Meine Zeit des Rückzugs scheint ihrem Ende entgegen zu gehen. Ich merke, dass ich gerne wieder „Ja“ sage. Ich erspüre schon seit einer Weile eine neue innere Lust und eine aktivere Bewegung wieder mehr zu erschaffen. Mehr „mitzuspielen“. Dabei kommt immer wieder ein bestimmtes Thema hoch. Ich merke bei diesem Thema eine besonders kraftvolle innere Bewegung, die ich am Anfang mit einer leisen Sorge betrachtet habe. Es war eine Bewegung, die mit einem Gefühl von „Das ist ungerecht. Das ist nicht in Balance. Da braucht es Veränderung.“ hochkam.

Gefühle, die mit einer starken Kraft kommen, werden von mir besonders aufmerksam betrachtet.

Und zwar nach folgenden Gesichtspunkten: „Will ich Recht haben?“ – „Bin ich in der Bewertung gelandet?“ – „Gelingt es mir, dies mit Ruhe und Gelassenheit zu betrachten?“ Kraft ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Aber es braucht ein genaues Betrachten was der „Treibstoff“ dieser Kraft ist. Ist es eine Bewertung, eine Rechthaberei – oder ist es ein Aspekt meines Seelenweges, der sich mit dieser Kraft zeigen will? Denn Kraft, das wissen wir alle, ist für vieles ein Motor. Doch da kommt es eben auch auf den Treibstoff an: Ist es Öl oder Sonne, die dieses Gefährt bewegt?

Das Thema? Dass die Hälfte der Weltbevölkerung (das Weibliche) immer noch nicht ihren rechtmässigen Platz einnimmt und die alte Gewohnheit des Patriarchats sich bemüht, seine Position zu behalten. Ich lese gerade viel darüber (unter anderem auch das sehr zu empfehlende Buch: „Unsichtbaren Frauen – wie eine von Daten erherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“ von Caroline Criado-Perez) und erspüre jedes Mal dieses innere – hm … aufflammen – mich da mehr einzubringen. Doch wie? Das ist ein weiterer Aspekt meiner Erforschung.

Doch dabei möchte ich das nicht verlieren, was ich seit Ende 2019 mir erschaffen habe: Den Genuss der Langsamkeit. Die noch tiefere und angenehme Freude des Seins. Die Zeit alleine. Das Co-Bewusstsein von Im-Körper-sein und Mehr-als-Körper-sein. So werden diese ersten Schritte in etwas „Neues“ aufmerksam von meiner neuen inneren Langsamkeit beobachtet.

Wie kann man/frau sich das vorstellen? Jede*r von uns hat Zeiten der Umorientierung und wie wir damit umgehen hängt von unserem Seelenweg und unserer Persönlichkeit ab. Und im Idealfall nehmen wir das mit, was wir in diesen Veränderungsphasen über uns erfahren oder vertieft haben. Doch da gibt es auch eine Eingewöhnungsphase in der das Neue in unserem Körper, in unseren Synapsen, vertieft wird. Die alten Synapsenverbindungen sind noch nicht ganz gelöst – die Neuen haben noch nicht komplett übernommen. Da gilt es wachsam zu sein…

Das, was ich in diese neue Phase mitnehmen werde, ist meine Entdeckung der Langsamkeit.

Die will ich nicht verlieren. Dafür muss ich selbst sorgen. Gestern Abend zum Beispiel war mir aufgefallen, dass mein Wohlfühlgefühl während des Tages leicht abgesunken war. Das nehme ich nicht nur wahr, sondern das will mir etwas sagen. Was genau hat mein energetisches Feld zu einer anderen – dichteren – Schwingung gebracht? Ich spreche hier nicht über ein dramatisches Abfallen. Da gibt es keine tiefe Trauer, Unzufriedenheit oder Frustration. Wenn ich das prozentual ausdrücken müsste, dann reden wir von vielleicht 10%. Früher – als ich mit meiner Erforschung erst begann – hatte ich Wechsel in meinem energetischen Feld – also dem Zustand zwischen Unwohl- und Wohlfühlen – die stündlich wechselten und zwar rigoros von oben nach unten. Ich dachte, so ist das Leben eben. Nun ja, so war „mein“ Leben. Und das konnte und habe ich verändert.

Wenn ich also merke, dass mein Wohlgefühl absinkt, dann braucht es dazu meine Erforschung.

Also: Was habe ich gedacht? Was habe ich getan? Wo war ich? Ich gehe durch jede dieser Fragen gesondert durch.

„Was habe ich gedacht?“

Gelegentlich gibt es Gedankenschlaufen, an denen wir festhängen. Dinge, die wir gedanklich wiederholen. Gestern habe ich einiges organisiert. Und festgestellt, dass ich zwar ein paar Mal meditiert habe, aber mein Kopf ziemlich beschäftigt war: Mit verschiedenen Projekten und einer Planung von „Was ist noch zu erledigen“. Eine meiner Hausaufgaben ist nichts mehr „schnell“ erledigen zu wollen. Beim Nachforschen merkte ich, dass ich einen Hauch zu schnell war für mein jetziges Sein.

Die zweite Frage: „Was habe ich getan?“

Morgens habe ich getanzt, mehrmals tagsüber meditiert, aber ich war nicht spazieren. Was für mich wichtig ist. Ich war also nicht „draußen“. Ein weitere Grund warum mein Wohlfühlen abfällt. Und ich saß lange vor dem Computer und fühlte wieder eine Art von Verpflichtung, etwas bald abzuschliessen. Ein Hauch der ehemaligen Schnelligkeit wollte sich auch da wieder breitmachen.  Und ich war mit Technik beschäftigt. Ich habe meinen Gesang für eine Meditation aufgenommen und mein Tontechniker-Equipment war eine Herausforderung. Das Singen hat mir Freude gemacht, aber das wurde durch die Technik anstrengender. Dinge klappten nicht so, wie ich mir das wünschte. Gelegentlich habe ich den Anspruch an mich alles alleine machen zu wollen. Alles können zu wollen (lach). In diesem Technikbereich gibt es noch zu häufig eine leichte Frustration – die auch ganz schön massiv werden kann. Da werde ich eine andere Lösung finden müssen. Da brauche ich Hilfe. Unterstützung.

Die dritte Frage: „Wo war ich?“

Das betrifft meistens einen Aspekt des Aufnehmen von anderen Energiefeldern. Ich war nur Zuhause und mein Liebster war in seinem Büro und zwar sehr beschäftigt, aber fühlte sich wohl. Also das kann es nicht gewesen sein. Allerdings auch da: Wo war ich nicht? Ich war nicht spazieren. Ein wichtiger Aspekt meines Wohlfühlens.

 

Als ich heute früh aufwachte, spürte ich mich immer noch nicht in meinem normalen Wohlgefühl angekommen und so meditierte ich ganz speziell darüber. Dazu scanne ich meinen Körper, um zu sehen wo diese „Dichte“ liegt. Sie lag in meinem Herzen. Ein wallnuss-großes Teil, das ein Gefühl hielt, das mir vertraut ist: „Es allen Recht machen zu wollen.“ Was natürlich auch mit der „Anerkennung Anderer“ zusammenhängt. Viel habe ich davon losgelassen und selten kommt es hoch. Aber es kommt noch hoch. Wie eben jetzt. Warum verstand ich auch sofort. Gestern ging es um die Planung einer virtuellen Eigentümerversammlung (ich bin im Beirat) und da wir uns nicht persönlich treffen können, war es mir wichtig, dass die Einladung so klar und verständlich wie möglich für alle ist. Denn der Text der Einladung ist – da der Austausch fehlt – für eine Abstimmung sehr viel wichtiger als üblicherweise. Dieser innere Wunsch „alle einbinden zu wollen“, „es verständlich zu machen“, „Unklarheiten vorzubeugen“, einen „guten Job als Beirätin“ zu machen, löste dieses Gefühl in mir aus. Zugleich fiel mir auf, dass eine alte Gewohnheit von mir wieder zurückkommen wollte: Dinge schnell zu erledigen. Am besten VIELE Dinge schnell zu erledigen. Früher war mein Tag angefüllt mit Verpflichtungen. Dinge, die ich zu erledigen hatte. Je voller der Kalender, desto „nützlicher“ fühle ich mich.

Dies war mein Treibstoff, der mich früher vorantrieb.

Die Langsamkeit hatte damals keine Platz. Ich habe in den letzten ein-einhalb Jahren meinen „Treibstoff“ verändert. Wenn man so will von Öl auf Sonne. Und an diesem Tag fiel ich wieder in meinem alten Treibstoff zurück. Diesen Treibstoff möchte ich nicht mehr nutzen. Mein abfallendes Wohlgefühl machte mich darauf aufmerksam.

Als ich das erkannte, verschwand es.

Der ganze Prozess der inneren Erforschung hat vielleicht zehn Minuten gedauert. Das ist auch das Wunderbare daran, dass diese Klarheit so leicht hochkommt. Und danach erlaubte ich der Meditation das zu sein, was sie ist: Stille. Innere Beobachtung des Körpers. Angenehmes Sein.

Wach bleiben. Eine Lebensaufgabe. Das hört sich vielleicht für manche nach einer Anstrengung an. Ich empfinde das als eine besonders bereichernde, eine besonders hilfreiche, eine besonders spannende Lebensaufgabe und damit ist sie eben auch

besonders schön …

 

 

 

Liebe Sabrina, was hat Dich damals bewogen, diesen Weg zu gehen?

Es war ein berufliches „Desaster“ – und das Gefühl dem ausgeliefert zu sein. Ich erspürte Scham, öffentliche Häme, Schmerz. Das hat mich an einen Punkt gebracht, bei dem ich wusste: Ich muss etwas ändern! Zuerst dachte ich noch, die „Anderen“ müssten sich ändern und dann wird das schon werden (lacht). Nach einer Weile merkte ich, ich habe einiges zu lernen: Zum Beispiel Nein zu sagen, nicht mehr zu lügen, offen zu zeigen wie ich mich fühle, zu verzeihen, mir selbst zu vertrauen, meine Gedankenschlaufen genauer anzuschauen. Ich lernte früh, mich anzupassen, stoisch durchzuhalten und mir nichts anmerken zu lassen. Mir fehlte innere Stabilität. Selbstliebe. Freude. Und vor allen Dingen: Frieden. Und dann habe ich angefangen aufzuräumen … Also wie ihr es beschreibt: Es gab einen Re-start. Mit einem anderen Ziel: Innerer Frieden.

Womit hast Du Dich dabei am meisten überrascht?

Dass das, was ich am Anfang nur erahnt hatte, auch wirklich stimmt: Wenn wir in uns selbst angekommen sind, Kontemplation und Stille zulassen und in unserem Leben und unserem Sein „aufräumen“, dann erschaffen wir uns damit ein Leben, in dem wir uns wohlfühlen. Erst dann haben wir uns befreit von alten Vorstellungen, alten Ideen unserem alten, anerzogenen Sein. Wir erleben uns freier. Frei uns so zu bewegen und das Leben so zu gestalten wie es uns erfreut. Und damit erfreuen wir nicht nur uns selbst, sondern auch unsere Umgebung, denn wir strahlen Frieden, Ruhe und Wärme aus. Wir werden großzügiger, mitfühlender und aufmerksamer. Wacher. Und je mehr von uns „wacher“ werden – also bewusster werden – desto weniger dramatisch, leichter und angenehmer wird das Leben für uns alle auf diesem wunderbaren Planeten werden. Wenn wir selbst noch innerlich Kriege führen, dann wird das im Außen keinen Frieden erschaffen.

Woher nimmst Du die Kraft, Dinge zu tun, die teilweise nicht mit den herkömmlichen Erwartungen und Vorstellungen zu tun haben?

Die Kunst sich lächerlich zu machen, muss geübt werden (lacht). Es ist alles überlebbar. Der Verstand stellt sich manches so kompliziert vor. Als ich vor sieben Jahr anfing Barfuß zu gehen, waren die Leute einfach nur überrascht. Natürlich schauen sie, wenn ihnen eine Frau im Supermarkt, im Theater, im Zug entgegen kommt, die sonst gepflegt aussieht, aber keine Schuhe trägt. Das ist einfach nur ungewohnt. Stell Dir vor, was Du alles machen würdest, wenn Dein Wertmaßstab nicht mehr die Anerkennung anderer ist? Was für eine Freiheit! Was für ein Konzept, nicht wahr?
War es einfach „anders“ zu sein? Ja und Nein. Jemand geht in die Öffentlichkeit weil sie/er geliebt werden will und Aufmerksamkeit möchte. So war das auch bei mir, denn sie fehlte mir als Kind. Und sind wir in der Öffentlichkeit – ich war ja mal Fernsehmoderatorin – stellen wir fest, dass uns die eine Hälfte mag und die andere kann uns nicht leiden. Aus irgendwelchen Gründen. Vielleicht gefällt denen unsere Nase nicht. Vielleicht erinnern wir sie an eine Person, die sie ablehnen. Wir werden gemocht – oder eben nicht. Das ist nicht manipulierbar. Damals war das sehr schmerzhaft für mich. Weil ich im Außen das suchte, was ich mir im Innen nicht selbst gegeben habe: Liebe.
Also die Logik dahinter ist folgende: Wenn Du bereit bist, dich selbst aufzugeben, um Dich an Andere und deren Vorstellungen anzupassen, und sie Dich TROTZDEM nicht alle lieben, welchen Sinn hat das dann? Da kannst Du ja gleich zeigen, wer Du wirklich bist – weil die Hälfte dich so und so nicht mögen wird.
Und … das wunderbare daran ist, dass dies dann bald auch keine Rolle mehr spielt. Denn du lässt alle Leute das fühlen und erleben, dass sie fühlen und erleben wollen. Du hörst auf zu versuchen andere zu manipulieren – und beginnst sie zu verstehen.
Apropos Verstehen: Es wird dann nicht mehr wichtig, ob du verstanden wirst. Denn du verstehst dich selbst – UND du verstehst auch die Anderen. Und das ist ein wirklich schönes Geschenk, dass wir uns selbst machen.

