete ich.

Er schaute verwirrt. „Du meinst für dieses Jahr, nicht wahr?“ Sein Blick erforschte mein Gesicht. Er weiß, dass ich nicht vorhabe, mich in den Ruhestand zu begeben – aber was soll er mit dieser Aussage anfangen?

Ich zögerte mit der Antwort und so wiederholte ich mich nur. Was soll ich auch sonst sagen? Ich weiß nicht, ob ich nicht doch wieder diesen inneren Drang nach Vorträgen und Workshops verspüre. Zur Zeit erspüre ich einen anderen inneren Drang: Meinen Kalender frei zu halten. In die Stille zu gehen. Rückzug.

Einen Kalender freizuhalten, bedeutet häufig Nein zu sagen. Jedes Nein ist auch eine Enttäuschung für jemanden, der möchte, dass ich etwas mache: Einen Kongress. Einen Vortrag. Einen Workshop. Einen Artikel.

Kein Nein ist wie das Andere.

Da gibt es zögerliche Neins. Klare Neins. Lachende Neins. Verwirrte Neins. Neins, die mit einem inneren Diskurs, ja sogar manchmal Kampf ausgefochten werden. „Du kannst doch dazu nicht nein sagen! Dein neues Buch über Trennungen und Beziehungen ist gerade rausgekommen. Da müssen die Leute erst einmal wissen, dass es das gibt. Wenn Du sagst, Du ziehst Dich zurück, dann entziehst Du ihm Kraft!“

Die diversen inneren Stimmen unterhalten sich miteinander – oft ringen sie auch und gemeinsam erforschen wir die Sorge dahinter. Es gibt ja auch eine Art Verpflichtung ein Buch, das man geschrieben hat, auch zu bewerben. Nicht nur dem Verlag gegenüber, sondern auch sich selbst gegenüber. Ich möchte meinen Büchern keine Kraft entziehen – aber tue ich das wirklich, wenn ich keine weitere Zeit einbringe? Ich habe das Buch doch schon geschrieben. Da steckt neben der Lebenserfahrung auch jede Menge Lebenskraft drin.

Kann es sich nicht entwickeln, nur durch die Empfehlungen von Leser*Innen? Muss ich marktschreierisch, instagrampostend, facebookwerbend „Wenn wir uns trennen, lernen wir uns kennen“ anpreisen? Auch auf diesem Blog verlinke ich es. Das ist kein Automatismus, sondern ich muss mich immer wieder daran erinnern: Das macht man so, damit Leute überhaupt wissen, dass es etwas gibt und es schnell zu finden ist.

Ja? Macht man das so?

Der Social Media Hype wird immer intensiver, so scheint es mir. Erst vor kurzem las ich in einer Verlagsbroschüre – die zum Ziel hat, Buchhändler zum Bestellen zu bewegen – neben jedem Autor und jeder Autorin deren Social-Media-Währung: „Xtausend Followers!!!“ – „Mit erfolgreichem Podcast“ – „Stetig wachsend!!!“

Stetig wachsend…

Dieses „stetig wachsend“ muss gefüttert werden. Ich möchte aber nicht „müssen“. Ich gebe lieber freiwillig und mit Freude. Deshalb hat mein Instagram Account auch viele große Lücken. Mein Wissen ist nicht visuell. Jede spirituelle Aussage braucht dann ein Foto. Das heißt einen knappen Text, der schön gestaltet auf irgendeiner visuellen Aussage sitzen muss. Das ist zeitintensiv. Mir wird immer mal wieder erklärt, was es an Marketing braucht („Man muss etwas drei Mal bekommen haben, bis man sich entscheidet etwas zu tun“) Muss ich, will ich jemanden wirklich drei Mal anstupsen? Erinnere ich nur, oder störe ich schon?

Beim Einspüren – alleine schon wenn ich das schreibe – zeigt mein Körper eine Verkrampfung. Das ist ein Zeichen von Hektik. Hektik hat immer etwas mit Geschwindigkeit zu tun: Etwas ist dringend! Es muss schnell gehen!

Das ist nicht die Energie, die ich in meinem Sein mit mir herumschleppe und ich sorge immer wieder dafür, dass sie sich nicht in mir ausbreitet. Hektik war früher eine Angewohnheit – oder wohl eher mein Zustand – , den ich mir mit viel Aufmerksamkeit und Übung abgewöhnt habe. Wenn wir die Hektik bewusst wahrnehmen, dann ist das ein wundervolles klares Zeichen, an dem wir erkennen können, dass hier unser Ego (also unsere menschliche Persönlichkeit) gerade die Zügel in der Hand hat – und nicht unsere Seele.

Social Media hat eine Beschleunigung angeregt. Wir werden zu einem Hype hin manipuliert. Alles muss schnell gehen, sofort sein: Schließlich geht es um nichts Geringeres als die Rettung der Welt. Unseres Lebensraums. Der Natur. Hier unterschreiben. Da demonstrieren. Dort was ändern. Auch ich demonstriere mit. Unterschreibe mit. Rede mit. Da ist nichts Falsches dran, so lange es nicht zu dieser inneren Panik führt, die uns deprimiert und uns an unseren Mitmenschen verzweifeln lässt. Es braucht ein genaues Hinschauen, was mit unserem eigenen Wohlgefühl, mit unserem eigenen Sein durch diese Art von Energie passiert. Wir haben uns eine Schnelligkeit angewöhnt, uns diesem Hype schon angepasst, der sich mittlerweile für viele schon gänzlich „normal“ anfühlt.

Seit Jahren werden uns Produkte und Wege vorgestellt, die uns „Zeit sparen“ lassen: Waschmaschine, Trockner, Geschirrspülmaschine. Internet, Handys, Apps. Staubsaugerroboter, E-Scooter, Amazon. Und ja, oft haben wir wirklich das Gefühl Zeit zu sparen. Doch was machen wir mit der „gesparten“ Zeit? Sitzen wir warm eingemümmelt draußen und beobachten die Vögel? Verbringen wir in Muse Zeit mit uns selbst oder Menschen, die uns nahe stehen? Meditieren wir? Genießen wir die freie, gesparte Zeit? Haben wir sie überhaupt?

Es sieht nicht so aus. Stattdessen füllen wir unsere Tage mit MEHR auf: Mehr Aktion. Mehr Aufgaben. Noch mehr „zeitersparende“ Wege. Ja, vieles braucht unsere Zeit, um unseren Lebensunterhalt zu sichern.

Vieles aber auch nicht.

Es scheint mir, dass unsere Zeit Verteidigung braucht.

Ich habe mir ein Leben in Ruhe erschaffen und dafür bin ich mir selbst dankbar. Und doch ist die alte Gewohnheit – die Schnelligkeit – nicht komplett aus meinem System. Wenn ich mir Zeit nehme – wirklich Zeit nehme – wird einer meiner inneren Aspekte nervös. Sehr nervös. So, als ob ich etwas falsch machen würde und faul wäre. Faul sein ist so ziemlich das Schlimmste für diesen inneren Aspekt und das will dieser unter allen Umständen verhindern. Er ist darauf programmiert etwas zu reparieren, zu entscheiden, zu regeln – „give-me-something-to-FIX“ also: „Gib mir ein Problem und ich löse es.“ (Natürlich am liebsten … schnell ;-) Deshalb gewöhne ich mir mehr und mehr die Langsamkeit an. Doch die Schnelligkeit ist hartnäckig. Ich esse immer noch zu schnell. Denke schnell. Organisiere schnell. Räume schnell auf. Manchmal mache ich sogar Yoga schnell.

Schnelligkeit ist ein Aspekt der in der Nähe von Hektik lebt.

Schnelligkeit wird „schnell“ zur Hektik. Wenn sie unser Leben bestimmt, dann erkennen wir, das wir unsere Seelenruhe – den natürlichen Zustand unseres Seins – verloren haben. Natürlich können wir schnell mal einem Zug hinterherlaufen. Da ist „schnell“ auch nützlich. Aber wenn Hektik unser Zustand wird, dann schicken wir unseren Körper konstant in eine Panik. Und in Panik – das wissen wir – kann ein Körper weder heilen, noch sich entspannen, geschweige denn wohlfühlen.

Das gilt es aufmerksam zu beobachten und notfalls die Bremse zu ziehen.

Zeit.

Eine Zeit mit mehr Zeit: Langsamer Zeit, flüssiger Zeit, der Erforschung der Zeit. Immer wenn ich schnell werde, fordere ich mich – wie eine rote Ampel – zum stehenbleiben auf: HALT! Atme. Bewege dich nicht. Sei stiller, sanfter, ruhiger und … bleibe langsam.

Zeit… wir alle formen unsere Zeit.

Formst Du die Zeit so, wie Du sie erleben möchtest?

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe. Was ist das eigentlich? Wieso scheint sie bei manchen zu klappen und wieder andere haben kein „Glück“? Wieso kann Liebe so viel Schmerzen verursachen? Warum fühlen wir manchmal, dass wir nicht genug bekommen? Und wieso fürchten wir, ohne Liebe zu sein?