Welchen Stellenwert haben Vorbilder für Dich? Hattest oder hast Du welche?

Vorbilder sind für mich Menschen, die das erreicht haben, was ich erreichen möchte. „Neid“ kann da sehr hilfreich sein, denn Neid zeigt uns, was wir selbst gerne hätten. Natürlich gibt es die ungesunde Seite von Neid: „Ich gönne der Anderen/dem Anderen das nicht“ – aber es gibt eben auch die gesündere Seite: „Ah, ich sehe, das ist ja möglich so frei, so anders, so bewusst zu leben. Die macht es mir gerade vor. Das möchte ich auch gerne.“ Da gibt es diese Sehnsucht dahinter und da sieht man die Anderen als Vor-Bilder, die dies schon erreicht haben und so auch schon leben. Und wenn sie es erreicht haben, dann kann ich das auch.
Und das ist wahr.

Und zuletzt, welche Veränderung in Deinem Leben begeistert Dich gerade am meisten?

Ich habe die Langsamkeit entdeckt. Die kann ich nur empfehlen.

 

Das ist ein Interview für Restart today …

Dies ist so eine interessante Frage: „Wie fühle ich mich?“ Oft stellen wir uns andere Fragen: Was ist noch zu tun? Was muss ich noch machen? Was noch erledigen? Wo kriege ich dies, das oder jenes her? Die Frage „Wie fühle ich mich?“ bringt uns weg aus unseren Denkschlaufen und in unser Einspüren: Wie fühle ich mich gerade bzw. wie fühle ich mich meistens? Und danach einen Vergleich zu ziehen zwischen:

Wie fühle ich mich und … wie möchte ich mich fühlen?

Die ersten dreißig Jahre in meinem Leben fühlte ich mich wie auf einem durchgeschleuderten Hundeschlitten mit nicht der geringsten Ahnung wie ich die Hunde leiten und den Schlitten ruhig halten sollte. Meine Hunde hörten auf kein Kommando, vertrugen sich nicht und hatten jeder eine eigene Meinung – und häufig auch eine eigene Richtung. Aus irgendwelchen Gründen weigerten sie sich manchmal den Schlitten zu ziehen, aus wieder unerklärlich anderen standen sie nach einem erschöpften Schlaf einfach nicht wieder auf.

Gelegentlich zogen sie meinen Schlitten über Steine und Gräben und nicht selten wurde ich aus dem Schlitten geschleudert und musste mich mit Schmerzen, blauen Flecken und dem einen oder anderen Bruch auseinander setzen. Ich verkroch mich für eine Weile und tat danach so, als wäre alles okay und dann kamen die Hunde wieder jaulend und bellend zurück und ich setzte den Schlitten wieder zusammen und beschimpfte zuerst den Untergrund, die Gegend, das Wetter, die Situation im Allgemeinen, dann die Hunde, meine Ausrüstung und dann am längsten … mich.

Es schien mir, als wäre ich pausenlos damit beschäftigt, meine sieben Sachen auf diesem Schlitten zusammenzuhalten, Zerbrochenes wieder zu kitten, Verlorenes zu bedauern, mich zu schützen vor dem strengen Fahrtwind, den scharfen Kurven und dem gelegentlichen Sturz und außerdem schienen mir die nötigen Klamotten zu fehlen, um mich sicher und warm zu halten. Ich wünschte mir ein dickeres Fell. Das beobachtete ich bei anderen Schlittenfahrern und -fahrerinnen, die einfach besser – so schien es mir – mit den holprigen Untergrund und den eigensinnigen Hunden umzugehen wussten. Die fuhren mit einer mörderischen Geschwindigkeit über Stock und Stein, ohne nach rechts oder links zu sehen, eine Peitsche in der Hand, eine Entschlossenheit im Blick und wenn etwas schiefging, dann standen sie sofort wieder auf, schüttelten sich ein- zwei Mal und machten genau da weiter, wo sie vorher aufgehört hatten. Wenn ich das beobachtete, dann glaubte ich bei ihnen nur Selbstsicherheit und Entschlossenheit zu sehen und ich nahm an, dass sie ein Herz hatten, das so offensichtlich ohne jeglichen Einfluss von außen schlagen konnte – weil es so ein dickes Fell hatte.

So ein dickes Fell, das wünschte ich mir auch.

Ein wirklich dickes Fell, dass mich vor Schmerz, vor Scham, vor Einsamkeit, vor Unsicherheit und vor allem, was das Leben auf diesem Schlitten so anstrengend machte, bewahren sollte und dazu wünschte ich mir Hunde, die wissen, wie man so einen Schlitten zieht.

Wie ich mich damals meistens fühlte? Angestrengt. Angestrengt und erschöpft. Angestrengt und verteidigend. Angestrengt und schauspielernd. Wieso schauspielernd? Ich tat so als wüsste ich, was ich tue. Ich tat so als wäre diese Art Schlitten zu fahren für mich okay. Aber das war es nicht. Und doch befürchtete ich, dass es nur zwei Arten von Schlittenfahrten gibt. Neben denen, die irgendwie ein dickes Fell abbekommen haben, eben meine Art des Schlittenfahrens, denn wenn ich mich umschaute, dann schien es den Anderen in meiner Umgebung ähnlich zu gehen. Da wurde geschimpft und bedauert, beweint und beklagt. Seit meiner Kindheit kannte ich das nicht anders.

Das klingt jetzt so als wären die ersten dreißig Jahre auf meinem Lebensschlitten eine Katastrophe gewesen und nein, das waren sie nicht. Ich sang oft, tanzte gelegentlich, trank und rauchte zu viel, lernte schnell, erlebte Interessantes, verdiente gut Geld, verliebte mich ab und zu, spürte Freundschaft, Nähe, Liebe und erlebte Erfolg, sogar Bewunderung und ab und zu war mir sogar richtig warm.

Wie wollte ich mich fühlen?

Gerne immer richtig warm. Angenehm. In Frieden mit mir, meinen Hunden und der Welt. Ich wollte mich auf meinem Hundeschlitten vorwärtsbewegen als würde ich mit einem sanften Wind segeln. Ich wollte, dass ich in der Lage bin, den Schlitten bei unruhiger Bodenlage in ruhige Bahnen zu lenken. Aber ohne dass mir langweilig wird. Ich wollte schlittenfahrend Neues erleben. Neue Länder bereisen. Mit anderen Schlitten eine Art Familie gründen, gemeinsam entspannt die Schönheit der Natur genießen. Und ich wünschte mir, dass meine Hunde mir vertrauten und ich ihnen vertrauen könnte. Ich wünschte mir ein angenehmes Sein.

Das muss es doch geben? Oder?

Ich war dreißig, als ich dann in weiter Ferne einen Hundeschlitten sah, der sich so ganz anders bewegte als meiner. Er schien zu fliegen. Seine Eleganz nahm mir den Atem. Ich machte mir Gedanken darüber, ob das vielleicht nur eine Fata Morgana sei und dass sich dieser Schlitten bei näherer Betrachtung als Illusion herausstellen würde. Ich befürchtete das Bild würde sich auflösen. Aber das tat es nicht. Und so versuchte ich meinen Schlitten dort hinzulenken, um dieses Phänomen näher anzuschauen und erstaunlicherweise ließen meine Hunde das zu und änderten die Richtung – so als ob sie darauf gewartet hätten.

Wir trafen uns auf einem Rastplatz. Ihre Hunde sahen gesund, entspannt und zufrieden aus. Wie sie selbst. Sie hatte schwarze, dichte Locken. Ihre Kleidung wirkte farbenfroh, warm und gänzlich stimmig. Sie trug kein dickes Fell. Im Gegenteil. Sie wirkte durchlässig. Offen. Frei. Herzlich. Interessiert. Sie bewegte sich elegant und selbstsicher, ihre Hunde folgten auf Blickkontakt und sie wirkte völlig leicht – obwohl sie um einiges älter war und schon länger unterwegs war als ich. Wie war das möglich?

Fühlt sie sich so, wie sie aussieht?

Ich schaute auf meine Hunde, die so aussahen als wären sie gerade durch eine Waschanlage gefahren, bei dem das Trockenföhnen nicht geklappt hat. Die Haare standen zu Berge, sie schnauften laut und schauten sich gierig nach etwas zu fressen um. Drei davon standen, vier lagen im Dreck und der Rest bewegte sich ruhelos im Kreis, sich gegenseitig anrempelnd und anknurrend. Einer lümmelte sogar auf meinem Schlitten und zerbiss gerade mein Lieblingskissen. Ich seufzte und schaute neidisch auf ihren Schlitten.

Ihrer war sauber und gepflegt. Richtig schön. Dort hatte sie zwar warme Felle, aber die waren zum wohlfühlen und nicht zum Abwehren gedacht. Es gab einige Lampions die angenehmes Licht verbreiteten, ordentlich verpackte Reisekisten und – hörte ich da nicht auch noch Musik?

Sie lächelte einladend, als ich näher kam und ich gab mir einen Ruck und fragte sie, was sie ihren Hunden denn zu fressen gäbe. Ob ich vielleicht auch was davon abhaben könnte oder – falls nicht – sie mir vielleicht sagen könnte, wo ich das Futter bekomme. Und ob sie deswegen so gesund, so gut gepflegt und so entspannt aussähen?

Sie lachte. Sie lachte mich nicht aus. Sie lachte einfach nur. Sie reichte mir eine warme Tasse Tee und eine Decke und ich setzte mich erschöpft auf den Platz auf ihre Schlitten, den sie mir anbot. Ich fühlte mich wie im Himmel. Mein Gott, ich hatte keine Ahnung, dass sich ein Schlitten so anfühlen konnte.

Ich bemerkte wie ruhig ich in ihrer Gegenwart wurde. Wie wohl ich mich in ihrer Nähe fühlte. Und wie sehr ich mir wünschte, dass auch ich so ein Gefühl in mir selbst fühlen könnte. Selbst meine Hunde schienen sich in ihrem Umfeld zu beruhigen. Plötzlich war da ein wärmendes Lagerfeuer – wo immer das herkam, ich habe keine Ahnung – und die Stimmung wurde  … zauberhaft.

Meine Gastgeberin war still. Ich war still. Nun ja, so still wie es eben ging mit meinem aktiven Hirn. Aber ich spürte nicht nur meinen Kopf, sondern ich spürte meinen ganzen Körper. Ich fühlte wie ich in mir nach Hause kam, wie mein Oberkörper weiter wurde, mein Kiefer und meine Schultern Druck verloren, meine Hände sich entkrampften und meine Atemzüge langsamer wurden. Sogar einer meiner Hunde, der mir am meisten Ärger machte, kam in meine Nähe und wollte offensichtlich gestreichelt werden. Ich lies meine Hand auf seinem Fell ruhen und auch er machte es sich bequem.

Sie betrachtete das alles mit einem gerührten Lächeln. „Meine Fahrten waren früher auch anstrengend und meine Hunde waren noch unruhiger als Deine“, meinte sie. „Das liegt nicht an ihrem Futter.“ Sie schaute mich mitfühlend an und ihr Blick wurde zärtlich: „Das liegt an Deinem.“

Ich fing zu weinen an, denn ich wusste, sie hatte Recht. Es ist beruhigend die Wahrheit zu hören. Meine Tränen kamen aus Erleichterung. Ja, das da drüben ist MEIN Schlitten. Das sind MEINE Hunde. Das ist MEINE Reise. Es ist MEIN Job.

„Wie möchtest Du Dich fühlen?“ fragte sie mich.

„So wie du,“ antworte ich ohne eine Sekunde zu zögern.

Sie nickte „Das wirst du erreichen, denn Du weißt nun, was zu tun ist. Du hast jetzt die Verantwortung übernommen: Für dich, deinen Schlitten, deine Hunde – und du kennst auch die Richtung deiner Reise. Einfach ist es nicht. Es wird nicht morgen passieren.  Aber von jetzt an werden deine Reisen einfacher werden. Das kann ich dir versprechen.“

Ich wusste damals schon, sie hatte Recht.

 

Und hier ist die Frage, die wir uns stellen können: Wie möchte ich mich fühlen? Und was bin ich bereit dafür zu tun?

 

PS: Das ist ein Beitrag der zuerst als Podcast zu hören war. Mein Podcast „Sinn&Sein mit Sabrina Fox“ ist bei den üblichen Podcastverteilern zu hören, auf meinem YouTube-Kanal und natürlich auch hier auf meine website.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorgestern war der 25. November: Der Tag, um offiziell darauf aufmerksam zu machen, wieviele Frauen Gewalt erleben. Mein Vater war Alkoholiker und die Gefahr von Gewalt – und der gelegentliche Ausbruch – erschütterte mich in meiner Kindheit. Als ich meine Mutter bat, sich doch bitte scheiden zu lassen (wie alt ich war, weiß ich nicht mehr genau – aber nicht älter als 7 oder 8 Jahre), sagte sie mir unter Tränen: „Aber ich liebe ihn doch!“ – Und blieb. Und damit blieben auch wir drei Mädchen. Damals dachte ich mir:

Wenn das Liebe ist, dann will ich das nicht.

Jahre später machte ich mich daran, meine Wunden darüber zu heilen. Und das ist mir gelungen. Ich konnte meinem Vater verzeihen und ich verstand die Angst, die meine Mutter lähmte. Doch erst als ich selbst Mutter wurde, gab es Momente der Erschütterung und die vorher so klare Einordnung Mama-gut-Papa-böse hielt plötzlich nicht mehr. Ich erinnerte mich daran, wie oft ich meine Mutter schützen wollte und erkannte, dass sie uns hätte schützen sollen. Sie war die Erwachsene. Wir die Kinder.

So begann ein weiteres Erforschen. Wie kam meine Mutter in solch einen Zustand? Wie kommen Frauen in solche Zustände? Warum trauen wir uns nicht mehr uns zu trennen (Mein letztes Buch „Wenn wir uns trennen, lernen wir uns kennen“ ist das späte Ergebnis meiner Erforschung über viele Aspekte in Beziehungen).

Wie kommt zur Liebe die Gewalt?

Natürlich verstand ich, dass es zu der damaligen Zeit kaum Unterstützung gab. Was in einer Ehe geschah – nicht einmal die Polizei konnte/wollte helfen. Es wurde als „Familienproblem“ behandelt – und nicht als ein Öffentliches. Doch Gewalt ist immer ein öffentliches Problem. Ich verstand, dass meine Mutter keine Hilfe fand. Paare sollten sich nicht trennen, Familien nicht „zerstört“ werden, Geschiedene waren in der katholischen Kirche geächtet und der Eindruck nach Außen musste gewahrt werden („Was würden die Nachbarn sagen?“).  Zusätzlich – in der Generation meiner Mutter – gab es durch den Krieg einen Männermangel. Einmal geschieden … da kommt vielleicht kein Mann mehr nach. Auch das machte Angst.

Männer wurden damals so erzogen, dass sie Gefühle nicht aussprechen sollten. Ein harter Mann wurde nicht selten bewundert. Mein Vater war als junger Mann (16jährig) im Krieg. Darüber sprach er nie. Im Nachhinein wurde mir klar, dass ich meinen Vater eigentlich überhaupt nicht kannte. Wir führten selbst als Erwachsene kein einziges Mal ein wirkliches Gespräch. Ich wusst nichts von dem, was ihn innerlich beschäftigte. Er starb mit Sechzig. Durch einige Schlaganfälle halbseitig gelähmt, Bein amputiert, von meiner Mutter über lange Jahre aufopfernd gepflegt.

Damals wurden Alkoholismus und die Folgen nicht besprochen. Psychische Krankheiten? Therapien? Nur was für Schwächlinge. Doch die Stimmung hat sich geändert. Es ist nicht mehr anrüchig sich Hilfe zu holen. Die meist verbreitete Berufsgruppe sind wahrscheinlich Coaches. Das was früher nur für SportlerInnen selbstverständlich war, dehnt sich auch in andere Ebenen aus. Erst jetzt verstehen wir, wieviel Mut es braucht, sich selbst und das eigene Benehmen genau zu betrachten: Was fällt mir schwer, was leicht? Warum reagiere ich, wie ich reagiere? Warum gelingt es mir nicht, mich selbst zu beruhigen? Welche (ungesunden) Vorbilder beeinflussten mich? Welche Erlebnisse haben mich (meistens in der Kindheit) so geprägt, dass ich mit Wut und Gewalt oder mit Unterwerfung und Opferbereitschaft reagiere?  Warum gehe ich nicht, wenn mir die Beziehung nicht gut tut? Wo fehlt es mir an Selbstliebe? Welcher Aspekt in mir ist so daran gewöhnt, als Opfer gesehen zu werden, das ich gar nicht weiß wie das ohne geht? Warum gehe ich immer wieder zurück? Was glaube ich eigentlich, was Liebe ist?

Liebe ist nicht nur ein Gefühl. Liebe ist ein Benehmen.

Wir erkennen durch Wärme, Aufmerksamkeit, Herzlichkeit, Verständnis und Großzügigkeit dass wir geliebt werden. Wenn uns hingegen jemand Gewalt antut, dann will er/sie uns kontrollieren. Das ist etwas anders. Es hat auch einen anderen Namen: Kontrolle. Macht. Liebe fühlt sich anders an: Sie beruhigt. Gibt uns Sicherheit. Wärme.

Gewalt macht uns ängstlich. Lässt uns zittern. Wir sind in Sorge. Das ist nicht Liebe. Das ist Drama.

Gewalt ist nicht zwangsläufig häufiges, regelmässiges Schlagen. So war es bei uns als Kinder auch nicht. Es war aber die konstante Angst, dass etwas passieren könnte. Wie war seine Stimmung, wenn er nach Hause kam? Wir wussten, wie schnell sie sich ändern konnte. Ich fühlte mich zuhause nicht sicher. Es war sicherer, wenn er nicht da war. Das Schlüsselgeräusch mit dem er Nachts die Wohnungstür aufschloss, verriet es schon. Wurde das Schlüsselloch sofort gefunden oder dauert es? Je länger es dauerte, desto gefährlicher wurde es. Selbst wenn wir schliefen – oder so taten als ob – lag es an dem Grad seiner Müdigkeit, oder dem Grad seines Zorns was als nächstes passierte.

Gewalt ist eben auch ein konstantes Gefühl der Bedrohung. Unser Körper ist in einem Dauerstress und dazu nicht gemacht. Früher oder später kann er diesem Bombardement nicht mehr standhalten. Der Körper kann nur im Ruhemodus heilen. Dauerstress macht uns krank.

Es hieß damals „mir ist die Hand ausgerutscht“. So als ob die Hand mit dem Rest des Körpers nichts zu tun hat. Oder „der Watschenbaum“ war umgefallen. Und irgendwie wurde dabei auch unterstellt, dass „jemand anderer“ Schuld ist. „Man“ wurde eben dazu genötigt. Hätten sich die Frau/das Kind „richtig“ verhalten, etwas „richtig“ gemacht – dann wäre das auch nicht passiert. Die Entschuldigung danach (die am Anfang noch vorkommt) und das Versprechen es nie wieder zu tun, klingen für viele PartnerInnen zu verlockend, so hoffen sie weiter. Aber spätestens beim zweiten Mal ahnt man, dass das jetzt so weiter gehen wird. So werden die blauen Flecken versteckt. Die Schmerzen unterdrückt. Und derjenige der schlägt, wird damit gedeckt und denkt: „So schlimm kann es ja nicht sein. Sonst würde sie ja gehen.“ Gleichzeitig wird ihr weiter eingebläut, dass sie zu dumm, zu wertlos, zu hässlich, zu idiotisch sei, um anders behandelt zu werden. Bis sie es selber glaubt…

Beziehungen sind Seelenhausaufgaben.

Als Seele, die hier eine menschliche Erfahrung macht, lernen wir am meisten in Beziehungen. Dort erkennen wir auch den Grad unserer Selbstliebe. Wieviel Respekt erfahre ich? Wieviel Respekt kann ich geben? Wie gelingt mir das Zuhören? Wie offen kann ich mich mitteilen? Erlaube ich Nähe? Bin ich bereit alte Wunden zu heilen?

Ich glaube fest daran, dass wir Altes heilen können. Es liegt an unserer Entscheidung, dass zu tun. Der Weg ist nicht leicht – aber erfüllend. Dass ich jetzt eine gesunde und wache Beziehung mit meinem Liebsten lebe, gelingt uns deswegen, weil wir beide in unserer Vergangenheit aufgeräumt haben. Und das sehe ich bei vielen Paaren immer und immer wieder: Eine gegenseitige Bereitschaft zur Lösung der Probleme ist der Wegweiser zu einer leichteren und liebevolleren Beziehung. Und die beginnt in erster Linie bei uns selbst. Erst dann, wenn wir uns selbst lieben und schätzen und es schlichtweg nicht erlauben, dass wir schlecht behandelt werden, sind wir ein Beispiel für unsere Kinder. Denn diese werden davon geprägt, was wir ihnen zeigen …

Jede*r von uns kommt mit ihren/seinen eigenen Seelenhausaufgaben in dieses Leben. Und vor allen Dingen mit der Möglichkeit sie erfolgreich zu lösen. Das ist nicht einfach. Deshalb sind es ja Seelenhausaufgaben. Wir haben sie deswegen, weil wir etwas erforschen wollen. Wir wollen etwas über uns und über unsere Mitmenschen verstehen. Und dazu braucht es ein ehrliches Betrachten.

Wenn ich nach meiner Meinung gefragt werde, dann befürchte ich manchmal, dass meine Antwort zu hart oder als von mir nicht mitfühlend aufgenommen wird. Ich mache mir darüber Gedanken, dass meine Antworten zu wenig in Watte gepackt sind, obwohl ich mich bemühe sehr aufmerksam mit meiner Wortwahl zu sein.  Erstaunlicherweise bekomme ich das nicht gespiegelt. Im Gegenteil. Ich höre von einer Erleichterung, dass endlich mal „der Elefant im Raum“ auch so benannt wird. Denn: Meine Gesprächspartnerin, mein Gesprächspartner wusste das selbst schon lange und ist erleichtert darüber, es endlich auch von außen zu hören.

Es ist unsere Wahl wie wir leben. Und TROTZ unserer eigenen Ängste und Sorgen haben wir die Möglichkeit ein Leben zu gestalten, in dem wir uns wohlfühlen. Oft sind es unsere Gedanken, die uns davon abhalten. Wenn wir die Welt und unsere Mitmenschen als dumm und herzlos wahrnehmen – dann zeigt sich das Außen so, wie wir uns es vorstellen. Wenn wir unsere Mitmenschen aber als ebenso bemüht erkennen, wie wir es sind, dann öffnet sich der Platz für ein weites Feld voller Verständnis. Dazu wird uns unser Herz den Weg weisen – wenn wir es erlauben.

Das Zuhause – ein sicherer Ort?

Gerade in den Corona-Zeiten, in denen wir zuhause bleiben sollen, ist für viele das Zuhause kein Ort des Friedens. Die Enge, die Angst, die Unsicherheit über die Zukunft – all das erschafft mehr Stress, mehr Druck und leider oft auch mehr Gewalt. Ich habe von einer Mutter gehört, die gesagt hat: „Bis zu Corona war ich fünf, sechs Stunden am Tag für ihn ein Idiot und wurde schlecht behandelt. Jetzt bin ich es die ganze Zeit, denn er ist im homeoffice. Ich hatte bisher immer gedacht, es kann nicht schlimmer werden. Aber es wurde schlimmer. Ich weiß jetzt, dass es an mir liegt, für unsere Kinder ein friedliches Zuhause zu erschaffen.“ Sie hat sich Hilfe geholt. Deshalb gibt es hier in diesem Blog eine Telefonnummer: 08000 116 016.

Liebe braucht Übung. Braucht Klarheit. Braucht Wahrheit. Braucht ein Bewusstsein über den Unterschied von kindlicher, erwachsener und wacher Liebe (Hier ein link zu einem Youtube Video dazu). Erst dann können wir erschaffen, was wir uns wünschen: In dem wir verstehen, was uns daran hindert …

 

 

 

 

 

„Ein Meister, eine Meisterin ist in Frieden – inmitten von Aufruhr“ (a master is in peace in the midst of turmoil) als ich das zum ersten Mal hörte, vor knapp dreißig Jahren, war ich wie elektrisiert. DAS ist es, was ich erreichen will. Doch dieses Ziel schien weit, weit im Märchenland zu liegen. Mein Leben war voller kleiner und großer Dramen. Ich fühlte mich angestrengt und rumgeschleudert. Mein Gehirn lieferte mir stündlich neue Möglichkeiten des „was-wäre-wenn“ und „wie-doof-sind-die-anderen“. Frieden inmitten von Aufruhr? Schön wär’s! Und das war ja nur mein eigenes Leben! Da gab es ja noch das Außen. Aspekte im gemeinschaftlichen Leben, die mir wichtig waren. Die ich gerne mitgestalten wollte. Oft der Grund warum jemand in die Politik geht oder sich sozial engagiert. Es gibt ja was zu tun, wenn wir die Welt verbessern wollen und Unterstützung für Andere sein möchten, oder nicht?

Immer wieder scheint es mir, als wenn es zwei Arten gibt, dass zu tun. Ruhig und verständnisvoll oder laut und aggressiv. Wo wird sich da wohl der innere Frieden platzieren?

Gerade in der jetzigen Zeit können wir das üben

Natürlich nur, wenn uns innerer Frieden wichtig ist. Manche lieben Drama, brauchen den Aufruhr um sich am Leben zu fühlen, wollen mitspielen, einheizen oder aufheizen. Manche befürchten ein Ende der Welt und wollen verteidigen, was sie als gefährlich ansehen. Viele haben Angst. Um ihr Leben, so wie sie es kennen. Um unsere Gesellschaft und deren Entwicklung. Um unseren Planeten und unsere Mitgeschöpfe. Ob wir da auf der von uns angenommenen richtigen Seite stehen, spielt beim Drama keine Rolle. Wir spielen mit. Wenn wir inneren Frieden wollen, müssen wir unseren Teil des Mitspielens genau anschauen.

Bin ich ruhig und verständnisvoll oder laut und aggressiv? Halte ich alle anderen für doof und mich auf der Seite des Wissenden?

In unserer jetzigen Zeit gibt es viele Möglichkeiten zum Aufruhr und zum Chaos. Nicht nur Corona, sondern auch diverse politische Tendenzen, religiöse Vorstellungen, Menschen, die vor dem Krieg fliehen, massive Umweltschäden. Die Liste scheint lang. Ein Blick in die Nachrichten, ein Aufenthalt auf Social Media, die Zeitung am Wochenende, die „push“ Informationen am Handy – man kommt kaum aus.

Oder doch?

Zum Beispiel die US Wahl. Ich besitze beide Staatsbürgschaften und kann dort wählen. Habe ich mir alle Debatten angeschaut? Jeden Post gelesen? Ich bekomme pro Tag mindestens zehn Emails in denen etwas zur Wahl steht. Schaue ich sie mir alle an? Diskutiere ich stundenlang darüber? Nein. Ich wähle auch da aus. Ich bin informiert – aber erlaube es nicht, dass die US-Wahl meine Gedankengänge und damit mein Leben bestimmt. Gestern war die Wahl. Jede mögliche Informationsquelle sprach, schrieb und informierte darüber. Das Ergebnis interessiert mich auch, aber nicht das Drama davor. Ich möchte in diesem Spiel nicht mitspielen. Ist es nützlich, wenn ich mir alles darüber anschaue? Macht das einen Unterschied? Oder macht es mich und mein Hirn verrückt?