Der Wunsch nach Engeln ist oft auch der Wunsch endlich tiefe Liebe zu erspüren und sie auf ewig zu behalten. Doch wir selbst haben wahrscheinlich schon erlebt, das die Liebe anscheinend schwankt. Manchmal lieben wir, manchmal nicht. Manchmal scheint sie Bestand zu haben, manchmal zu verschwinden. Und Liebe schmerzt: Fast jeder von uns hatte schon mal Liebeskummer und fragte sich, ob das Herz wohl wieder heilen wird.

Wozu also das alles?

Die Liebe dient unserem Wachstum. Wir sind hier um aufzuwachen, um wach zu werden. Was heißt das? Wir sind eine Seele, die eine menschliche Erfahrung macht. Wie ein Kinobesucher können wir entweder uns im Film unseres Lebens verlieren oder bei allem Drama auf der Leinwand immer noch wissen, dass wir im Kino sitzen. Wir erkennen also, dass wir mehr sind, als unsere Persönlichkeit. Unser Sein ist unendlich und so den Engeln ähnlich. Je klarer wir das erkennen, desto weniger Dramen werden wir in unserem Leben haben. Beziehungsweile wir lernen, wie wir ein auftauchendes dramatische Ereignis beruhigen können. Bis sie sich schließlich ganz auflösen. Wodurch? Durch unsere Selbsterkenntnis und Aufmerksamkeit. Wir lernen ein für uns erfolgreiches Leben ohne Bedauern zu führen. Und wo können wir das üben? In Beziehungen – und eben auch in Trennungen.

Das spirituelle Erwachen beginnt meistens mit einer Krise. Wir schauen uns unser Leben an und denken: „Das muss doch irgendwie besser gehen?“ oder „Warum passiert mir das schon wieder?“ Dann beginnen wir zu forschen. Wir entdecken Meditation und Stille als Mittel unseren Verstand zu beruhigen. Wir merken, dass wir uns verändern können und uns selbst ein anderes Leben erschaffen können. Wir schauen uns unsere Beziehungen an und beginnen dort „aufzuräumen“. Überhaupt nimmt das Aufräumen uns für eine Weile ziemlich in Anspruch: Wir räumen unsere Gedanken, unser Leben und unser Selbstbild auf. Bin ich wirklich so, wie ich mich zeige? Wo habe ich mich angepasst? Wo habe ich vergessen, mich um mich selbst zu kümmern? Habe ich mich im Leben der Anderen verloren? Was sind eigentlich meine Wünsche? Wie will ich mein tägliches Sein gestalten?

Gerade in einer Zweierbeziehung ist es leicht sich im Leben des Anderen, der Anderen zu verlieren. Es gibt vieles, von dem wir glauben es „aus Liebe“ zu tun. Bis wir merken, dass wir vergessen haben, auf uns selbst zu achten. Einige leben in Beziehungen, in denen sie sich schlecht und respektlos behandelt lassen.

Wenn es keinen Respekt gibt, dann gibt es auch keine Liebe.

Jetzt geht es darum, sich aus solch einer Beziehung zu befreien, statt darum zu beten, dass sich der Andere ändert. Der Andere ändert sich nur, wenn er sich aktiv um eine Veränderung bemüht. Da hilft kein Gebet. Jeder trifft seine eigenen Wachstumsentscheidungen – oder eben nicht. Wenn wir das erkennen, braucht es eine Entscheidung FÜR UNS. Deshalb sagte Jesus auch, dass wir „gehen sollen, wenn wir nicht angenommen werden und den Staub von unseren Füßen wischen“. (*Die Bibel und auch dieser Ausspruch im Matthäus 10:14 Evangelium hat viele Interpretationsmöglichkeiten und das ist meine.)

Ein wichtiger Punkt des Aufwachens ist die Erkenntnis „wer bin ich?“ und „was brauche ich?“. Das wird oft Egoismus genannt. Und egoistisch wollen wir nicht sein. Wie alles hat auch der Egoismus zwei Seiten.
Seine eigenen Interessen durchzusetzen, ist nicht zwangsläufig schlecht. Manche werfen uns Egoismus vor, weil wir dann nicht mehr tun, was sie von uns wollen. Ich kann Rücksicht nehmen, in dem ich mich liebevoll und wach mitteile – aber das heißt nicht, dass ich auch mache, was andere von mir wollen und damit meine Interessen wieder zurücknehme. Damit verliere ich mich selbst und ordne mich unter. Wenn ich allerdings egomanisch durch die Welt schreite und alles an mich reiße, was nicht bei drei auf einem Baum ist, jeden anderen abfällig betrachte, dann ist das ein ungesunder Egoismus, der aus der Gier entstanden ist und von Wachsein noch weit entfernt ist.

Wenn wir uns verlieben, zeigen wir uns wie wir gerne wären. Wenn wir uns trennen, zeigen wir uns, wie wir sind.

Gerade Trennungen zeigen uns genau, in welchem Stadium des „Wachseins“ wir uns aufhalten. Glaube ich, dass ich großzügig bin, streite mich aber gerade bis aufs Messer um ein altes Klavier? Halte ich mich für mitfühlend und versuche gerade dem Vater die Kinder zu entziehen? Wünsche ich mir Frieden für alle Menschen, aber rede gerade abfällig über den ehemaligen Partner? Habe ich Angst vor der Zukunft und versuche gerade möglichst viel an mich zu reißen?

Manchmal vergessen wir auch, dass jede und jeder von uns das Recht hat sich für oder gegen eine Beziehung zu entscheiden. Wie sehr leidet mein Selbstwertgefühl darunter? Und … hängt mein Selbstwertgefühl nur damit zusammen, ob ich von anderen geliebt bzw. bevorzugt werde? Und: Kann ich mir die LIebe, die ich mir von Anderen wünsche, auch selbst geben?

Know yourself to free yourself.

Erkenne Dich selbst und befreie Dich selbst. Gefühle zeigen uns unseren Zustand. Die meisten von uns versuchen, ein unangenehmes Gefühl irgendwie loszuwerden. Das klappt aber nicht. Wachsein bedeutet sie zur Kenntnis zu nehmen: „Ah, hier werde ich zornig. Warum fühle ich das und was hat es ausgelöst?“ Damit wächst unsere Selbsterkenntnis. Gerade in Trennung gibt es viele Möglichkeiten unsere Gefühle zu betrachten und zu verstehen.

Auch wenn wir beschließen, nicht mehr als Paar oder als Familie zusammen zu leben, so können wir doch weiterhin in Liebe und Freundschaft miteinander verbunden sein. Es wäre doch schade jemanden aufzugeben, den man lange und wirklich intensiv kennt.

Jede Trennung ist eben auch ein Geschenk. Sie zeigt uns ob wir das, was wir wissen, auch wirklich umsetzen können. Und sie zeigt uns den Grad unserer Selbstliebe.

Liebe in unserem Leben zu erkennen, ist manchmal nicht ganz einfach, denn wir glauben, sie müsse sich anders anfühlen. als es tatsächlich der Fall ist. Wir verwechseln das Gefühl des Verliebtseins mit dem Liebesgefühl.

Das Liebesgefühl ist angenehm statt anstrengend. Es ist gelassen. Es hat dieses dankbare, leichte Sein. Es ist nicht laut, sondern leise. Und ja, es ist nicht aufregend.
Das ist nicht die Aufgabe der Liebe: Die Liebe beruhigt und entspannt.

Buch zum Thema: „Wenn wir uns trennen, lernen wir uns kennen.“ – Ein Beziehungsbuch

Hier ist ein Interview über die Liebe mit dem KGS Magazin:

Ÿ Frage: Liebe – man redet und liest so viel darüber. Aber was ist Liebe eigentlich? Oder kommen wir mit einer ganz anderen Frage vielleicht sogar weiter: Was ist Liebe NICHT?

Sabrina: Was Liebe nicht ist, macht oft klarer, was Liebe ist:

  • Liebe ist nicht respektlos.
  • Liebe ist nicht manipulierend.
  • Liebe ist nicht machtausübend.
  • Liebe ist nicht bloßstellend.
  • Liebe ist nicht verständnislos.
  • Liebe ist nicht brutal.
  • Liebe ist nicht arrogant.
  • Liebe ist nicht interessenlos.
  • Liebe ist nicht gefühlskalt.
  • Liebe ist nicht selbstaufgebend.