Das ist der gleiche Grund, warum ich mir lieber Dokumentationen als Spielfilme anschaue. Ich bin gänzlich ungeeignet für Dramen im Film. Ich erlebe das mit. Ich weine mit. Ich fürchte mich. Ich mache die Augen zu und träume noch Tage danach davon. Da brennen sich Bilder in mein Gehirn, die ich da nicht haben will. Wenn ein Film, eine Serie gut gemacht ist, dann ist das für mich echt. Dem Adrenalin, dass mein Körper bei Stress produziert, ist es egal ob ich einen Film ansehe, der mir Angst macht, oder mich wirklich in einer gefährlichen Situation aufhalte. Ich brauche mein Adrenalin, falls es wirklich mal gefährlich wird. Ich will damit nicht dauernd meinem Körper überfluten, denn ich weiß, dass ein Körper sich nur um seine Heilung und sein Wohlbefinden kümmern kann, wenn er nicht im Stress ist.

Ich wähle ein anderes Sein: Ruhe. Gelassenheit. Verständnis. Ich weiß jetzt wie das geht: Frieden wählen, Frieden leben –  inmitten von Aufruhr.

Weniger Input von Außen. Mehr Input von Innen.

Angst. Gerade jetzt können wir das oft erspüren. Manche erspüren es selbst. Manche bei Anderen. Was passiert da mit unserem eigenen Leben und unserer Welt? Wohin wird uns dieses beobachtete Durcheinander, dieses Chaos bringen? Ungewissheit. Unsicherheit. Die Sorge pleite zu gehen, keinen Job, keinen Auftrag, keinen Laden, kein Restaurant mehr zu haben. Da beginnt auch unsere spirituelle Ausrichtung und unser eigenes Erforschen: Wie sehe ich das Leben? Weiß ich um meine Seelenhausaufgaben und meine eigenen Herausforderungen in diesem Leben? Wie viel Angst habe ich vor dem Tod? Und … habe ich mich damit schon ausführlich beschäftigt?

Die Angst ist mein bester Freund.

Sie zeigt mir, wo ich noch hinschauen muss. Sie zeigt auch, was wirklich wichtig ist im Leben. Es gab viele von uns, die das durch diese Corona-Zeiten für sich erkannt haben.

Jeder Aufruhr hat zwei Seiten: Da gibt es eben auch den frischen Wind und das Aufzeigen von dem, was nicht mehr funktioniert, um dann Platz zu machen für Neues. Aus jedem Chaos entwickelt sich immer wieder eine Ordnung. Es gibt vieles, was wir verbessern, verändern können. Wir befinden uns in einer Zeit eines großen Umbruchs. Und dazu möchten viele von uns Unterstützung sein. Wie wir unterstützen, liegt an unserer persönlichen Präferenz.

Das habe ich vom Aufruhr gelernt:

  • Der Sturm bleibt vor der Tür, wenn ich sie nicht aufmache.
  • Jeder Sturm geht vorbei.
  • Menschen helfen einander, wenn ein Sturm kommt.

Das ist schön zu wissen.

 

 

Wandel. Das kann ja doch manchmal sehr schnell gehen. Wir haben gerade durch Corona erlebt, dass sich die Welt und das was wir gewöhnt sind, schnell wandeln kann. Im Januar noch erzählte mir mein früherer Mann, dass Freunde von ihm in Peking nur einmal die Woche die Wohnung verlassen dürfen um Lebensmittel einzukaufen. Als er mir das erzählte, konnte ich das kaum glauben.

Die Möglichkeit nicht – wann immer man will – aus dem Haus zu gehen, nicht verreisen zu können, jemanden nicht besuchen zu dürfen, war uns allen fremd. Und doch mussten wir mit diesem Wandel umgehen. Wie wir uns an diese neue Situation gewöhnten war sehr unterschiedlich.

Manche akzeptierten die Situation und versuchten das Beste daraus zu machen. Andere eher nicht. Einige verbreiteten Verschwörungstheorien oder versuchten aufzuklären – je nach Standpunkt und Einstellung konnte dies das Gleiche sein. Jeden Tag gab und gibt es neue Erkenntnisse – und damit genau das, was uns am Wandel irritiert: Wir wissen nicht genau, wie es weitergeht. In der Wissenschaft, wie in unserem Leben, wechseln Erfahrungen, Erlebnisse und … damit auch Ergebnisse.

In Zeiten von Corona konnten wir beobachten, wie unterschiedlich diese Zeit aufgenommen wurde. Manche von uns wurden zum ausatmen nach Hause geschickt. Andere arbeiteten mehr als jemals zuvor. Doch bei wohl allen gab es neue Gedankengänge: Weg von der Routine, hin zum Wandel.

Vieles wurde überprüft. Die Art zu Leben zum Beispiel.

Brauche ich wirklich so viele Termine? Bin ich froh über mein Homeoffice und die Vermeidung des Berufsverkehrs? Genieße ich die Stille draußen, den wenigen Verkehrslärm, das allgemeine Herunterfahren der Hektik? Erfreue ich mich an den Kindern zuhause? Oder will ich mit dem Menschen, mit dem ich mein Leben teile, wirklich noch zusammen sein? Nicht wenige haben in dieser Coronazeit beschlossen, ihr Leben zu verändern. Viele haben eine große Dankbarkeit für unser Leben hier entwickelt, weil wir gesehen haben, wie andere Länder die Situation gehandhabt haben und wie wir beneidet worden sind.

Für mich ist Wandel ein wichtiger Schritt auf meinem Seelenweg. Ich bin in erster Linie Seele, die hier eine menschliche Erfahrung macht und meine Seele sorgt dafür, dass ich die Erfahrungen, die für mein Wachstum wichtig sind, auch mache. Die Seele ist übrigens in meinen Augen nicht die Psyche; sie kann also nicht „krank“ werden und verletzt sein. Sie ist der Teil, der untrennbar mit der Unendlichkeit verbunden ist und übrig bleiben wird, wenn wir den Körper wieder verlassen. Wir sind mit jeder Zelle Wandel – und die Sabrina, die diese Zeilen schreibt, ist biologisch gesehen eine andere Sabrina, als die, die sie abgeben wird. Unser Verstand mag Wandel meistens nicht, denn das bringt ihn ziemlich durcheinander. Aber wir als Seele wissen um die Bewegung, die es für die kreative Schöpfung braucht. Stillstand ist nicht vorgesehen. Weder in der Natur, noch in und um uns.

Wie wir mit Veränderungen umgehen, hat viel damit zu tun, wie wir sie als Kind empfunden haben.

War das Ergebnis einer Veränderung angenehm oder unangenehm? Sind wir vielleicht vom Haus mit Garten, mit viel Natur und Freiheit nach der Trennung der Eltern – oder deren neuen Jobsituation – in eine Großstadt mit kleiner Wohnung im fünften Stock ohne Balkon gezogen? Haben wir uns dort fremd und einsam gefühlt?

Oder war es gerade anders herum? Hat jede Veränderung in unserer Kindheit uns mehr Freude gebracht? Vielleicht einen Hund zu Weihnachten? Neue Geschwister, an denen man sich erfreute. Endlich ein Umzug mit einem eigenen Zimmer? Der neue Freund der Mutter wurde ein aufmerksamer zweiter Vater?

Wenn wir uns mit Wandel schwer tun, dann hilft es, sich die eigene Kindheit anzuschauen. Wie waren die eigenen Erfahrungen mit Veränderungen? Welche Lebenseinstellung haben wir daraus entwickelt?

Ich kann mit Wandel sehr gut umgehen, was auch damit zu tun hat, dass in meinem Leben Wandel langfristig immer besser für mich war. Aus meiner nicht sehr glücklichen Kindheit gestaltete ich mir über die Jahre ein glückliches Erwachsenenleben. Das hat gedauert und doch wurde ich Stück für Stück wacher und klarer mit mir und dem was ich mir erschaffen möchte.

Wie aber können wir uns dem Wandel öffnen, wenn wir als Kind zu schmerzhafte Erfahrungen damit gemacht haben? In dem wir anfangen, die Vergangenheit zu befrieden. Wir verlassen das Schuldkonstrukt und wenden uns den Geschenken zu. Das ist kein einfacher Prozess. Denn manchmal haben wir uns durch die Schuldzuweisung so verloren, haben uns im „Zimmer des Selbstmitleids“ so lange eingerichtet, dass wir die Geschenke nicht erkennen können.

Als Beispiel: Mein Vater war Alkoholiker und lange habe ich ihn für vieles in meinem Leben verantwortlich gemacht: „Hätte ich nur einen netteren Vater gehabt, dann …“ Als ich anfing mir sein Leben genauer anzuschauen, entdeckte ich die Geschenke meiner anstrengenden Kindheit. Durch sein Beispiel habe ich mich von Süchten ferngehalten. Ich habe früh gelernt mich finanziell auf eigene Beine zu stellen, damit es mir mal nicht wie meiner Mutter geht. Ich sah die Ehe meiner Eltern und erkannte, dass das nicht Liebe sein kann. Ich begann mein spirituelles Wachstum, weil ich verstehen wollte, warum sich jemand so entwickelt. Und: Ich lernte Vergeben. Wenn ich jetzt über meine Kindheit oder meinen Vater spreche, dann lächele ich. Am Gesichtsausdruck erkennen wir, ob die Vergangenheit wirklich geheilt ist.

Durch die Erforschung unserer Vergangenheit – ohne darin kleben zu bleiben – erkennen wir unsere eigenen Seelenhausaufgaben und beginnen unser Leben klarer zu gestalten. Das was früher als unabdingbar empfunden wurde, erkennen wir jetzt als Wahl: Ich kann dazu als Erwachsene ja oder nein sagen.

Wir wechseln bei einem machtvollen Wandel von einer Art von Treibstoff (in diesem Fall Schuld) zu einer anderen (Wachheit). Ähnlich einer Geburt: Dort vom Fruchtwasser der Mutter zum eigenständigen Atmen.

Wandel ist zwar manchmal eine Erleichterung, häufiger aber ein anstrengender Geburtsprozess.

Das Kind wird ja auch nicht vom Storch vor dem Haus frisch gewindelt abgelegt. In diesem ganzen Prozess des Gebärens hilft es nicht, wenn wir brüllen: „Ich will dass das aufhört! Ich will wieder, dass es so ist wie vorher!“ Der Weg zurück ist nicht vorgesehen. Und wenn dann das Kind in unseren Armen liegt, ist die Anstrengung schnell vergessen. Das ist der Vorteil an vergangenen Schmerzen: Man erahnt sie nur noch.

Wenn es uns gelingt, jeden Wandel mit neugierigem Interesse zu betrachten, dann erkennen wir auch die Geschenke darin. Und wenn nicht, dann tauchen sie eben solange auf, bis wir es tun.

Seelenhausaufgaben eben. Sie sind dann doch zum Glück etwas hartnäckig.

 

 

Sabrina Fox hat in den letzten dreißig Jahren über ein Duzend Bücher zu ganzheitlichen Themen geschrieben. Sie absolvierte Ausbildungen als klinische Hypnosetherapeutin, Mediatorin, Konflikt-Coach und studierte Bildhauerei und Gesang. Ihr neuestes Buch „Wenn wir uns trennen, lernen wir uns kennen“ ist ein Beziehungs- und Arbeitsbuch um erfülltere Beziehungen zu gestalten. Für einen Weg nach mehr Klarheit und Leichtigkeit im Leben hat sie bei Sinnsucher-de drei umfangreiche Online-Kurse zum eigenen Erforschen und Üben gestaltet.

www.SabrinaFox.com

Seit Dezember 2019 habe ich einen leeren Kalender. Da steht nichts mehr drin – außer den Geburtstagen, die sich jährlich wiederholen. Ich war weder krank, noch erschöpft, noch im Burnout. Ich war auch nicht gelangweilt oder unglücklich in meinem Leben. Und obwohl ich ein Leben führte, für das ich sehr dankbar war, wusste ich doch, dass meine Seele mich in eine andere Richtung leiten möchte. Aber in welche?

Am Anfang des letztes Jahres wurde mir klar, dass ich zu viele Wecker in meinem Leben gesetzt hatte. Wecker die mir sagen, was ich zu tun habe, wo ich wann zu sein habe, wen ich zu treffen habe und was ich zu erledigen habe. „Ticking clocks“ – also tickende Uhren – die mir meine Zeit und mein Leben einteilten. Und daran war ich gewöhnt; seit über vierzig erwachsenen Jahren.

Im Frühjahr 2019 begann ich „Nein“ zu sagen, um meinen Kalender frei zu kriegen. Das war das vierte Mal in meinem beruflichen Leben, dass ich mich zurückzog. Das erste Mal nach der Geburt meiner Tochter 1989. Dann Ende der 90ger Jahre für ein paar Jahre, als ich von meinem Helfersyndrom ausgebremst wurde und zu erschöpft war, um weiterzumachen. Zehn Jahre später war der Auslöser der Wunsch „ganz im Jetzt“ zu leben und der Wunsch herauszufinden, was ohne Planung eigentlich passiert (gleichzeitig rutschte ich in ein tiefes Loch initiiert durch meine Wechseljahre). Und jedes Mal habe ich danach – mal mehr und mal weniger verändert – wieder das aufgenommen, was ich vorher abgelegt hatte: Wieder Bücher geschrieben. Wieder Workshops gegeben. Wieder Vorträge gehalten.

Wird es auch dieses Mal so sein?

Ich ahnte anderes. Ende November 2019 dann hielt ich meinen letzten Workshop. Und nichts tickte mehr. Als das Ticken aufhörte, hörte auch meine alte Zeitrechnung auf. Ich verbrachte meine Zeit in meinem Hängesessel im Garten oder im Wald. Mein Liebster Stanko beschützte meine stillen Zeiten und wunderte sich, was sich daraus entwickeln würde. So kannte er mich nicht. Ich wunderte mich auch.

Ich wanderte durch leere Räume in meinem Hirn und verlor meine Lebenslust. Bewegte mich langsam, sehr langsam vom Sinn (etwas zu tun) zum Sein und bliebt dann dort erst einmal stehen.

Abwartend.