Interessanterweise gibt es viele gesellschaftliche Gegebenheiten, nach denen wir uns bewusst oder unbewusst richten. Zum Beispiel soll eine Ehe, eine Beziehung idealerweise so lange halten bis wir sterben. Ich wurde vor kurzem interviewt und da fragte man mich, was ich denn nach meiner gescheiterten Ehe tat. Ich lachte und sagte: „Ich habe keine gescheiterte Ehe. Wir haben die Ehe beendet. Wo sind wir gescheitert? Wir haben eine gemeinsame Tochter, die wir lieben. Wir haben sechzehn interessante Jahre miteinander verbracht. Wir haben viel voneinander erfahren und gelernt. Wir sind immer noch eng befreundet. Für uns war unsere Ehe erfolgreich. Viele sind auch der Meinung – und die hatte ich auch mal – dass eine „Liebe“ bedeutet, jede Menge Kompromisse zu machen und/oder sich selbst aufzugeben und für das Wohlbefinden des anderen zuständig zu sein. Manche halten die kindliche Liebe für die richtige Liebe. Das ist sie aber nicht.

Ÿ Frage: Was verstehst du unter der kindlichen Liebe?

Sabrina: Für mich gibt es drei Arten von Liebe. Einmal die kindliche Liebe, die erwachsene Liebe und dann die wache Liebe. Die kindliche Liebe ist die Liebe nach „idealen Eltern“. Wie wir wissen, haben nicht alle so etwas erlebt und so bleibt der Wunsch nach Liebe in diesem kindlichen Gefühl stecken: „Ohne Dich kann ich nicht leben! Bitte bleib nah bei mir damit ich nicht verloren bin.“ – Für ein Kind völlig richtig. Für uns als Erwachsene nicht. Wir wollen vielleicht nicht ohne jemanden leben, aber natürlich können wir das. Wenn wir Liebe in dieser Kategorie leben, dann sind wir im Märchenland. Wir wünschen uns nie endende Liebe, dauernde Wärme, keine Enttäuschungen, ewige Verbundenheit, jemanden der uns jeden Wunsch von den Augen abliest und der uns „ohne Worte“ immer versteht.

Ÿ Frage: Und die erwachsene Liebe?

Sabrina: Die hat sich schon von dem kindlichen Wunsch nach Rundumversorgung gelöst, aber steckt noch gelegentlich fest in zu vielen Kompromissen, Selbstaufgabe, Kontrollmechanismen und dem Wunsch nach Perfektion oder es allen rechtmachen zu wollen. Die wache Liebe hingegen ist in der Selbstliebe angekommen. Sie erkennt das Wachstum in der Liebe. Sie weiß um die gegenseitige Entwicklung und es gibt in der wachen Liebe gegenseitige Unterstützung – ohne den anderen ändern oder manipulieren zu wollen. Sie schätzen die Stärken und verstehen die Schwächen. Die eigenen, wie die vom Partner. Sie leben so zusammen, wie sie auch alleine leben würden. Das heißt nicht, dass sie fremdgehen (lacht), sondern dass sie sich in der Beziehung genauso entfalten als wenn sie alleine leben würden. Verstehst Du was ich meine?

Ÿ Also man kümmert sich nicht mehr um den andern, sondern um sich selbst? Ist das nicht egoistisch?

Sabrina: Ja. Das ist egoistisch. Und vor diesem Wort haben wir enorm Angst. Jeder von uns ist egoistisch. Wir haben Kinder aus egoistischen Gründen. Im sogenannten Egoismus gibt es eine ungesunde und eine gesunde Variante. Bin ich so egoistisch, dass ich über Leichen gehe und raffgierig alles an mich ziehe? Oder bin ich so egoistisch, dass ich in einer Beziehung meine Interessen nicht aufgebe?

Es ist unsere Aufgabe als Erwachsene uns um unser eigenes Wohlbefinden zu kümmern. Das ist notwendig für unser spirituelles Wachstum. Wenn ich nur anderen folge, tue was man mir sagt, selbst nicht erforsche was mir wichtig ist oder wer ich bin, dann lebe ich nicht mein Leben, sondern das von jemand anderem. Aber gerade um das eigene SEIN geht es. Natürlich bedeutet das nicht, dass wir den anderen ignorieren. In einer wachen Beziehung lernen wir, bei uns selbst zu bleiben, ohne den anderen aus dem Blick zu verlieren. Und wir haben gelernt, die Verantwortung für uns selbst zu übernehmen und nicht für unseren Partner oder unsere Partnerin. Jeder ist für sein eigenes spirituelles Wachstum zuständig – und eben auch dafür, wie gesund er seine Beziehungen gestalten will und zu welchen ich ja und zu welchen in nein sage. Es wäre einiges leichter, wenn wir grundsätzlich akzeptieren könnten, dass jeder von uns das Recht hat, eine Beziehung einzugehen und sie auch wieder zu beenden.

Ÿ Das ist nicht einfach. Denn manche wollen den Partner ja wieder haben oder fühlen sich verletzt, dass sie verlassen worden sind.

Sabrina: Ja. Da will uns jemand nicht. Das ist keine Entscheidung gegen mich als Wesen, sondern eine Entscheidung gegen ein Zusammenleben mit mir. Das zu akzeptieren erfordert das Wissen um die wache Liebe. Die kindliche Liebe ist zutiefst getroffen, denn sie fühlt sich zurückgewiesen – so als würden unsere Eltern uns nicht mehr lieben. Die erwachsene Liebe ist vielleicht verletzt, zornig, eifersüchtig, trauernd und versucht den anderen zur Rückkehr zu bewegen – aber gibt danach das lieben nicht auf. Die wache Liebe trauert auch, aber sie verliert sich nicht im Selbstmitleid. Sie legt sich nicht mit der Realität an. Die teilt sich und ihre Trauer zwar mit, aber sie „kämpft“ nicht darum, jemanden „zurück zu kriegen“. Der andere gehört ihr nicht. Sie bevorzugt es, mit jemandem zusammen zu sein, der auch gerne mit ihr zusammen ist.

Ÿ Wie hast du Liebe in deiner persönlichen Erfahrung erlebt?

Sabrina: Ich habe die Liebe erlernen müssen. Ich hatte keine Ahnung was Liebe ist. Ich dachte es ist Macht. Manipulation. In bestimmten Bereichen Hilflosigkeit. Meine Eltern lebten in einer unglücklichen Ehe und ich dachte mir früh: „Das muss anders gehen.“ Aber ich hatte kein Handwerkszeug und ich wusste nicht, wie man eine gesunde Beziehung gestaltet. Ich war nicht in der Lage mich so zu zeigen, wie ich wirklich war. Ich wusste nicht, wie man sich überhaupt mitteilt, deshalb habe ich viel darüber gelernt und später Workshops dazu gegeben und jetzt einen Online-Kurs („Wie sage ich es?“ Endlich befreit sprechen) gestaltet. Ich hatte keine Ahnung wie intimer, naher, ehrlicher Austausch überhaupt geht. Ich hatte viel zu viel Angst andere zu verletzen, nicht geliebt zu werden oder nicht gemocht zu werden. Ich lernte lieben im Laufe meines Lebens durch meine Beziehungen und mein Nachforschen. In mir als Seele wusste ich, dass es einen weicheren und doch gleichzeitig klareren Weg geben muss, um ein glückliches Leben zu leben. Ich musste ihn nur finden.

Ÿ Hast Du ihn gefunden?

Ja.

Ÿ Du schreibst in Deinem Buch „Wenn wir uns trennen lernen wir uns kennen“, dass wir in einer Beziehung alles über Selbstliebe lernen. Wieso ist das so?

Am Anfang einer Beziehung zeigen wir dem Anderen wie wir behandelt werden wollen. Wenn wir unsere Interessen aufgeben, unsere Meinung nicht verteidigen können, unsere Wünsche verstecken – dann stellen wir das Wohl der Beziehung über unser eigenes. Etwas was ich übrigens viele, viele Jahre tat. Dummerweise hilft es aber der Beziehung nicht. Es macht sie nicht glücklicher. Sondern – wie bei einem Instrument – wird die Beziehung verstimmter. Sie klingt nicht mehr schön. Man kann das bei langjährigen Paaren beobachten, wenn einer davon sein Leben aufgegeben hat zum „Wohl“ der Gemeinschaft, bzw. damit der andere „glücklicher“ ist. Sie sind beide unglücklich. Besonders aber derjenige oder diejenige, die nicht ihr Leben gelebt habt. Ich habe vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung einen Bericht über Hospizarbeit gelesen, bei der eine 55 jährige sterbende Frau eingeliefert wurde und traurig sagte: „Jetzt geht es ans Sterben? Aber ich habe doch noch gar nicht richtig gelebt?“ Das war eine dieser Frauen die sich „um des lieben Friedens willen“ aufgeopfert haben.

Ÿ Aber viele halten das für Liebe.

Das ist aber nicht Liebe. Das ist Aufopferung. Ein anderes Wort und ein anderer Zustand. Liebe ist ein ruhiges und entspanntes Gefühl. Aufopferung fühlt sich anstrengend, mühsam und oft auch schmerzhaft an. Unser Gefühl zeigt uns, ob wir lieben oder ob wir etwas anders tun … denn Liebe fühlt sich gut an.

Ÿ Wie kommen wir eigentlich zusammen? Sind das nur die Hormone oder ist es Schicksal?

Es gibt eine hormonelle und eine spirituelle Anziehung. Die hormonelle kennen wir wohl alle: Die ist meistens stürmisch. Die spirituelle ist eine tiefere Verbindung. Da gibt es ein Interesse zu einem gemeinsamen Wachstum. Natürlich spielen da die Hormone auch mit, aber da schwingt noch etwas anderes mit. Jede Beziehung die wir eingehen, ist eine schicksalhafte, denn sie wird uns prägen. So oder so. Was wir daraus machen ist unsere Entscheidung und die hängt von unserem Wachheitsgrad ab. Diese Anziehung ist ja eine interessante Sache. Ich glaube wir wählen uns unseren Partner innerhalb vier Kategorien aus: Einmal jemanden, der sich so verhält wie es uns vertraut ist. Oder jemanden der eine Eigenschaft hat, die wir auch gerne hätten. Einen Partner, der uns fasziniert, weil er z.B. ein völlig anderes Leben lebt als wir oder wir möchten dazugehören. Es ist interessant in unserem eigenen Leben und in unseren eigenen Beziehungen nachzuforschen wann wir uns für welche der vier Kategorien entschieden haben.

Ÿ Hast du die Erfahrung gemacht, dass es den berühmten „Deckel zum Topf“ gibt? Dass Menschen füreinander bestimmt sind, dass es also Seelenpartner gibt?

Es ist wichtig, dass eine Beziehung passt. Manche passen nicht zusammen und versuchen verzweifelt es passend zu machen. Das „funktioniert“ dann nur, wenn jemand sich aufgibt. Wir haben alle die Möglichkeit uns für oder gegen eine Beziehung zu entscheiden – außer wir sind zwangsverheiratet worden, aber davon gehe ich jetzt mal nicht aus. Diese Idee nach dem Seelenpartner ist mit vielen Illusionen verbunden …

Ÿ Was meinst du damit?

Eine Seelenpartnerschaft ist eine wache. Es gibt auch da Höhen und Tiefen, denn wir lernen am meisten in den Tiefen. Manchmal ist sie nah, manchmal braucht sie mehr Platz. Es ist eine Liebe in der Herausforderungen gemeinsam gemeistert werden. Oft ist es aber die kindliche Liebe, die sich einen Seelenpartner sehnsüchtig wünscht. Das Wort „sehnsüchtig“ verrät es eigentlich schon: Wir „brauchen“ jemanden. Wir fühlen uns nicht komplett. Einsam. Und derjenige wird es dann richten. Wir werden ab dann glücklich sein. Denn da gibt es jemanden, der uns ohne Worte verstehen wird. Mit dem wir nie wieder Probleme haben werden. Der uns über alles liebt und uns niemals verlassen oder enttäuschen wird. Klingt das nach der wachen Liebe?

Ÿ Wohl eher nicht. Schade eigentlich.

Ja (lacht). Aber so ist es nun mal, wenn man wach wird. Man ist nicht mehr ganz so romantisch. Vielleicht ist das auch ein bisschen schade. In meinen Workshops „Über die Liebe“ spiele ich manchmal Liebeslieder vor und wenn wir die Texte genauer anschauen, erkennen wir, was uns über die Liebe vermittelt wird. Und vieles ist eben keine Liebe sondern kindliches Sehnen.

Ÿ Was verändert sich, wenn aus Verliebtheit Liebe wird?

Verliebtheit ist das „falling in love“ (in die Liebe fallen) wie es im Englischen so schön heißt. Ich lerne jemanden erst einmal kennen. Ich kann ihn noch gar nicht lieben, denn ich weiß noch gar nicht, wie er ist, wie er reagiert, was er liebt, ob wir zusammenpassen, welche Eigenschaften und Gewohnheiten er hat. Ja, ich weiß er riecht gut und ich fasse ihn gerne an – aber ob es längerfristig passt, erfahren wir erst gemeinsam. Das ist das liebende Erforschen. Wir lieben dann, wenn wir die rosarote Brille abgelegt haben und den anderen so sehen können, wie er wirklich ist. Und das, was wir sehen, immer noch schätzen – also lieben.

Ÿ Was ist für eine langfristige Beziehung wichtig?

Austausch. Respekt. Nähe. Wärme. Kommunikation. Humor. Neugierig bleiben. Wandel zulassen.

Ÿ Wenn sich ein Partner in der Beziehung stark verändert – was macht man am besten, damit die Beziehung weiter funktioniert?

Alleine kann man gar nichts tun. Ein gemeinsames Problem kann nur gemeinsam gelöst werden. Also wenn sich jemand verändert ist das so, als wenn beim üblichen gemeinsamen Tanz einer jetzt eine andere Schrittfolge tanzt. Beide müssen sich darauf einstellen. Will das einer von beiden nicht, kann man nicht mehr tanzen. Das ist in Beziehungen nicht anders.

Ÿ Wie kann man Freiheit in einer Beziehung leben?

In dem man sie gegebenenfalls verteidigt. Viele von uns sind harmoniesüchtig. Das war ich auch. Wir wollen ein harmonisches Leben und glauben, wir bekommen das, wenn der andere „versteht“ was wir wollen und uns zustimmt. Und so versuchen wir mit allen Mitteln – Achtung: Da ist sehr oft Manipulation im Spiel – den Anderen dazu zu kriegen, dass er uns versteht. Den Gefallen tut er uns aber nicht. Denn es geht auch auf Seelenebene darum, dass wir lernen für uns selbst einzustehen. Das ist Teil der Selbstliebe. Das haben viele nicht gelernt. Wenn wir uns in einer Beziehung selbst aufgeben, betrügen wir uns selbst– und ja, ich weiß, das klingt hart.

Ÿ Wie bringt man Respekt und Wachheit in eine Beziehung?

In dem man Respektlosigkeit zum Beispiel nicht zulässt. Ich kann nur selbst respektvoll sein. Ob der andere es ist, ist seine Entscheidung. Ist jemand mir gegenüber nicht respektvoll, habe ich nur zwei Wahlmöglichkeiten: Das zuzulassen oder zu gehen. Sonst sehe ich keine Möglichkeit. Du?

Ÿ … aber kann man das nicht besprechen?

Ja. Wenn derjenigen dann sagt: „Klar. Logisch. Jetzt verstehe ich das!“ ist das toll. Aber wie wahrscheinlich ist das?

Ÿ Du meinst unwahrscheinlich?

Wie ist Deine Erfahrung? Jemand der aus Gewohnheit respektlos ist, was braucht es da, damit er sich das abgewöhnt?

Ÿ Den Wunsch es zu tun?

Ja.

Ÿ Aber kann ich da nicht helfen?

Du kannst es ja mal probieren. Aber ich würde mir an Deiner Stelle ein Zeitlimit setzen. Sonst probierst du das dein ganzes Leben lang …

Ÿ Also wie schon vorher gesagt: Jeder ist für sein eigenes Wachstum zuständig und es liegt nicht in unserer Verantwortung …

… es liegt nicht in unserer Macht …

Ÿ es liegt nicht in unserer Macht das zu ändern. Das muss derjenige schon selber tun. Und ob er das tun will, merke ich dann doch recht schnell.

Ja.

Ÿ Wenn eine Beziehung einfach nicht passt – kann man das ändern, sie quasi „passend machen“?

Wie?

Ÿ Das wollte ich eigentlich von Dir wissen.

Ich weiß nicht wie das gehen soll.

 Also anders herum gefragt: Wann ist es Zeit zu gehen?

Wenn wir zögern, ist die Beziehung noch nicht zu Ende. Da ist etwas noch nicht gemacht, noch nicht erkannt, noch nicht verstanden worden. Da haben wir uns vielleicht noch nicht wirklich mitgeteilt oder versuchen das Partnerproblem immer noch alleine zu lösen. Oder wir haben unser Ängste vor dem Alleinsein noch nicht angeschaut. Wenn die Beziehung vorbei ist, dann ist das als ob das Licht angeht. Da gibt es keine Zweifel mehr.

Ÿ Du sagst, wenn wir niemanden verletzen wollen, verletzen wir uns selbst. Warum?

Weil wir uns verbiegen. Weil wir nicht zeigen wer wir sind, was wir empfinden, wie wir etwas erleben. Wir versuchen jemand anderen nicht zu verletzen und sagen nicht die Wahrheit. Zum Beispiel: Wenn ich nicht sicher bin, ob ich in einer Beziehung bleiben will und mein Partner mich fragt: „Liebst du mich noch?“ und ich dann automatisch „Ja“ sage – um ihn nicht zu verletzten – dann habe ich mich verletzt. Ich habe mich selbst betrogen, in dem ich mich nicht wahrhaftig mitgeteilt habe. Ich hätte sagen können: „Im Moment liebe ich dich nicht. Ich befinde mich in einem Zustand der Verwirrung. Ich denke immer öfter über eine Trennung nach. Wie geht es Dir mit unserer Beziehung?“ Dann erst kann ein Dialog entstehen und wenn beide gemeinsam offen über ihre Zweifel und Ängste sprechen, kann sich wieder Nähe entwickeln. Und nur Nähe bringt uns zur Liebe.