Ich hörte auf mich zu verabreden. Hörte auf zu schreiben. Dann hörte ich auf zu trommeln. Dann hörte ich auf zu singen. Ich hatte nicht nur die Lebenslust sondern auch meinen kreativen Schwung verloren und das war ich überhaupt nicht gewohnt. Ich dachte eigentlich, dass ich mit einem leeren Kalender eben mehr Zeit für Kreativität haben würde. Aber dem war nicht so. Mir fehlte schlichtweg die Lust und das Interesse.

Ich wartete. Erwartete, dass sich aus dem leeren Stoppelfeld, das jetzt mein Leben war, wieder etwas entwickeln würde. Aber es entstand nichts. Es blieb still. Dann kam Corona. Und es wurde noch stiller.

Jede und jeder verbrachte diese Zeit – und verbringt sie immer noch – passend zum eigenen Seelenweg. Ich schreibe hier über meinen, natürlich wissend, dass es für viele eine völlig andere Situation gab: Überforderung. Schnelligkeit. Sorgen. Und doch erlebten nicht wenige Mitmenschen eine ähnliche Zeitqualität. Wir entdeckten die Langsamkeit. Und zu meinem großen Erstaunen gefiel sie mir.

Das war ich nicht gewohnt. Alles was ich bisher machte, war schnell. Ich bewege mich schnell. Ich denke schnell. Ich organisiere schnell. Ich esse sogar immer noch zu schnell. Die Zeit war meine Begleiterin. Eine strenge Begleiterin. Eine, die eben auch mit einem Wecker (manchmal fühlte es sich an wie fünf!) in der Hand neben mir herlief – manchmal auch mit einer Peitsche. Zuerst verlor meine Begleiterin ihre Peitsche, dann den Wecker. Und dann lief sie nicht mal mehr neben mir her.

Die Zeit fing an unkonkreter zu werden, flüssiger und entschieden langsamer. Selbst die Stimme, die mich mein ganzes Leben lang vorwärts getrieben hatte, wurde still. Es blieb ihr ja auch nichts anderes übrig.

Vieles in der Welt wurde stiller. Langsamer. Ruhiger.

Wochen vergingen. Die Lebenslust kam nicht zurück – aber ein anderes Gefühl: Da entwickelte sich eine Art Lebensstille. Ein angenehmes und doch unvertrautes Gefühl. Nichts in mir trieb mich vorwärts. So muss sich eine Pflanze fühlen, die sich keine Gedanken darüber macht, ob sie wächst. Sie wächst einfach. In ihr und wahrscheinlich auch in uns ist das tiefe Wissen angelegt, dass alles, was da gerade passiert, genau so richtig ist.

Monate vergingen in denen ich lange schlief. Bis heute ist das so. Zehn, manchmal sogar zwölf Stunden. So als ob mein Treibstoff ein anderer wird und sich mein Körper umstellt. Dann wechselte langsam der morgendliche Blick. Ich sah beim Aufwachen nicht mehr das abgemähte Stoppelfeld vor meinem inneren Auge, sondern einen freien Raum, der von mir nichts erwartete. Der nicht gefüllt werden wollte. Der einfach nur sein durfte … und so lies ich ihn.

Ich merkte, dass ich mich von ego-driven goals (vom Ego getriebenen Zielen) komplett löste. Seit 40 Jahren stehe ich mehr oder weniger in der Öffentlichkeit. Erst durch meinen früheren Beruf als Fernsehmoderatorin, dann mit Vorträgen, Workshops, Büchern und Interviews. Da gab es Ziele. Erfolge & Misserfolge. Vergleiche. Nichts davon hatte ich mehr.

Immer wieder tauchte die Frage auf, ob ich mich in Zukunft von einem öffentlichen Leben zurückziehe. Werde ich eine Eremitin mit nur noch wenigen Kontakten? Es fühlte sich angenehm an, mich nur noch im weiten Sein aufzuhalten. Und der Gedanke, dass dies ab jetzt so bleiben wird, wurde verlockender.

In diesem Seinszustand gab es nichts mehr zu erreichen. Nichts mehr zu erschaffen. Ob ich jemals wieder schreibe, jemals wieder öffentlich etwas mache – all das war bedeutungslos geworden. Ich war in meiner eigenen Stille, in meinem eigenen Sein angekommen. Und doch war es nicht „mein eigenes“ Sein. Es war viel weiter als das. Oft löste ich mich auf. Von Sabrina zu … Nichts. Oder von Sabrina zu Allem. „Sabrina“ wurde meine Avatarin. Mein Spielzeug, mein Mensch: Erspürt und erfühlt als „Einzeln“ und – je nach Meditationstiefe – gleichzeitig als Teil eines „Nichts“ oder … Teil von Allem.

Wieder vergingen Wochen in denen ich diesen Zustand tief erspürte. Ich verbrachte Stunden in der Meditation und erfreute mich an diesem intensiven Körpergefühl  und an dem, was ich an und um mich herum erspürte: Die Anwesenheit der Engel. Pulsierende Farben. Geometrische Figuren, die sich in und um mich bewegten.

Mir fiel auch auf, das Dinge, für die ich früher vielleicht eine halbe Stunde gebraucht hatte, jetzt den ganzen Tag in Anspruch nahmen. Ich ahnte, was passiert, wenn man sich dem Sterben nähert. Und da ich schon immer Sterben interessant fand, fing ich an, mich noch mehr damit zu beschäftigen. Nicht nur deswegen, weil meine Mutter von uns Zeit und Aufmerksamkeit braucht und ihr Sterbeprozess ein so faszinierender wie langfristiger ist, sondern auch weil ich das raus- und reingleiten im Körper – sei es durch Schlaf oder Meditation – spannend finde. Kann ich „wach“ einschlafen? Kann ich mir beim schlafen zusehen?

Mir war klar, dass ich jetzt nicht sterben werde. Aber trotzdem starb etwas in mir. Löste sich auf. Ab und zu zog es mich an meinem Laptop und ich schrieb ein paar Gedanken auf. Das Schreiben erfreut mich und das werde ich bestimmt behalten. Eine neue Buchidee kam hoch und will erforscht werden. Im Außen begann ich kleinere Projekte zu übernehmen, um zu schauen, ob sie mich auch längerfristig begeistern. Bleibt das Interesse oder flacht es wieder ab? Durch die Erschütterungen für viele in der Corona-Krise entstand der Wunsch ausnahmsweise einen meiner Onlinekurse „Folge der Sehnsucht deiner Seele“ zu begleiten: Durch ein Forum mit Audionachrichten an die Gruppe, bei denen ich Fragen beantwortete. Es war eine sehr aktive Gruppe, bei der sich viel tat und es freute mich am Ende zu lesen „Ich hätte nie gedacht, dass ein Online-Kurs soviel bewegen kann“ oder „Ich fühle mich heute bei mir angekommen, wie noch nie in meinem Leben.“

Das Ergebnis meiner Unterstützung berührt den tiefen Wunsch in mir, etwas zum Wohl meiner Mitmenschen und der Welt beizutragen. Was möchte ich noch mitgestalten? Will ich überhaupt noch was mitgestalten? Und wenn ja, WIE möchte ich es mitgestalten?

Die Art und Weise wie ich bisher gelehrt hatte, fühlte sich beendet an. Das ahnte ich beim Erschaffen meiner drei Onlinekurse schon. Denn dort und damit hinterließ ich die Informationen und das Wissen, das ich gesammelt hatte, damit sie bei Interesse abgerufen werden können. Wie natürlich auch in meinen Büchern.

Ich begann auf Facebook ein paar Mal im Monat geführte Meditationen anzubieten. Vorher ein kurzes Gespräch über Themen, die vielleicht gerade in der Corona-Zeit hochgekommen sind. Das hat mich erfreut und die Mitmacher*innen auch. Inspirieren. Fragen stellen. Nachforschen. Unterstützen. Wie kann das gehen ohne meine Langsamkeit zu verlieren? Vielleicht ein Podcast? Wieder ein paar Videos?

In den letzten Tagen verspürte ich eine leichte Unruhe. Es zog mich weniger nach draußen. Ich wanderte mehr in meinem Büro herum. Räumte das weg. Schrieb dies auf. Doch da gibt es noch kein Ziel. Und ich wünsche mir eines, das merke ich.

Ich spüre wie sich die Wurzeln unter der abgemähten Wiese ausdehnen. Es sprießt noch nichts nach oben. Es ist noch ein Erforschen „unter der Erde“. Aber es bewegt sich was.

Langsam.

Genau wie ich es jetzt mag …

Gerade ist die beste Freundin unserer Mutter gestorben. Nicht an Corona … und doch wurde ihr Sterben durch Corona anders. Die zwei Töchter durften sie am Ende ihres Lebens kaum noch besuchen und nur eine sich von ihr verabschieden, da sie im Krankenhaus mit neuen, strengen Besuchsregeln lag.  Zuerst wurde den Töchtern abgeraten, die Mutter nach Hause zu holen, weil von den Ärzt*innen angenommen wurde, dass sie noch behandelbar war („Sie wollen ihre Mutter doch nicht sterben lassen!“). Dann, weil sie sich zwischenzeitlich zwar nicht mit Covid-19, aber dafür mit einem Krankenhauskeim angesteckt hatte. Dann weil sie (noch) nicht transportfähig war. Dann, weil sie zum Stabilisieren noch in eine andere Klinik verlegt werden sollte. Dann nicht mehr, weil sie dort im Sterben lag.

Die beste Freundin meiner Mutter wurde 85 Jahre alt. Sie selbst ist 92. Meine Mutter geht es gerade recht gut. Erst vor zwei Monaten hatte sie eine schwere Lungenentzündung überstanden. Meine Mutter gehört zur Risikogruppe.

Risiko für was?

Um zu sterben.

Unseren Körper zu verlassen ist für manche eine Erlösung, für manche ein entspannter natürlicher Vorgang und für wieder andere eine große Sorge. Die Angst vor Schmerzen, vor dem was danach kommt, vor dem Kontrollverlust, vor dem ganzen Prozess des Abschiedsnehmens setzt nicht wenigen zu.

Was brauchen wir, wenn wir uns vor etwas fürchten?

Hilft es uns, wenn wir so tun, als gäbe es das nicht? Wird es uns besser gehen, wenn wir Erkenntnisse, die uns Angst machen, weit von uns wegschieben? Wird es uns später an Entscheidungskriterien mangeln, weil wir uns nicht darum gekümmert haben, was unsere Wahlmöglichkeiten sind?

Oder ist es nicht unterstützender, wenn wir uns erst einmal informieren, wie so ein Sterben denn eigentlich aussieht – mal abgesehen von den Krimis die wir so gerne lesen und die in Fernsehsendern und Serien zum üblichen Abendprogramm gehören? Produzieren wir deswegen soviele Krimis, weil wir uns dadurch von unserem eigenen Sterben ablenken können?

Es gibt viele wichtige Bücher über diese Zeit, in der wir dabei sind unseren Körper zu verlassen („Über das Sterben“ von Gian Domenico Borasio ist eines davon) und die über Fakten und über Erfahrungen des Sterbeprozesses informieren. Vielen fällt es wahrscheinlich leichter danach die eigene individuell passende Entscheidung zu treffen.

Ich habe gerade zu meiner Überraschung gelesen, dass nur 1/3 aller Menschen in Pflegeheimen eine Patientenverfügung haben. Man müsste meinen, dass man – falls man es noch kann – darüber nachgedacht hat, wie man das Ende des Lebens verbringen will.

Aber viele tun das offensichtlich nicht. Die Verdrängung in diesem Bereich ist enorm. Manchmal sind es Kleinkinder, die mehr über das Sterben wissen wollen und uns dazu bringen, uns mit dem Thema zu beschäftigen (mein Buch: Der klitzekleine Engel hilft beim Abschied). Wir sind so mit unserem Körper identifiziert – trotzdem er selten wirklich gut behandelt wird – dass wir nicht darüber nachdenken wollen, was denn bitte passiert, wenn wir ihn verlassen. Mein Leben ist für mich ohne die spirituelle Basis nicht vorstellbar und so beschäftige ich mich seit vielen Jahrzehnten mit dem Sterben. Ich finde es einen faszinierenden Prozess. Genauso faszinierend wie eine Geburt; was Sterben in meinen Augen auch ist. Als Seele bewege ich mich aus meinem menschlichen Körper hinaus in einen anderen Zustand. Wie ich mich aus dem einen in den anderen Zustand bewege, hängt davon ab, wie „wach“ ich bin.

Was heißt in diesem Zusammenhang „wach“?

Das heißt, dass wir uns nicht nur mit unserem Körper identifizieren. Dass wir nicht bis zum letzten Atemzug von Emotionen hin und her geschleudert wurden, sondern sie schon gemeistert haben. Nicht unterdrückt wohlgemerkt. Sondern gemeistert. Das ist etwas völlig anderes.

Wir haben ebenfalls erfahren, dass wir unser Leben selbst gestalten und wir haben es gestaltet: Zu einem friedlichen, entspannten, freudigen, gelassenen Sein. Wir wissen um unsere eigene Schöpferkraft und wir wissen auch, wie wir sie zum eigenen Wohl und zum Wohle der Wesen um uns herum einsetzen. Und wir wissen, dass wir in der Lage sind, aus unserem Körper elegant herauszugleiten.

Sterben ist kein Zustand, den wir weg beten, weg denken oder weg diskutieren können. Wir werden sterben. Das ist eine Tatsache. Und es ist eben auch eine Tatsache, dass wir in den meisten Fällen sehr wohl ein Wörtchen mitzureden haben, wie das denn vonstatten gehen wird.

Gerade jetzt, zu diesen Zeiten kann eine Erforschung dazu nützlich sein. Da dies nur eine Übung ist und wir wissen oder zumindest ahnen, dass unsere Gedanken unsere Realität erschaffen können, stellen wir uns während dieser kommenden Übung vor, dass über uns eine undurchdringliche Glocke sitzt, die dafür sorgt, dass die Gedanken sich nicht ausbreiten.