Ÿ Was hat die Liebe mit Grenzen setzen zu tun? Und wenn wir es nie gelernt haben: Wie können wir Grenzen setzen?

Da gibt es ein Online Video von mir (YouTube: Grenzen setzen und Nein sagen – Sabrina Fox)

Ÿ Und wenn es wirklich nicht mehr geht: Wie trennt man sich am besten?

Ehrlich und anständig. Jeder weiß, was das bedeutet. In meinem Buch beschreibe ich viele Beispiele eben auch von gelungenen Trennungen.

Ÿ Warum können wir uns selbst in einer Trennungsphase besonders gut kennenlernen?

Wenn wir uns verlieben, zeigen wir uns, wie wir gerne wären. Wenn wir uns trennen, zeigen wir uns wie wir sind. Wenn wir von uns glauben großzügig zu sein und wir uns bei der Trennung darüber streiten, wie oft der andere Elternteil die Kinder sehen darf oder wie viel Unterhalt jemand bekommt, dann sind wir nicht so großzügig wie wir gedacht haben. Wenn wir uns wach betrachten, dann können wir viel über uns erfahren.

Ÿ Welche Chancen stecken in einer Trennung?

Wachstum – und sehr viel Liebe. Wir können uns immer noch lieben. Selbst wenn wir uns trennen. Wir haben nur beschlossen nicht mehr zusammen zu leben.

Ÿ Warum sehen wir so oft erst nach einer Beziehung, also nach der Trennung, was schiefgelaufen ist?

Weil wir alle es immer nur so gut machen, wie wir es zu dem Zeitpunkt können. Hätten wir es besser gewusst, hätten wir es anders gemacht.

Ÿ Wie lernt man, mit sich selbst allein zu sein?

Indem man mehr Zeit mit sich selbst verbringt. Ich liebe mich. Das hat lange gedauert. Es gibt niemanden mit dem ich lieber Zeit verbringe als mit mir und ja – das ist ziemlich egoistisch (lacht).

Ÿ Wie schafft man es, sich in sich selbst zu verlieben?

Ich kann nur von mir reden: Ich habe mir die Dinge abgewöhnt, dir mir nicht gefallen haben: Ich war zum Beispiel nachtragend. Kleinlich. Manipulierend. Ich habe früher oft gelogen. Habe nicht getan, was mir gut tat. Mochte meinen Körper nicht. War nicht authentisch. Dann wurde ich mit mir und der Welt verständnisvoller und aufmerksamer. Und das hat mir an mir gefallen. Ich habe immer noch einen inneren Kritiker, der manchmal sehr streng mit mir sein kann und dann gehe ich in die Stille, rede mit ihm und erinnere ihn daran, dass wir mit Strenge nicht zur Wachheit kommen. Und dann nickt er und verspricht mir beizustehen.

Ÿ Du schreibst in Deinem neuen Buch: Wenn wir im Außen nach Liebe suchen, dann bleiben wir Suchende? Was heißt das genau?

Liebe ist nicht etwas was zu mir kommt. Liebe ist, was ich bin. Der Grund warum wir das Verliebt sein so genießen ist, dass uns da jemand anschaut, der von uns begeistert ist. In dessen strahlenden und und damit  betrachtenden Augen sehen wir unsere eigene Schönheit. Und das gefällt uns. Für manche von uns ist das das erste Mal, dass sie sich „geliebt“ fühlen. Und dieser Blick der uns da trifft, der trifft uns ins Herz und das wünschen wir uns zu erhalten. Doch wie wir alle wissen: Verliebtheit hält eben nicht ewig. Und dann wird ihm auffallen, dass wir vielleicht doch nicht so toll sind, wie wir am Anfang schienen – denn wir haben eben auch Schwächen. Und wenn diese Schwächen ebenso liebevoll vom Anderen betrachtet werden können, dann fühlen wir Liebe. Und wenn wir das mit anderen und auch uns selbst können, dann SIND wir Liebe. Denn Liebe ist nicht nur ein Gefühl, sondern eben auch ein Zustand.

 

Mir wurden vom Schweizer Magazin „Weitsicht“ fünf Fragen gestellt – und ich habe aus Versehen die Fragen genommen, die dem vorherigen Interviewpartner gestellt wurden. Deshalb hier einfach im Blog – damit die Zeit nicht ganz umsonst war …;-)

 

Was ist Spiritualität?

Wach und Bewusst zu leben, verbunden mit der Erkenntnis, dass ich Seele bin, die hier eine menschliche Erfahrung macht. Das bedeutet für mich den Unterschied zwischen Persönlichkeit und Seinszustand wahrzunehmen und aus dem letzteren agieren – sich also darin entspannt und leicht zu bewegen – egal wie das im außen ankommt. Es geht von hektisch, ziele-erreichend hin zur bewussten Langsamkeit; zum Leben im Sein. Darin übe ich mich.

 

Wann und warum haben Sie sich aufgemacht auf den Weg in die Spiritualität?

Vor knapp dreißig Jahren durch eine berufliche Krise. Ich war eine erfolgreiche Fernsehmoderatorin und mir war damals nicht klar, dass ich mich wie eine Schauspielerin in meinem eigenen Leben bewegte. Ich begann wacher zu werden und – wie bei einer Zwiebel – die über Jahre auf mein Sein gestülpten Schichten abzulegen.

 

Ungeduld ist für viele Menschen ein Thema: Wie schnell können wir uns spirituell entwickeln?

Das geht vielen von uns so, glaube ich. Mir auch. Es gibt einen sehr strengen Aspekt in mir, der erwartet in jedem Augenblick komplettes waches Bewusstsein. Das schaffe ich nicht. Manchmal drifte ich zum Beispiel in Gedankenschlaufen ab. Also wenn ich nur einen Hauch abweiche, dann kann der sehr fuchsig werden. Das hat auch Vorteile: Ich bleibe dran (lacht). Wir haben uns mittlerweile auf eine liebevollere Art des Hinweisens geeinigt. Und: Schneller geht es sowieso nicht. Wir alle sind auf unserer Seelenreise und die entwickelt sich so, wie sie sich entwickelt. Wenn wir im fünften Monat schwanger sind, dann hilft es auch nichts, wenn wir schon mal pressen. Ein Kind dauert. Und eine Entwicklung eben auch. Leichter gesagt, als getan…

 

Wie zeigt sich spirituelle Entwicklung im Außen, wie veränderte sich Ihr Leben auf diesem Weg?

Wenn wir uns verändern, verändert sich immer das Außen. Früher hatte ich viele anstrengende Leute um mich. Heute nur noch tolle. Früher war ich rechthaberisch, neidisch, nachtragend, manipulierend und schnell beleidigt. Das kann man sich abgewöhnen. Dadurch wird das emotionale Leben entspannter und ruhiger. Man legt sich nicht mehr mit der Realität an. Das ist sehr praktisch. Es ist ein komplett anderes Sein. Man hat mehr Verständnis für andere, verteidigt aber auch gleichzeitig was für einem selbst wichtig ist.

 

Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse und Empfehlungen für den spirituellen Weg?

Seinem eigenen Weg zu folgen. Wirklich nur seinem zu folgen. Wir können uns Inspiration holen, aber das war es auch schon. Bloß kein Guru. Für mich sind Seelenschwestern und Seelenbrüder wichtig, die einen ähnlichen Fokus auf Wachheit haben und mit denen ich mich auf Augenhöhe austauschen kann. Austauschen. Nicht folgen. Wir alle erspüren selbst, was für uns richtig ist. Das muss manchmal nur mehr geübt werden …

 

Ihr Lieben,
vielleicht seid ihr auch gerade in einer Umorientierungsphase. Ich treffe zur Zeit viele Menschen, denen das so geht. Deshalb wollte ich gerne etwas dazu in meinem Blog schreiben. Ich habe ihn genannt:

Den Verstand verlieren …

„Ich komme von einem Abendessen mit zwei Freundinnen zurück und wir sprechen über Veränderungen. Wir sind im gleichen Alter – mehr oder weniger 60 Jahre alt – und merken, dass nicht nur wir, sondern gefühlt unsere komplette Altersgruppe ihr Leben gerade umstellt oder umstellen möchte. Und wir scheinen nicht alleine zu sein.“

Mehr […]


Sehen wir uns in Leipzig?

Ich freue mich auch dieses Jahr jetzt im September Leipzig zu besuchen. Ich gebe einen Workshop „Ein Tag für die Liebe“. Zuerst habe ich ein Gespräch bei den Welt-im-Wandel-Impulsen (hier ist der link dazu) […] und gebe einen Tag später am 16. September den Tagesworkshop:
Im Einklang. Näheres dazu hier […]

Das sind die Inhalte: Was ist eigentlich Liebe? Woran erkenne ich eine gesunde Liebe?
Warum sind wir zusammengekommen? Ist meine Beziehung zu Ende? Was habe ich „falsch“ gemacht? Wie kann ich mit meinen Gefühlen umgehen? Wie geht eine Trennung ohne Bedauern? Warum habe ich kein „Glück“ in der Liebe? Warum passiert mir das immer wieder? Wie kann ich die Trennung für die Kinder gestalten?
Im November bin ich zu dem Thema noch in Frankfurt und in Hamburg. Vielleicht sehen wir uns?


Hier 3 Online-Kongresse zu verschiedenen Themen:

Offensichtlich ist der September ein beliebtes Datum für Online-Kongresse. Das System ist ja immer das gleiche: Ihr meldet Euch an und könnt dann kostenlos für 24 Stunden jeweils die freigeschalteten Videos sehen. Diese drei Interviews habe ich vor einer Weile gegeben und zwei weitere kommen noch – ich glaube im November. Es ist bei den Anfragen nicht ganz klar, wann die Interviews ausgestrahlt werden, denn manchmal ändern sich auch die Termine der Kongresse. Deshalb hier jetzt so geballt. Zur Zeit sage ich nicht mehr bei Anfragen zu. Ich habe beschlossen auch da Pause zu machen.

Lebe Deine Bestimmung

Das ist das Thema das Berit Heister so interessierte, dass sie einen Online-Kongress dazu gestaltet hat. Es geht um gelebte Spiritualität: Uns auch immer wieder daran zu erinnern, dass wir eine Seele sind, die einen Körper hat. Und nicht umgekehrt. Hier ist der Link […] Der Kongress ist vom 14.9. bis zum 22.9. Mein Interview wird am Sonntag, den 15. September freigeschaltet.


Patchwork-Familien – ein empfehlenswerter Kongress

Vor einem Jahr gab es schon mal den Patchwork-Kongress und ich gab damals auch ein Interview. Ich habe während des ersten Kongresses diverse Interviews angehört und war von der Auswahl und den Gesprächen, die Yvonne Woloschyn geführt hat, sehr begeistert. So begeistert, dass ich auch in meinem neuen Buch „Wenn wir uns trennen, lernen wir uns kennen“ […] darüber berichtet habe (Das Buch erscheint am 21. Oktober). Falls Ihr mit dem Thema etwas zu tun habt, empfehle ich Euch da reinzuschauen. Mein Interview wird am 20. September ab 20.00 Uhr für 24 Stunden freigeschaltet. Hier ist der Link […]


Selbstliebe ist so ein wichtiges Thema…

Viele haben Angst davor, weil sie befürchten, in den Egoismus oder in die Egozentrik abzurutschen. Und doch hat Selbstliebe viel mit Selfcare (sich also um sich selbst zu kümmern: emotional und auch körperlich) zu tun. In diesem Kongress unterhalte ich mich mit Elena Wienkotte, was es braucht und wie wir alle mehr Liebe für uns selbst entwickeln. Mein Interview wird am 17. September ab 18.00 Uhr freigeschalte: Link […]


Mein Interview vom Frühjahrs-Flow-Summit

Hier ist ein Link […] zu meinem Beitrag vom letzten Flow summit im Frühjahr. Dank an Dominik Roessler vom Sinnsucher-Team, der es mir zur Verfügung gestellt hat und ich es somit Euch zur Verfügung stellen kann. In diesem Beitrag spreche ich über Gefühle, was wir tun können, wenn wir unser Wohlgefühl verlieren, über energetische Felder und wie wichtig es ist, dass wir uns in unserem Körper und in unserem Leben wohlfühlen … und wie erleichternd es ist, keine Geheimnisse mehr zu haben. Mehr dazu in diesem Video […]


Du bist nicht, was du denkst

Ich habe ein sehr gutes Buch von Georg Lolos „Du bist nicht, was du denkst“ gelesen, dass ich Euch gerne empfehlen möchte. Es gibt viele Bereiche, die dort besonders klar und anschaulich dargestellt werden und ich empfand es als eine Bereicherung. Ebenfalls hat eine Freundin von mir – Doris Dorrie – ein Buch geschrieben, um zum Schreiben anzuregen: „Leben, Schreiben, Atmen – Eine Einladung zum Schreiben.“ Schreiben bringt die Gedanken und Empfindungen aufs Papier. Es geht nicht darum, einen Pulitzer-Preis-Roman zu schreiben. Es geht „nur“ ums Schreiben. Denn: Schreiben hilft … probiert es doch mal.
In meinem vorletzten Blog habe ich über die Einsamkeit […] geschrieben und es gab einige Kommentare dazu. Vielleicht möchtet ihr da mal reinlesen. Besonders für diejenigen, die gerne alleine sind und sich manchmal wundern: „Stimmt da was nicht mit mir?“

Seid umarmt,
Sabrina

Ich komme von einem Abendessen mit zwei Freundinnen zurück und wir sprechen über Veränderungen. Wir sind im gleichen Alter – mehr oder weniger 60 Jahre alt – und merken, dass nicht nur wir, sondern gefühlt unsere komplette Altersgruppe ihr Leben gerade umstellt oder umstellen möchte. Zusätzlich spreche ich seit Wochen mit meinem Liebsten und meinen beiden engsten spirituellen Freunden und auch bei ihnen stellt sich immer wieder die Frage:

Wie wollen wir JETZT leben?

Wir sind es gewohnt zu erschaffen, zu kreieren, weiter zu machen. Doch das bedeutet auch, dass wir darüber nachdenken was wir loslassen, was wir behalten und was wir neu entwickeln lassen möchten. Wie viel freie Zeit brauchen wir zwischen dem Loslassen und dem Neubeginn?

Zeit zum Nachforschen. Nachdenken. Dazu braucht es Stillstand. Ruhepausen. Rückzug.

Und in dem Rückbeziehen auf sich selbst, geht es auch um das Loslassen. Was genau wollen wir loslassen? Wenn wir beginnen unsere Lebenskraft aus bestimmten Dingen herauszuziehen, dann entsteht häufig eine Art Vakuum. Das Neue hat sich noch nicht eingestellt. Das Alte ist noch nicht weg, weil es uns eben auch ans Herz gewachsen ist – haben wir doch viel Zeit und Energie und Lebenskraft hineingelegt.

Wenn wir uns verändern, verändern sich unsere Lebensumstände. Manchmal allerdings verändern wir uns so schnell, dass unsere Lebensumstände kaum mehr nachkommen.

Ein Beispiel dazu ist mein Workshop-Raum, die Galerie Schwabing. Ich hatte mir vor Jahren diese Räume gekauft, in der schon eine Galerie war. Mir gefiel der Platz und obwohl ich ihn ja selbst nicht benutzen würde, sondern er weiterhin vermietet blieb, fühlte ich eine vertraute Nähe. Irgendwann – das wusste ich – würde ich die Räume selbst nutzen.

Einige Jahre später kündigte der Mieter. Das ist jetzt knapp zwei Jahre her und ich spürte die vertraute Begeisterung in mir: „Jetzt ist die Zeit gekommen. Ich werde diese Räume selbst nutzen.“ Und damit auch mein Liebster Stanko, um seine wundervollen Farbfelder dort auszustellen. Es schien ideal: Ich mache dort meine Workshops in meinen eigenen Räumen, eingerichtet mit meinem Geschmack und meiner Energie und Stanko hat für seine Bilder den passenden Rahmen in den Räumen dieser Galerie.

Seit knapp dreißig Jahren unterrichte ich in „fremden“ Räumen. Immer komme ich mit Salbei. Immer räuchere ich ihn aus. Für manche brauchte ich viel  Salbei. Manche Räume waren angenehmer als andere. Doch nie kam ich in einen Workshop-Raum und dachte: „Wie ideal, das passt perfekt.“ Doch das sollte jetzt anders werden. Ich wollte in ein Zuhause von mir einladen. Dazu beschäftigte ich mich mit den Räumlichkeiten in Schwabing. Sang darin, sass darin, meditierte darin – füllte diesen Raum auf mit meinem Sein; füllte ihn mit Intension, Liebe, Schönheit und Kraft.

Dann begann ich meine Kurse dort abzuhalten. Es fühlte sich wunderbar an! Stankos Farbfelder erfüllten den Raum mit Farbe und Licht. Jede und jeder schien sich wohlzufühlen. Es war ideal! Ich sang fast jeden Freitag Abend mit meiner Improvisations-Gruppe Munich-Impro-Pool und wunderbarer Klang füllte und blieb im Raum.

Ab und zu vermietete ich ihn an Freunde, die ich schätzte und die ebenfalls diese Räume in dem Sinne benutzten, in dem sie gestaltet wurden. Das Geld welches ich für die Renovierung und Einrichtung ausgab, fand ich gut angelegt. Schließlich würde ich ihn lange und oft nützen.