Stellen wir uns also vor, wir sind im letzten Teil unseres Lebens angekommen. Und wir haben uns mit Corona angesteckt. Es gibt einige Videos bei denen Ärzte, Krankenschwestern oder Pfleger*innen kranken Senioren mitteilen, dass es bei ihnen einen Coronaverdacht gibt (ich habe mir ein paar  davon angesehen) und dann gibt es jedes Mal mehr oder weniger folgenden Dialog … oder eher Monolog:

„Es sieht nach Corona aus. Sie müssen ins Krankenhaus.“

Und die Antwort darauf ist ein verschrecktes Nicken. Was wäre, wenn wir eine andere, eine wirkliche Frage gestellt bekommen würden:

„Sie haben Symptome die darauf hindeuten, dass sie mit Covid-19 infiziert sind. Da gibt es jetzt für Sie verschiedene Möglichkeiten und selbstverständlich haben Sie Zeit in Ruhe darüber nachzudenken. Wahl Nummer eins: Sie gehen ins Krankenhaus, weil Sie sich dort besser aufgehoben und betreut fühlen. Dort kann es sein, dass Sie in die Intensivstation – je nach Ihrem Zustand – gelegt werden. Sind Sie dort, können Sie keinen Besuch bekommen. Im normalen Krankenzimmer auch sehr wenig bis gar keinem. Es kann sein, dass wir Ihnen eine künstliche Beatmung vorschlagen. Dass heißt, dass wir Sie in ein künstliches Koma setzen, Sie mit einem Beatmungsgerät intubieren – also wie bei einer Operation narkotisiert werden – allerdings in diesem Fall nicht wie bei einer Operation ein paar Stunden sondern jetzt Tage, wenn nicht Wochen so liegen werden. Es kann sein, dass Sie sich wieder erholen und weiterleben können. Es kann aber auch sein, dass Sie Schäden davon tragen und es kann sein, dass Sie während oder anschließend daran sterben. Natürlich können Sie das auch ablehnen und wir können versuchen, Sie durch andere mildere Arten der Beatmung zu stabilisieren. Es kann aber sein, dass uns das nicht gelingt.

Sie haben noch eine weitere Wahl: Sie möchten nicht in ein Krankenhaus sondern lieber zuhause bleiben. Dort können Sie weiterhin betreut werden und von Ihren Liebsten besucht werden. Sie werden keine Schmerzen haben und auch nicht qualvoll ersticken, sondern wir sind in der Lage Ihren Körper schmerzfrei zu halten. Es kann sein, dass Sie an dem Corona Virus sterben, es kann aber auch sein, dass Sie sich wieder erholen. Das können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Das hängt vor Ihrem Zustand ab. Das sind Ihre Wahlmöglichkeiten.

Überlegen Sie sich bitte, was sie wählen möchten.“

Was würden wir wählen – am Ende unseres Lebens?

 

Wer hätte das gedacht? Ein Virus hat die Aufgabe übernommen, unsere Welt – wie wir sie bisher kennen – umzugestalten. Zu Hause bleiben. Abstand halten. Keine Restaurants und Reisen. Distanz statt Umarmung. Lächeln statt Händeschütteln. Unnötigen Kontakt vermeiden. Mehr Stille. Weniger machen.

Wir wurden zum Ausatmen nach Hause geschickt.

Diese Verlangsamung hat Folgen. Nicht nur wir spüren das, sondern auch unsere Natur. Weniger Umweltverschmutzung, weniger Lärm, weniger Verkehr, mehr Homeoffice, stillere Zeiten alleine – oder jetzt überraschend viel Zeit in engem Raum mit den Menschen verbringen, mit denen wir zusammenleben. Nachdenken zu den Themen Sterben und Leben, Gespräche über Solidarität und/oder freie Entscheidung. Ablenkung erwünscht oder lieber tiefes Erforschen? Was braucht der Körper (wirklich so viel Toilettenpapier?) und was brauchen wir an neuen Gewohnheiten? Wie groß ist meine Angst und warum genau? Nähe und Distanz, Zuhören und Einbringen. Mitmachen oder Ignorieren.

Gerade eben erhielt ich eine Email mit einer Bitte um Weiterleitung: Es geht um eine gemeinsame Meditation, damit der Virus „vollständig entfernt wird, alle infizierten Gebiete desinfiziert werden, alle Patienten geheilt werden, alle den Virus bestreffenden Ängste beseitigt werden und die Stabilität wieder hergestellt wird“.

Ich habe die Email nicht weitergeleitet – obwohl ich finde, dass normalerweise nicht genug meditiert wird – aber hier stimmt was für mich nicht. Es wird nicht meditiert, um in die Stille zu gehen und selbst zu erforschen, was diese Zeit in uns auslöst oder … auch löst. Dieser Aufruf ist für mich so, als würde jemand während einer Geburt rufen: „Halt! Das ist falsch! Zu viel das ich nicht einordnen kann, zu viel Schmerz, zu viel Unsicherheit! Halte die Beine zusammen und höre mit dem pressen auf! Lasst uns alles beseitigen und desinfizieren, damit es so wird wie vorher und die Stabilität wieder hergestellt wird!

Wollen wir wirklich das was war, wieder genauso herstellen?

Ich nehme an, wenn wir die Reisenden fragen, die irgendwo in der Weltgeschichte verteilt mehr oder weniger verzweifelt gerade nicht nach Hause kommen, sie würden mit „Ja“ antworten. Diejenigen die sich Sorgen machen, dass ihr Geschäft, Ihre Arbeit, ihre Karriere, ihr Betrieb nach diesem Carona-Zustand verloren ist, wahrscheinlich auch. Auch wahrscheinlich die, die krank sind, Angst haben es zu werden, um jemanden besorgt sind, der es schon ist oder um jemanden trauern. Ebenfalls Ärzt*innen, Krankenschwestern und Pfleger*innen, Supermarkt-Angestellte, Lieferant*innen, Polizist*innen, Lagerarbeiter*innen, Fahrer*innen (die Liste der „systemrelevanten“ Berufe ist lange) – bei denen von der verordneten Langsamkeit nun rein gar nichts angekommen ist, sondern die – im Gegenteil – noch mehr arbeiten und die sich nichts mehr wünschen, als dass das endlich vorbei ist.

Danke, dass Ihr für uns da seid.  Ohne Euch würde das nicht gehen. Ich hoffe sehr, dass wir verstanden haben und in Zukunft umsetzen werden, gerade diese Berufe besser zu entlohnen.

Stabilität. Sie beruhigt. Und doch braucht es zum Wachstum immer auch ein Durchschleudern. Ein Zustand, den wir gewohnt waren, wird auf die Probe gestellt. Jetzt. Gerade. Von uns … durch den Virus.

Es beginnen tiefere Prozesse: Wir verlieren gerade eine gewisse äußere Art der Stabilität (Normalität) und manche fühlen sich tief in sich so stabil wie noch nie. Sie wissen, dass das hier richtig ist. Es ist zwar noch nicht ganz klar, was genau passieren wird, aber es fühlt sich nicht falsch an.

Gedanken kommen auf, die gerne verdrängt werden: Kann ich daran sterben? Wird jemand, denn ich kenne, daran sterben? Sterben mehr Leute als normal? Was passiert, wenn ich sterbe? Will ich genau hinschauen, was das mit mir macht? Will ich mich ablenken oder lieber forschen? Meine Vorstellung vom Leben und Sterben ist häufig anders, als die meiner Mitmenschen. Für mich ist sterben nicht das Ende der Welt. Es ist so faszinierend wie eine Geburt. Ich schätze beides sehr. Kommen wir doch durch das Verlassen des Körpers wieder ganz in der Unendlichkeit an.

Als Gemeinschaft schauen wir uns weitere Themen an: Dieses Tempo das wir uns als Gesellschaft angewöhnt haben, ist das noch durchzuhalten? Müssen wir das durchhalten? Wie viel Arbeit ist denn eigentlich für mich passend? Wie viele Reisen? Wie bewegen wir uns in dieser Welt? Was sind die Spuren, die wir hinterlassen? Muss unsere Zuliefererkette wirklich so lange sein? Muss alles vom anderen Ende der Welt kommen? Wie war das noch mal mit dem regionalen Einkaufen? Ach, Homeoffice wird jetzt doch plötzlich erlaubt? Das klappt ja sogar erstaunlich gut. Man muss also doch nicht für jedes Meeting in den Flieger steigen. Bedingungsloses Grundeinkommen? Warum eigentlich nicht? Wäre nicht jetzt gerade dafür eine gute Zeit? Ist die Luft nicht besser geworden? Der Lärm nicht weniger? Das Wasser nicht klarer?

Wir besinnen uns zurück was zählt: Die eigene Stille. Intuition. Familie und Freunde. Zeit. Gesundheit. Wir erkennen wie wichtig Kontakt und Gemeinschaft ist. Wir beginnen wieder mehr zu schätzen, dass wir in einem funktionierenden System leben, dass um uns herum nicht zusammenbricht. Und doch braucht es Dinge, die zusammenbrechen, um sie Anders – gesünder und nachhaltiger – zu gestalten.

In meinem Umfeld reagieren alle ruhig und besonnen. Es gibt keine Panik. Manche halten die Anweisungen für übertrieben, andere für zu spät oder zu wenig. Beides darf sein.

Ich habe einige Freunde und Bekannte, die freiberuflich arbeiten oder kleine oder größere Firmen haben. Manche wollten schon lange „raus“ und sehen jetzt plötzlich eine Möglichkeit. Manche haben das Gefühl zum ersten Mal seit langem endlich mal wieder in Ruhe auszuatmen. Andere fühlen sich befreit vom Terminkalender. Dinge die man vorher „auf gar keinen Fall“ absagen konnte, muss man jetzt. Dort hin zu kommen ist nicht leicht: „Will ich wirklich das, was ich aufgebaut habe, loslassen?“

Bei einer Geburt gibt es keine Stabilität. Da gibt es Bewegung, Schmerzen, Pausen, Schwitzen, Bemühen, Überraschungen, Enge, Weite und alles dazwischen. Das, war wir hier erleben, lässt sich – meiner Meinung nach – mit einer Geburt vergleichen. Oder auch mit einem Reset.

Reset wird in meiner App nicht richtig übersetzt: Dort steht das deutsche Wort Zurücksetzen. Es ist kein „zurück“-setzen. Es ist eher ein Re-arrangieren, also ein Re-organisieren, ein Nochmal-neu-und-anders-beginnen. Ein Neu-Anfang.

Ich habe auch gerade einen persönlichen Reset hinter mir, der im letzten Sommer begann. Ein Reset vom „Sinn“ zu „Sein“. Von purpose zu beingness. Ich dachte lange, der Sinn bringt mich zum Sein. Sinn bedeutet auch ein Ziel zu haben. Sehnsüchte zu erfüllen. Machen. Erforschen. Wachsen. Teilen. Dann – so nahm ich an – komme ich mehr und mehr in das Sein.

In den letzten Monaten in Stille und Rückzug merkte ich, dass es genau anderes herum ist: Ich musste den „Sinn“ loslassen:

Wer ich glaube zu sein.

Was ich glaube machen zu müssen.

Wie ich glaube mich verhalten zu müssen.

Was ich glaube zu brauchen.

Was ich glaube zu wollen.

Um dorthin zu kommen musste ich im letzten Jahr vieles ändern und alles absagen: Weg mit den Aufgaben, weg mit dem Kalender, weg mit Terminen, To-do-Listen und Erledigungen. Weg damit „wichtig“ zu sein, gehört zu werden, um Rat gefragt zu werden. Weg mit dem Sinn, dem Ziel. Hinein in die Langsamkeit. Die Stille. Das freie Atmen. Nichts erreichen zu müssen und nichts erreichen zu wollen.

Weiter, ruhiger Freiraum entstand. Der erst entstehen kann, wenn das von uns bisher aufgebaute Leben mit den Wünschen, Zielen und Aufgaben sich auflöst.

Wir lassen den Sinn los und kommen im Sein an.

Erst dann – im Ankommen im Sein – in der es keinen Sinn, keine Aufgabe, kein Ziel, nicht einmal mehr Lebensfreude gibt – entsteht dieser Reset. Zuerst enorm irritierend. Die Lebensfreude zu verlieren erschüttert erst einmal. Das war ich nicht gewohnt. Wie ich auch die Langsamkeit nicht gewohnt war.

Danach erst kommt die Erleichterung. Denn dieser Reset lässt uns überprüfen ob das, was wir bisher gemacht haben, wir auch weiterhin machen wollen. Denn dann beginnt eine neue Zeitrechnung: Eine, die auf SEIN basiert. Auf ruhigem, wissenden, weiten Sein. Und wenn wir wollen, wenn wir hinschauen wollen, dann  betrifft das jede Einzelne, jeden Einzelnen von uns.

Wie wollen wir weitermachen? Nach Corona?

Auf diesem Planeten? Mit unseren Mitmenschen? Mit dem Traum einer Welt, den wir gemeinsam gestalten?

Einige werden sich wahrscheinlich wünschen, gleich da wieder weiterzumachen, wo sie aufgehört haben. Aber das wird nicht mehr möglich sein. Genauso wie wir nach der Geburt selbstständig Luft einatmen. Der Weg zurück ist nicht vorgesehen.

Wie also schauen wir, wie also erleben wir diese Zeit?

Ängstlich? Nervös? Panisch?

Dann ist es unsere Aufgabe uns selbst beruhigen zu lernen und auf die eigene Intuition zu hören.

Wütend? Meckernd? Schimpfend?

Dann ist es unsere Aufgabe, uns nicht mit der Realität anzulegen, sondern die Situation so anzunehmen,     wie sie ist.

Belehrend? Kontrollierend? Verurteilend?

Dann ist es unsere Aufgabe aufmerksame Gelassenheit zu üben.

Verständnislos? Abwertend? Ignorierend?

Dann ist es unsere Aufgabe Mitgefühl und gemeinschaftliches Handeln zu erforschen.