So dachte ich.

Etwas mehr als ein Jahr später begann mein innerer Rückzug. Ich merkte kurz darauf, warum ich im Jahr davor Online-Kurse gestaltet hatte, damit meine Arbeit zur Verfügung stehen kann, selbst wenn ich es gerade nicht bin. Da ich spürte, dass ich mehr Stille, mehr Zeit alleine brauchte, stellte ich immer weniger Workshop-Angebote in der Galerie zur Verfügung. Im Oktober kommt mein neues Buch heraus („Wenn wir uns trennen, lernen wir uns kennen“ – ein Beziehungsbuch) und ich gebe dazu drei Workshops (Leipzig, Hamburg, Frankfurt) und habe nicht mal einen für die Galerie in München geplant.

Warum?

Ich zögere. Ich zögere den Raum zu behalten. Zögere aber auch ihn zu vermieten. Dies ist ein heiliger Raum geworden. Mein heiliger Raum. Mein Verstand sagt mir, dass es unpraktisch ist, so einen schönen Raum nicht häufiger zu nutzen. Unpraktisch und teuer. Grundsätzlich mag ich es nicht, wenn Dinge nicht benutzt werden. Wenn ich ihn schon nicht benutzte, dann sollen ihn wenigstens andere benutzen. So halte ich es auch mit den Dingen, die mir gehören. Wenn ich sie nicht benutze, gebe ich sie weiter, verschenke oder verkaufe sie.

Aber was mache ich nur mit der Galerie? Wem will ich den Raum vermieten?  Ich will nicht, dass es ein Büro wird. Möchte keine hektischen Meetings über Business as usual dort abgehalten wissen. Dafür wurde der Raum nicht gestaltet. Stanko und ich haben lange darüber gesprochen, was wir uns für diesen Platz wünschen und haben uns zu folgendem entschieden: Dies ist ein Raum für angenehmes und aufmerksames Sein. Schönheit. Weisheit. Klang. Freude. Kunst. Wer also hält ihn „heilig“ genug?

Ich habe Fotos von der Galerie gemacht. Ich habe sogar schon eine Text für Immoscout geschrieben. Es würde zwanzig Minuten dauern ihn reinzustellen. Ich habe zwanzig Minuten. Und doch stelle ich die Anzeige nicht rein. Ich warte noch.

Worauf ich warte? Auf den Impuls es auch zu tun. Ich kenne das Zögern in mir und schätze das Zögern. Wenn ich zögere, bleibe ich erst einmal stehen. Da gibt es etwas, das noch nicht geklärt ist. Das sich noch nicht entwickelt hat. Die Zeit dafür noch nicht gekommen ist.

Zusätzlich gibt es wie bei allem auch noch verschiedene Möglichkeiten: Ich kann die Galerie Schwabing ganz hergeben – und ganz loslassen – oder sie vielleicht nur an eine Mieterin, eine Mieter unter der Woche (Montag bis Freitag) vermieten – so dass ich ihn am Wochenende (wenn ich denn will) wieder selbst nutzen kann.

Wenn ich denn will …

Will ich denn?

Ich weiß es nicht. Ich weiß es noch nicht. Was ich weiß ist, dass ich jetzt keine Entscheidung treffen kann. Es fehlt noch etwas. Es fehlen Informationen. Informationen die ich vielleicht dann habe, nachdem ich im Herbst meine drei Workshops gegeben habe. Machen sie mir soviel Freude, dass ich das gestalten kann: Eigene Stille und ab und zu Kurse? Oder merke ich dann, dass es erst einmal Zeit ist, keine Kurse zu halten,  um mich ganz der eigenen Stille und dem Wachsein zu widmen?

War es ein Fehler die Galerie herzurichten, Sitzgelegenheiten extra machen zu lassen, Teppiche zu kaufen, Paravents, Rollos, Gläser, Tassen, Whiteboard zu besorgen und Flyer zu drucken? War es ein Fehler, verschiedene Möglichkeiten des Sitzens, des Bewegens und des Betrachten zu erschaffen? War es ein Fehler, soviel Zeit zu benutzen, darüber nachzudenken wie diese hundert Quadratmeter gestalten werden können, damit sich jede und jeder der hereinkommt wohlfühlt? War es ein Fehler stundenlang darüber zu sinnieren, was noch schöner, noch angenehmer, noch passender gemacht werden kann?

Es gibt keine Fehler – das weiß ich. Aber manchmal geht die Entwicklung schneller als gedacht. Was sich noch vor zwei Jahren, zwei Monaten, zwei Wochen oder zwei Tagen als „richtig“ anfühlte, kann jetzt schon anders sein. Es geht um das Offensein und Offenbleiben. Sich selbst immer wieder in Frage zu stellen. Der inneren Ausrichtung zu folgen – selbst wenn die Persönlichkeit sich die Haare rauft und fragt, ob wir jetzt völlig den Verstand verloren haben!

Ja. Wir haben den Verstand verloren. Wir haben ihn als einzigen Ratgeber verloren. Wir hören auf etwas anders. Etwas Tieferes. Wir hören auf unsere Seele. Das mag zwar im Moment keinen Sinn ergeben. aber tut es im nachhinein eben immer.

Es gibt einen wundervollen bayerischen Ausspruch, der da heißt: „Schau ma moi.“ (Schauen wir mal.)

 

Ja, dann schauen wir mal …

 

 

 

 

Immer wieder liest und hört man davon, dass sich viele von uns einsam fühlen und es klingt jedes Mal wie eine Krankheit. Da gibt es in uns dieses Gefühl, das anscheinend nicht „gut“ ist und das wir loswerden wollen – oder sollen.

Einsamkeit. Klingt schon mal nicht verlockend. Klingt so, als würde man mit uns nichts zu tun haben wollen. Alle haben uns verlassen und niemand interessiert es, was mit uns passiert. Einsamkeit klingt nach traurigem Leben. Keinen Freunden. Niemand dem wir wichtig sind. Nach Verlassen werden. Nach nicht dazugehören.

Ein Zustand, den es zu vermeiden gilt. Oder?

Wir loben die Zweisamkeit, die Paar-Beziehung, langjährige Ehen – doch selten wird jemand gelobt, weil sie oder er alleine glücklich lebt. Komischerweise glaubt man das oft nicht. Es wird vermutet, dass die- oder derjenige sich mit der Situation eben arrangiert hat und sich im tiefsten des Herzens doch nach etwas anderem sehnt. Interessant, nicht wahr?

Woher kommt das? Für unsere Vorfahren war alleine sein auch gefährlich. Sie mussten in Gruppen zusammenleben, um sich gegenseitig zu schützen und abzusichern. Das Überleben hing davon ab, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Früher (und in manchen Teilen unserer Welt immer noch), brauchte eine Frau einen männlichen Beschützer. Diese Ur-Ängste und Ur-Erfahrungen sind in unserem Reptiliengehirn und Säugetiergehirn verankert und werden gelegentlich getriggert: Eben dann, wenn wir alleine sind und noch nicht erfahren haben, dass dieser Zustand früher zwar gefährlich war, heute es aber (in den meisten Fällen) nicht mehr ist.

Das erfährt man aber nur, wenn man sich auf diesen Zustand einlässt und ihn mal ausprobiert. Und dadurch auch erkennt, dass wir nicht verloren sind, nur weil gerade kein anderer Mensch in unserer Umgebung ist.

Manche möchten dieses Gefühl der Einsamkeit unbedingt vermeiden.

So sehr, dass sie sogar bereit sind sich selbst unglücklich zu machen und in schmerzlichen Beziehungen verharren, sich schlecht behandeln lassen … nur um nicht alleine zu sein.

Wieder andere glauben, dass „Andere“ für unser Wohlbefinden und unsere Unterhaltung zuständig sind. Dass jemand anderer (Familie, Freunde, Kollegen, die Menschheit an sich) dafür sorgen soll, damit wir nicht alleine sind. Da wird gewartet, dass sich jemand anderer erbarmt, sich kümmert, endlich mal für uns da ist. Das wird auch gelegentlich scharf eingefordert: „Warum kümmerst Du Dich nicht?“ Wir wünschen uns unsere Kindheit zurück, in der es (im Idealfall und für ein kindliches Aufwachsen lebensnotwendig) immer jemand gab, der sich um uns kümmert. Denn wir konnten uns nicht alleine um uns kümmern. Wir brauchten jemanden, der uns versorgte, ernährte und beschützte.

Es ist aber unsere Aufgabe als erwachsener Mensch unser Leben so zu gestalten, dass wir uns darin wohl fühlen. Und wenn wir uns nach Gemeinschaft sehnen, dann braucht es eigene Schritte. Wir können uns aufmachen, um nach Gemeinschaften zu suchen, die zu uns passen – oder aber stöhnen, dass sich niemand um uns kümmert.

Je früher wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass wir uns alle im tiefsten unseres Herzens einsam fühlen, desto leichter wird unser Leben.

Einsamkeit lässt sich nicht vermeiden.

Das ist wie atmen. Ohne Atem können wir nicht leben. Ohne das Gefühl des Alleine seins können wir keine menschliche Erfahrung machen.

Natürlich fühlen wir das nicht immer. Sind wir in einer zärtlichen Umarmung, erfreuen uns an unseren Liebsten, sitzen gemütlich mit Lieblingsmenschen zusammen – all das gibt uns ein Gefühl der Zugehörigkeit. Und doch, wenn wir dann nach Hause gehen, alleine in den Sternenhimmel schauen, uns der eine oder andere Gedanke beschäftigt oder betrübt, dann erspüren wir es wieder: Ich bin doch alleine.

Ja. Das sind wir alle. Und das ist nicht falsch.

Aber halt! Sollen wir nicht alle spüren, das wir „eins“ sind? Und ist das nicht doch die falsche Richtung?

Das eine schließt das andere nicht aus. Wenn wir einem Musikstück zuhören, dann mag der Klang harmonisch sein, aber trotzdem wird er durch einzelne Instrumente erschaffen. Jedes dieser Instrumente steht für sich alleine und hat eine bestimmte Qualität, eine Schwingung, einen Klangkörper und klingt eben auch alleine schön. Gemeinsam wird es ein anderer Klang. Voller. Vielleicht monumentaler. Und doch kann das geübte Ohr unterschiedliche Klänge heraushören. Jedes Instrument ist einzigartig.

So wie wir.

Damit wir eine menschliche Erfahrung machen, braucht es einen Körper. In dem Leib unserer Mutter erspüren wir die Verbindung und doch – sind wir da schon „alleine“. Wir bewegen uns alleine. Wir entwickeln uns alleine. Wir wachsen alleine. Ja, alles mit Hilfe der Mutter und den Nährstoffen, die sie uns durch ihren Körper schenkt und doch ist es unsere eigenständige Entwicklung.

Das hört nicht auf, nur weil wir geboren werden. Wir verstehen, dass wir die Mutter und ihren geschützten Raum verlassen müssen, um unser Leben „alleine“ zu gestalten. Auch da hoffentlich mit zärtlicher und aufmerksamer Unterstützung – was nicht jeder und jedem von uns zuteil wird.

Haben wir in jungen Jahren ständig Zurückweisung, Schmerz und Abwertung statt Liebe und Aufmerksamkeit erfahren, so glauben wir, dass unser Gefühl des „Alleinseins“ daran liegt. Kein Wunder also. Wären wir „besser“ gewesen, hätten wir aufmerksamere Eltern gehabt, wäre unser Leben anders verlaufen, dann würden wir uns nicht einsam fühlen.

Sind wir mit Liebe überschüttet worden und fühlen uns „trotzdem“ einsam, denken wir: „Mit mir stimmt was nicht! Ich habe doch alles? Warum fühle ich mich trotzdem einsam?“

Wir fühlen uns alle gelegentlich einsam.

Wir machen diese menschliche Erfahrung alleine. Es war unser Wunsch aus der Gemeinsamkeit (Wir sind alle eins), in die „EINsamkeit“ zu gehen. Wir haben das Meer verlassen (das Alles-was-ist), um wie ein Tropfen zu erleben, wie es ohne das Meer ist. Dies ist eine singuläre Erfahrung. Um dann (durch inneres Wachstum) zu erkennen, dass wir – als Tropfen – das Meer in uns tragen.

Dazu haben wir uns aus dieser Verbindung – also von der Gemeinsamkeit – in das alleine erleben hineingewünscht. Wie fühlt es sich an „all-eins“ zu sein? Kann ich in mir Heimat finden oder brauche ich ständig von Außen Betreuung? Bin ich in mit mir selbst glücklich oder bin ich nur „glücklich“ mit Ablenkung von Anderen? Brauche ich Zerstreuung und Amüsement, um mich von meinem eigenen Sein durch Stories, Klatsch, Drama, Neuigkeiten abzulenken?

Das Leben wird alleine gestaltet. Ja, wir können uns Unterstützung holen, ja wir können uns anlehnen, aber in unseren Gedanken, unseren Gefühlen und in unserem Körper sind wir allein (All-Eins). Noch zu viele von uns machen enorme und schmerzliche Kompromisse für eine Gemeinsamkeit, die uns nicht nährt, sondern an uns zehrt.

Wir erkennen mit den Jahren, dass wir für unser eigenes Leben zuständig sind.

Wir erkennen die Wahlmöglichkeiten, die wir haben und wie wir unser Leben und unser Sein bisher gestaltet haben – und weiterhin gestalten möchten. Wir übernehmen entweder die vollständige Verantwortung für uns oder eben nicht. Falls nicht, geben wir damit auch unsere Kraft ab und das Wissen, dass wir die Schöpfer unseres Lebens sind. Dann sind die anderen die Mächtigen – und dann sind wir nicht mehr selbst mächtig genug, für uns einzustehen, sondern sie haben „Schuld“, dass es uns nicht gut geht.

Manche wünschen sich Kinder, damit sie sich nicht mehr alleine fühlen. Kinder sind dazu ideal, denn sie lieben uns gleich von Anfang an und werden das auch weiterhin tun, wenn wir einigermaßen passable Eltern sind. Und mit Kindern sind wir beschäftigt. Wir kommen gar nicht dazu, uns einsam zu fühlen, sondern im Gegenteil: Wir wünschen uns mal Zeit alleine. Aber … bitte nicht zu viel. Immer nur so viel, dass wir das Gefühl bekommen, wir können zwar ausatmen, aber wir wollen uns auf gar keinen Fall alleine fühlen.

Dann kommt das „Emty-nest-Syndrom“, wenn die Kinder das Haus verlassen und ihr eigenes Leben gestalten möchten. Für viele ist dies wie eine Scheidung: Wir fühlen uns verlassen – selbst von den eigenen Kindern. Das Gemeinsame war zur Gewohnheit geworden. Wir haben uns selbst kaum mehr erspürt, weil wir so beschäftigt waren. Und jetzt kommt das Gefühle wieder hoch: Ich bin einsam…

Ich habe mal wieder meine Patientenverfügung überprüft. Ich glaube zwar nicht, dass ich die letzten Tage und Stunden meines Lebens nicht mehr in der Lage sein werde, meine Wünsche zu artikulieren, aber manche Dinge (wie die Patientenverfügung) habe ich trotzdem, obwohl ich vor habe, gesund zu sterben. Ich habe meiner Patientenverfügung etwas für mich wichtiges hinzugefügt: Meinen Wunsch alleine zu sterben. Klar kann mich jemand besuchen und von mir Abschied nehmen und ja, es kann auch meine Hand gehalten werden und doch möchte ich weder eine Rundumbetreuung, noch dass jemand die ganze Zeit in meiner Nähe ist. Das will ich in meinem Leben nicht und das will ich auch nicht, wenn ich sterbe. Ich will beim einschlafen auch nicht, dass jemand dauernd meine Hand streichelt und mir sagt, wie nett es mit mir war. So kann ich nicht einschlafen.

Ich will in Ruhe und alleine sterben.

In einer Partnerschaft, in der die Einsamkeit und das Alleine-Sein des Anderen geschätzt wird, gibt es eine entspannte Gelassenheit. Wenn ich ein paar Stunden in Stille im Garten sitze und meditiere, dann sieht mein Liebster das und sorgt dafür, dass ich nicht gestört werde. Er weiß, wie wichtig mir diese Stille ist und wenn ich sie wieder verlasse, bin ich wieder aufmerksam da. Aber ich brauche diese Zeit, wie er sie auch braucht.

In der Einsamkeit begegnen wir uns selbst.

Da gibt es nichts, was uns ablenkt. Wir haben tief in uns die Quelle, aus der wir uns nähren und in der wir uns nie verlassen fühlen. Im Gegenteil: Wir fühlen uns angekommen.

Wir alle kennen das: Wir kommen von einer Reise zurück und sind endlich wieder zuhause. Da gibt es eine enorme Erleichterung und Vertrautheit. Es ist alles da, wie ich es mag und kenne: Mein Bett, mein Wohnzimmer, meine Lieblingsdecke.

Und so ist es auch mit der Einsamkeit. Wäre es nicht erleichternd, wenn wir wissen, dass es normal ist, dass wir uns alle hin und wieder einsam fühlen? Und noch dazu wenn wir wissen, wie wichtig das für uns ist?

Wir fangen dann bewusst an, mit der einzigen Person eine glückliche Beziehung zu führen, die uns unser ganzen Leben begleiten wird: Uns selbst.

Wenn wir dann erkennen, dass wir uns die beste Freundin, der beste Freund sind, dann ist uns unsere stille Zeit so wertvoll, dass wir sie zu verteidigen beginnen. Nirgendwo sonst fühlen wir uns so wohl wie in und mit uns selbst.

 

Die Einsamkeit. Ein Reiseziel, dass sich lohnt …