Neugierig, entspannt, hilfsbereit?

Dann es ist unsere Aufgabe uns davon nicht abhalten zu lassen und uns nicht von den Reaktionen der Anderen anstecken zu lassen.

Jede*r von uns geht mit dieser Zeit individuell verschieden um. In meinem Freundes- und Familienkreis gibt es so viele unterschiedliche Reaktionen wie es Persönlichkeiten gibt. So höre ich meistens nur zu, wenn jemand über die jetzige Zeit sprechen möchte. Falls ich gefragt werde, sage ich etwas.

Kurz. Sehr kurz.

Meistens werde ich nicht gefragt.

Wozu auch?

Es geht um das eigene innere Befragen – und das muss jede*r von uns selbst erforschen…

 

 

 

 

 

 

 

 

„Tut mir leid, dass ich Sie störe. Sie haben bestimmt viel zu tun …“. Die meisten von uns nicken – und hoffen, dass der oder die Fragende nicht noch einiges auf den eh schon vollen Terminkalender oder die To-do-Liste schaufeln will. Was wäre, wenn die Antwort lauten würde: „Nein, ich habe nicht viel zu tun. Ich habe alle Zeit der Welt.“ Was würden wir über die Person denken? Wie sie einordnen? Wie würden wir uns selbst fühlen „alle Zeit der Welt“ zu haben? Ängstlich, besorgt, befreit? Selbst wenn wir es uns für eine Weile leisten könnten, würden wir die Chance ergreifen? Oder gäbe es zuviele Bedenken, die uns davon zurück halten, Zeit mal wirklich „sein zu lassen“? Für einige ist „Alle Zeit der Welt“ eine Rentenversion, wenn die berufliche Tätigkeit erledigt, die Kinder aus dem Haus und der Hund an Altersschwäche gestorben ist. Die Zeit für Stille und Meditation – wenn sie überhaupt untergebracht wird – fühlt sich für viele wie ein erschöpftes Ausatmen an.

Zeit. Viele nehmen sie sich erst, wenn der Körper krank wird oder sie so unglücklich sind, dass sie die Notbremse ziehen. Das passiert dann, wenn die Wünsche unserer Seele lange unterdrückt oder ignoriert worden sind. Wenn der Körper sich nicht anders zu helfen wusste, als massiv darauf hinzuweisen, dass das Leben neben der Achtsamkeit auch freie Zeit braucht. Seit dreißig Jahren gebe meinem Leben und meinem Körper viel Achtsamkeit. Freie Zeit habe ich mir selten gegönnt. Es gibt ja Dinge zu erledigen. Die Welt zu heilen. Unterstützung sein. Mehr zu lernen. Mehr zu erfahren. Wacher zu werden. Und, wenn man wie ich, gerne alles „richtig“ machen will, braucht man dafür all die Zeit, die einem zur Verfügung steht. Doch im Sommer im letzten Jahr merkte ich, dass ich freie Zeit brauche. Trotz alledem was mein Verstand so als „wichtig“ einordnet. Sich mal zurückzuziehen. Zu schauen was passiert, wenn der Kalender nicht gefüllt ist und es keinen Erledigungsdruck mehr gibt. Ich musste dafür nicht krank werden – dafür bin ich mir dankbar – ich habe mir die Zeit genommen, weil ich den Seelenwunsch spürte: „Für diese Erfahrung ist es jetzt Zeit.“

Einfach war es trotzdem nicht.

Gewohnheiten sind aus einem guten Grund Gewohnheiten geworden: Wir machten etwas häufig und unsere Synapsen, die diese Gedanken und diese Wege vorgeschlagen haben, waren dadurch stark miteinander verknüpft. Jede Änderung ist eine Änderung des Systems. Und ein System zu ändern, ist selten einfach. Bis noch vor zwei Monaten war meine Antwort immer die gleiche auf die Frage, wie es mir geht mit dieser von mir jetzt gestalteten freien Zeit ohne Termine. Wie ich damit umgehe von einem vollen Leben in ein leeres zu wechseln. Wie das ist, die Bremse anzuziehen und von Aktion in den Rückzug zu wechseln. Meine Antwort darauf: „Jeden Morgen wache ich auf und habe das Gefühl ich schaue auf eine abgemähte Wiese. Alles ist abgeerntet. Nichts Neues wächst. Es ist einfach leer bis auf ein paar Stoppeln und ein paar Steinen und dann denke ich mir nicht wirklich begeistert: „Und was mache ich jetzt mit dem angebrochenen Tag?“ Und jedes Mal, wenn ich das erzählte, wurde ich noch genauer angeschaut. Wie meint sie das? Ist sie deprimiert? Angestrengt? Traurig? Bedauert sie es? Wenn ja, warum ändert sie es nicht? Klingt ja nicht toll. Passt auch irgendwie nicht zu ihr. Wie lange geht das denn noch? Warum macht sie das nochmal? Und: Wann wird sie damit aufhören?

Ich bemerkte den Blick und spürte, dass ich noch etwas hinzufügen sollte, damit mein Gegenüber sich keine weiteren Sorgen um mich macht: „Alles ist gut. Es ist nur ungewohnt. Das ist gerade mein jetziger Zustand und ich bin täglich mehr dabei, mich damit anzufreunden. Etwas ist vorbei und etwas Neues wird daraus entstehen. Da heißt es, so lange im Geburtskanal zu bleiben, bis ich eben … in ein neues Sein geboren werde.“ Und dann lächelte ich beruhigend und schaute ihr oder ihm zu, wie sie schnell zurückgingen in ihr volles Leben und ich lehnte mich wieder zurück und richtete mich in meinem leeren Leben langsam ein.

Aber war es denn leer? Es war leer von Terminen. Leer von all den Aktionen, die ich gewöhnt war. Natürlich gab es immer noch Sachen die ich machte: Meditieren, Duschen, Anziehen, Aufräumen, Kochen, Einkaufen, Yoga, Bodyblessing, Emails beantworten, zu Anfragen Nein sagen. Vieles hatte mehr Zeit bekommen. Meine täglichen zwei Meditationen wurden vier, fünf, sechs. Länger als üblich. Ich lag eingepackt in meiner Hängematte im Garten und hörte den Vögeln zu. Früher mal eine viertel Stunde, in diesem neuen Sein manchmal Stunden. Meine Spaziergänge waren länger. Die Zeit mit mir alleine war länger. Ich hatte mich an die Langsamkeit gewöhnt und sie vor allen Dingen zu schätzen gelernt – die Langsamkeit, die in meinem Leben bisher fast gar keine Rolle spielen durfte.

Die Langsamkeit wird in unserer Gesellschaft nicht geschätzt.

Ist jemand in der Schule langsam, wird er oder sie als doof abgestempelt. Denkt jemand länger über eine Sache nach, ist sie entscheidungsschwach. Braucht jemand länger bei einer Arbeit, kostet das unnötig Geld. Meine Synapsen waren auf „schnell“ trainiert. Jetzt gab es ein umtrainieren. Die Bildung neuer Synapsen, die nicht mehr in „schnell“ oder „langsam“ einteilen werden, sondern nur noch im Einspüren: Was wollen wir (Seele, Persönlichkeit, Körper) gerade SEIN?

Als ich meiner Seele und ihrer Aufforderung mich in die Stille zurückzuziehen folgte und das, was ich bisher gemacht habe erst einmal sein ließ, da hatte mein Verstand eine bestimmte Vorstellung wie diese kommende Zeit denn aussehen würde: Ich sah mich wieder mehr im Atelier bildhauern, vielleicht sogar wieder malen, mehr singen, mehr trommeln.

Nichts davon war passiert. Meine Kreativität machte ebenfalls Pause und obwohl ich „alle Zeit der Welt“ hatte, gab ich dafür keine Zeit her. Es fehlte mir schlichtweg der Impuls. Das irritierte mich. Verwunderte mich. In einem Anflug von „Also das gibt es doch nicht“ begann ich wieder Gitarrenunterricht zu nehmen. Ich übte auch … ab und zu … dann seltener … dann gar nicht mehr. Jedes Mal wenn ich daran dachte, die Gitarre in die Hand zu nehmen, zögerte ich und legte mich lieber in den Garten.

Ich schätze das Zögern. Früher – also ganz früher – war ich unendlich genervt davon. Das Zögern schien mich von etwas abzuhalten. Von etwas Tollem, Großen. Von Wünschen, die ich mir erfüllen wollte. Ziele, die es zu erreichen gab. Von einem Leben, dass da vor mir lag und mir endlich Erfüllung bringen sollte. Und so schimpfte ich mit dem Zögern und ignoriert es meistens und stürzte mich in Abenteuer und Liebesgeschichten, von denen mich mein Zögern bewahren wollte. Dann fing ich an auf das Zögern zu hören. So wie man endlich einem gereizten Menschen zuhört, damit er hoffentlich Ruhe gibt. Ich begann die Weisheit im Zögern zu erkennen und jetzt – wenn ich zögere – lasse ich alles erst einmal stehen und liegen und warte bis ich verstehe WESWEGEN ich zögere. Es gibt immer einen Grund! Selbst wenn ich ihn noch nicht weiß, so gebe ich dem Zögern Platz sich zu entfalten. Und deswegen legte ich die Gitarre wieder auf die Seite und ging in den Garten, oder spazieren und gewöhnte mich daran, dass das – was mich mal ausgemacht hat – gerade nicht mehr da ist.

Mir war das schon mal passiert. In meinen Wechseljahren („Kein fliegender Wechsel“- mein Buch zum Thema) vor knapp zehn Jahren und damals stürzte ich überraschenderweise in ein tiefes Loch. Doch dieses Mal stürzte ich nicht mehr. Ich glitt eher dahin. Es gab auch kein Loch, sondern eher eine … hm … tja, eine gemähte Wiese. Irgendetwas wird irgendwann mal wieder darauf wachsen. Das weiß ich. Und obwohl sich auf der Oberfläche noch nichts zeigt, so bewegt und wächst doch etwas Unsichtbares unten im Wurzelwerk und es wächst nicht schneller, wenn ich daran ziehe.

Und so wartete ich ab und warte noch. Beobachtete meine Freunde, die weiterhin ihr volles Leben haben. Schaute ihnen ab und zu sehnsüchtig hinterher, wenn sie ihren üppigen Terminkalender abarbeiten und genau wussten, wohin sie gehen und was sie zu tun haben.

Ich weiß nicht wohin ich gehe und ich weiß auch nicht, was ich zu tun haben werde. Ich weiß nur, ich werde wieder etwas haben, das mich begeistert. Je länger ich in dieser Stille bin, desto wohler fühle ich mich. Ich weiß es ist richtig. Ich weiß das gehört sich so. Jetzt. Zu diesem Zeitpunkt. Für mich und mein Leben. Es entsteht jetzt eine Gelassenheit mit diesem Zustand. Ich schätze ihn jetzt. Erfreue mich sogar häufiger daran. Und ich bin achtsam und aufmerksam und ich bewege mich nur vorsichtig vorwärts, denn die Vorboten von etwas Neuem zeigen sich schon. Ich singe wieder mehr. War auch schon einmal im Atelier mit einem Pinsel in der Hand. Ich suche gerade neue Vorhänge für mein Büro aus, wir planen eine neue Heizung und bei uns auf dem Land organisiere ich einen Infoabend für Carsharing und ich schreibe gerade diesen Blog.

Es bewegt sich was …

 

 

Vor einem Monat habe ich meinen letzten Workshop gegeben. „Der letzte für dieses Jahr?“ fragte mich ein Freund, nachdem er sich nach meinen Plänen erkundigte.

„Erst einmal der letzte“, antwortete ich.

Er schaute verwirrt. „Du meinst für dieses Jahr, nicht wahr?“ Sein Blick erforschte mein Gesicht. Er weiß, dass ich nicht vorhabe, mich in den Ruhestand zu begeben – aber was soll er mit dieser Aussage anfangen?

Ich zögerte mit der Antwort und so wiederholte ich mich nur. Was soll ich auch sonst sagen? Ich weiß nicht, ob ich nicht doch wieder diesen inneren Drang nach Vorträgen und Workshops verspüre. Zur Zeit erspüre ich einen anderen inneren Drang: Meinen Kalender frei zu halten. In die Stille zu gehen. Rückzug.

Einen Kalender freizuhalten, bedeutet häufig Nein zu sagen. Jedes Nein ist auch eine Enttäuschung für jemanden, der möchte, dass ich etwas mache: Einen Kongress. Einen Vortrag. Einen Workshop. Einen Artikel.

Kein Nein ist wie das Andere.

Da gibt es zögerliche Neins. Klare Neins. Lachende Neins. Verwirrte Neins. Neins, die mit einem inneren Diskurs, ja sogar manchmal Kampf ausgefochten werden. „Du kannst doch dazu nicht nein sagen! Dein neues Buch über Trennungen und Beziehungen ist gerade rausgekommen. Da müssen die Leute erst einmal wissen, dass es das gibt. Wenn Du sagst, Du ziehst Dich zurück, dann entziehst Du ihm Kraft!“

Die diversen inneren Stimmen unterhalten sich miteinander – oft ringen sie auch und gemeinsam erforschen wir die Sorge dahinter. Es gibt ja auch eine Art Verpflichtung ein Buch, das man geschrieben hat, auch zu bewerben. Nicht nur dem Verlag gegenüber, sondern auch sich selbst gegenüber. Ich möchte meinen Büchern keine Kraft entziehen – aber tue ich das wirklich, wenn ich keine weitere Zeit einbringe? Ich habe das Buch doch schon geschrieben. Da steckt neben der Lebenserfahrung auch jede Menge Lebenskraft drin.

Kann es sich nicht entwickeln, nur durch die Empfehlungen von Leser*Innen? Muss ich marktschreierisch, instagrampostend, facebookwerbend „Wenn wir uns trennen, lernen wir uns kennen“ anpreisen? Auch auf diesem Blog verlinke ich es. Das ist kein Automatismus, sondern ich muss mich immer wieder daran erinnern: Das macht man so, damit Leute überhaupt wissen, dass es etwas gibt und es schnell zu finden ist.

Ja? Macht man das so?

Der Social Media Hype wird immer intensiver, so scheint es mir. Erst vor kurzem las ich in einer Verlagsbroschüre – die zum Ziel hat, Buchhändler zum Bestellen zu bewegen – neben jedem Autor und jeder Autorin deren Social-Media-Währung: „Xtausend Followers!!!“ – „Mit erfolgreichem Podcast“ – „Stetig wachsend!!!“

Stetig wachsend…

Dieses „stetig wachsend“ muss gefüttert werden. Ich möchte aber nicht „müssen“. Ich gebe lieber freiwillig und mit Freude. Deshalb hat mein Instagram Account auch viele große Lücken. Mein Wissen ist nicht visuell. Jede spirituelle Aussage braucht dann ein Foto. Das heißt einen knappen Text, der schön gestaltet auf irgendeiner visuellen Aussage sitzen muss. Das ist zeitintensiv. Mir wird immer mal wieder erklärt, was es an Marketing braucht („Man muss etwas drei Mal bekommen haben, bis man sich entscheidet etwas zu tun“) Muss ich, will ich jemanden wirklich drei Mal anstupsen? Erinnere ich nur, oder störe ich schon?

Beim Einspüren – alleine schon wenn ich das schreibe – zeigt mein Körper eine Verkrampfung. Das ist ein Zeichen von Hektik. Hektik hat immer etwas mit Geschwindigkeit zu tun: Etwas ist dringend! Es muss schnell gehen!

Das ist nicht die Energie, die ich in meinem Sein mit mir herumschleppe und ich sorge immer wieder dafür, dass sie sich nicht in mir ausbreitet. Hektik war früher eine Angewohnheit – oder wohl eher mein Zustand – , den ich mir mit viel Aufmerksamkeit und Übung abgewöhnt habe. Wenn wir die Hektik bewusst wahrnehmen, dann ist das ein wundervolles klares Zeichen, an dem wir erkennen können, dass hier unser Ego (also unsere menschliche Persönlichkeit) gerade die Zügel in der Hand hat – und nicht unsere Seele.

Social Media hat eine Beschleunigung angeregt. Wir werden zu einem Hype hin manipuliert. Alles muss schnell gehen, sofort sein: Schließlich geht es um nichts Geringeres als die Rettung der Welt. Unseres Lebensraums. Der Natur. Hier unterschreiben. Da demonstrieren. Dort was ändern. Auch ich demonstriere mit. Unterschreibe mit. Rede mit. Da ist nichts Falsches dran, so lange es nicht zu dieser inneren Panik führt, die uns deprimiert und uns an unseren Mitmenschen verzweifeln lässt. Es braucht ein genaues Hinschauen, was mit unserem eigenen Wohlgefühl, mit unserem eigenen Sein durch diese Art von Energie passiert. Wir haben uns eine Schnelligkeit angewöhnt, uns diesem Hype schon angepasst, der sich mittlerweile für viele schon gänzlich „normal“ anfühlt.

Seit Jahren werden uns Produkte und Wege vorgestellt, die uns „Zeit sparen“ lassen: Waschmaschine, Trockner, Geschirrspülmaschine. Internet, Handys, Apps. Staubsaugerroboter, E-Scooter, Amazon. Und ja, oft haben wir wirklich das Gefühl Zeit zu sparen. Doch was machen wir mit der „gesparten“ Zeit? Sitzen wir warm eingemümmelt draußen und beobachten die Vögel? Verbringen wir in Muse Zeit mit uns selbst oder Menschen, die uns nahe stehen? Meditieren wir? Genießen wir die freie, gesparte Zeit? Haben wir sie überhaupt?

Es sieht nicht so aus. Stattdessen füllen wir unsere Tage mit MEHR auf: Mehr Aktion. Mehr Aufgaben. Noch mehr „zeitersparende“ Wege. Ja, vieles braucht unsere Zeit, um unseren Lebensunterhalt zu sichern.

Vieles aber auch nicht.

Es scheint mir, dass unsere Zeit Verteidigung braucht.

Ich habe mir ein Leben in Ruhe erschaffen und dafür bin ich mir selbst dankbar. Und doch ist die alte Gewohnheit – die Schnelligkeit – nicht komplett aus meinem System. Wenn ich mir Zeit nehme – wirklich Zeit nehme – wird einer meiner inneren Aspekte nervös. Sehr nervös. So, als ob ich etwas falsch machen würde und faul wäre. Faul sein ist so ziemlich das Schlimmste für diesen inneren Aspekt und das will dieser unter allen Umständen verhindern. Er ist darauf programmiert etwas zu reparieren, zu entscheiden, zu regeln – „give-me-something-to-FIX“ also: „Gib mir ein Problem und ich löse es.“ (Natürlich am liebsten … schnell ;-) Deshalb gewöhne ich mir mehr und mehr die Langsamkeit an. Doch die Schnelligkeit ist hartnäckig. Ich esse immer noch zu schnell. Denke schnell. Organisiere schnell. Räume schnell auf. Manchmal mache ich sogar Yoga schnell.

Schnelligkeit ist ein Aspekt der in der Nähe von Hektik lebt.

Schnelligkeit wird „schnell“ zur Hektik. Wenn sie unser Leben bestimmt, dann erkennen wir, das wir unsere Seelenruhe – den natürlichen Zustand unseres Seins – verloren haben. Natürlich können wir schnell mal einem Zug hinterherlaufen. Da ist „schnell“ auch nützlich. Aber wenn Hektik unser Zustand wird, dann schicken wir unseren Körper konstant in eine Panik. Und in Panik – das wissen wir – kann ein Körper weder heilen, noch sich entspannen, geschweige denn wohlfühlen.

Das gilt es aufmerksam zu beobachten und notfalls die Bremse zu ziehen.

Zeit.

Eine Zeit mit mehr Zeit: Langsamer Zeit, flüssiger Zeit, der Erforschung der Zeit. Immer wenn ich schnell werde, fordere ich mich – wie eine rote Ampel – zum stehenbleiben auf: HALT! Atme. Bewege dich nicht. Sei stiller, sanfter, ruhiger und … bleibe langsam.

Zeit… wir alle formen unsere Zeit.

Formst Du die Zeit so, wie Du sie erleben möchtest?

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe. Was ist das eigentlich? Wieso scheint sie bei manchen zu klappen und wieder andere haben kein „Glück“? Wieso kann Liebe so viel Schmerzen verursachen? Warum fühlen wir manchmal, dass wir nicht genug bekommen? Und wieso fürchten wir, ohne Liebe zu sein?

Der Wunsch nach Engeln ist oft auch der Wunsch endlich tiefe Liebe zu erspüren und sie auf ewig zu behalten. Doch wir selbst haben wahrscheinlich schon erlebt, das die Liebe anscheinend schwankt. Manchmal lieben wir, manchmal nicht. Manchmal scheint sie Bestand zu haben, manchmal zu verschwinden. Und Liebe schmerzt: Fast jeder von uns hatte schon mal Liebeskummer und fragte sich, ob das Herz wohl wieder heilen wird.

Wozu also das alles?

Die Liebe dient unserem Wachstum. Wir sind hier um aufzuwachen, um wach zu werden. Was heißt das? Wir sind eine Seele, die eine menschliche Erfahrung macht. Wie ein Kinobesucher können wir entweder uns im Film unseres Lebens verlieren oder bei allem Drama auf der Leinwand immer noch wissen, dass wir im Kino sitzen. Wir erkennen also, dass wir mehr sind, als unsere Persönlichkeit. Unser Sein ist unendlich und so den Engeln ähnlich. Je klarer wir das erkennen, desto weniger Dramen werden wir in unserem Leben haben. Beziehungsweile wir lernen, wie wir ein auftauchendes dramatische Ereignis beruhigen können. Bis sie sich schließlich ganz auflösen. Wodurch? Durch unsere Selbsterkenntnis und Aufmerksamkeit. Wir lernen ein für uns erfolgreiches Leben ohne Bedauern zu führen. Und wo können wir das üben? In Beziehungen – und eben auch in Trennungen.

Das spirituelle Erwachen beginnt meistens mit einer Krise. Wir schauen uns unser Leben an und denken: „Das muss doch irgendwie besser gehen?“ oder „Warum passiert mir das schon wieder?“ Dann beginnen wir zu forschen. Wir entdecken Meditation und Stille als Mittel unseren Verstand zu beruhigen. Wir merken, dass wir uns verändern können und uns selbst ein anderes Leben erschaffen können. Wir schauen uns unsere Beziehungen an und beginnen dort „aufzuräumen“. Überhaupt nimmt das Aufräumen uns für eine Weile ziemlich in Anspruch: Wir räumen unsere Gedanken, unser Leben und unser Selbstbild auf. Bin ich wirklich so, wie ich mich zeige? Wo habe ich mich angepasst? Wo habe ich vergessen, mich um mich selbst zu kümmern? Habe ich mich im Leben der Anderen verloren? Was sind eigentlich meine Wünsche? Wie will ich mein tägliches Sein gestalten?

Gerade in einer Zweierbeziehung ist es leicht sich im Leben des Anderen, der Anderen zu verlieren. Es gibt vieles, von dem wir glauben es „aus Liebe“ zu tun. Bis wir merken, dass wir vergessen haben, auf uns selbst zu achten. Einige leben in Beziehungen, in denen sie sich schlecht und respektlos behandelt lassen.

Wenn es keinen Respekt gibt, dann gibt es auch keine Liebe.

Jetzt geht es darum, sich aus solch einer Beziehung zu befreien, statt darum zu beten, dass sich der Andere ändert. Der Andere ändert sich nur, wenn er sich aktiv um eine Veränderung bemüht. Da hilft kein Gebet. Jeder trifft seine eigenen Wachstumsentscheidungen – oder eben nicht. Wenn wir das erkennen, braucht es eine Entscheidung FÜR UNS. Deshalb sagte Jesus auch, dass wir „gehen sollen, wenn wir nicht angenommen werden und den Staub von unseren Füßen wischen“. (*Die Bibel und auch dieser Ausspruch im Matthäus 10:14 Evangelium hat viele Interpretationsmöglichkeiten und das ist meine.)

Ein wichtiger Punkt des Aufwachens ist die Erkenntnis „wer bin ich?“ und „was brauche ich?“. Das wird oft Egoismus genannt. Und egoistisch wollen wir nicht sein. Wie alles hat auch der Egoismus zwei Seiten.
Seine eigenen Interessen durchzusetzen, ist nicht zwangsläufig schlecht. Manche werfen uns Egoismus vor, weil wir dann nicht mehr tun, was sie von uns wollen. Ich kann Rücksicht nehmen, in dem ich mich liebevoll und wach mitteile – aber das heißt nicht, dass ich auch mache, was andere von mir wollen und damit meine Interessen wieder zurücknehme. Damit verliere ich mich selbst und ordne mich unter. Wenn ich allerdings egomanisch durch die Welt schreite und alles an mich reiße, was nicht bei drei auf einem Baum ist, jeden anderen abfällig betrachte, dann ist das ein ungesunder Egoismus, der aus der Gier entstanden ist und von Wachsein noch weit entfernt ist.

Wenn wir uns verlieben, zeigen wir uns wie wir gerne wären. Wenn wir uns trennen, zeigen wir uns, wie wir sind.

Gerade Trennungen zeigen uns genau, in welchem Stadium des „Wachseins“ wir uns aufhalten. Glaube ich, dass ich großzügig bin, streite mich aber gerade bis aufs Messer um ein altes Klavier? Halte ich mich für mitfühlend und versuche gerade dem Vater die Kinder zu entziehen? Wünsche ich mir Frieden für alle Menschen, aber rede gerade abfällig über den ehemaligen Partner? Habe ich Angst vor der Zukunft und versuche gerade möglichst viel an mich zu reißen?

Manchmal vergessen wir auch, dass jede und jeder von uns das Recht hat sich für oder gegen eine Beziehung zu entscheiden. Wie sehr leidet mein Selbstwertgefühl darunter? Und … hängt mein Selbstwertgefühl nur damit zusammen, ob ich von anderen geliebt bzw. bevorzugt werde? Und: Kann ich mir die LIebe, die ich mir von Anderen wünsche, auch selbst geben?

Know yourself to free yourself.

Erkenne Dich selbst und befreie Dich selbst. Gefühle zeigen uns unseren Zustand. Die meisten von uns versuchen, ein unangenehmes Gefühl irgendwie loszuwerden. Das klappt aber nicht. Wachsein bedeutet sie zur Kenntnis zu nehmen: „Ah, hier werde ich zornig. Warum fühle ich das und was hat es ausgelöst?“ Damit wächst unsere Selbsterkenntnis. Gerade in Trennung gibt es viele Möglichkeiten unsere Gefühle zu betrachten und zu verstehen.

Auch wenn wir beschließen, nicht mehr als Paar oder als Familie zusammen zu leben, so können wir doch weiterhin in Liebe und Freundschaft miteinander verbunden sein. Es wäre doch schade jemanden aufzugeben, den man lange und wirklich intensiv kennt.

Jede Trennung ist eben auch ein Geschenk. Sie zeigt uns ob wir das, was wir wissen, auch wirklich umsetzen können. Und sie zeigt uns den Grad unserer Selbstliebe.

Liebe in unserem Leben zu erkennen, ist manchmal nicht ganz einfach, denn wir glauben, sie müsse sich anders anfühlen. als es tatsächlich der Fall ist. Wir verwechseln das Gefühl des Verliebtseins mit dem Liebesgefühl.

Das Liebesgefühl ist angenehm statt anstrengend. Es ist gelassen. Es hat dieses dankbare, leichte Sein. Es ist nicht laut, sondern leise. Und ja, es ist nicht aufregend.
Das ist nicht die Aufgabe der Liebe: Die Liebe beruhigt und entspannt.

Buch zum Thema: „Wenn wir uns trennen, lernen wir uns kennen.“ – Ein Beziehungsbuch