Vorgestern war der 25. November: Der Tag, um offiziell darauf aufmerksam zu machen, wieviele Frauen Gewalt erleben. Mein Vater war Alkoholiker und die Gefahr von Gewalt – und der gelegentliche Ausbruch – erschütterte mich in meiner Kindheit. Als ich meine Mutter bat, sich doch bitte scheiden zu lassen (wie alt ich war, weiß ich nicht mehr genau – aber nicht älter als 7 oder 8 Jahre), sagte sie mir unter Tränen: „Aber ich liebe ihn doch!“ – Und blieb. Und damit blieben auch wir drei Mädchen. Damals dachte ich mir:

Wenn das Liebe ist, dann will ich das nicht.

Jahre später machte ich mich daran, meine Wunden darüber zu heilen. Und das ist mir gelungen. Ich konnte meinem Vater verzeihen und ich verstand die Angst, die meine Mutter lähmte. Doch erst als ich selbst Mutter wurde, gab es Momente der Erschütterung und die vorher so klare Einordnung Mama-gut-Papa-böse hielt plötzlich nicht mehr. Ich erinnerte mich daran, wie oft ich meine Mutter schützen wollte und erkannte, dass sie uns hätte schützen sollen. Sie war die Erwachsene. Wir die Kinder.

So begann ein weiteres Erforschen. Wie kam meine Mutter in solch einen Zustand? Wie kommen Frauen in solche Zustände? Warum trauen wir uns nicht mehr uns zu trennen (Mein letztes Buch „Wenn wir uns trennen, lernen wir uns kennen“ ist das späte Ergebnis meiner Erforschung über viele Aspekte in Beziehungen).

Wie kommt zur Liebe die Gewalt?

Natürlich verstand ich, dass es zu der damaligen Zeit kaum Unterstützung gab. Was in einer Ehe geschah – nicht einmal die Polizei konnte/wollte helfen. Es wurde als „Familienproblem“ behandelt – und nicht als ein Öffentliches. Doch Gewalt ist immer ein öffentliches Problem. Ich verstand, dass meine Mutter keine Hilfe fand. Paare sollten sich nicht trennen, Familien nicht „zerstört“ werden, Geschiedene waren in der katholischen Kirche geächtet und der Eindruck nach Außen musste gewahrt werden („Was würden die Nachbarn sagen?“).  Zusätzlich – in der Generation meiner Mutter – gab es durch den Krieg einen Männermangel. Einmal geschieden … da kommt vielleicht kein Mann mehr nach. Auch das machte Angst.

Männer wurden damals so erzogen, dass sie Gefühle nicht aussprechen sollten. Ein harter Mann wurde nicht selten bewundert. Mein Vater war als junger Mann (16jährig) im Krieg. Darüber sprach er nie. Im Nachhinein wurde mir klar, dass ich meinen Vater eigentlich überhaupt nicht kannte. Wir führten selbst als Erwachsene kein einziges Mal ein wirkliches Gespräch. Ich wusst nichts von dem, was ihn innerlich beschäftigte. Er starb mit Sechzig. Durch einige Schlaganfälle halbseitig gelähmt, Bein amputiert, von meiner Mutter über lange Jahre aufopfernd gepflegt.

Damals wurden Alkoholismus und die Folgen nicht besprochen. Psychische Krankheiten? Therapien? Nur was für Schwächlinge. Doch die Stimmung hat sich geändert. Es ist nicht mehr anrüchig sich Hilfe zu holen. Die meist verbreitete Berufsgruppe sind wahrscheinlich Coaches. Das was früher nur für SportlerInnen selbstverständlich war, dehnt sich auch in andere Ebenen aus. Erst jetzt verstehen wir, wieviel Mut es braucht, sich selbst und das eigene Benehmen genau zu betrachten: Was fällt mir schwer, was leicht? Warum reagiere ich, wie ich reagiere? Warum gelingt es mir nicht, mich selbst zu beruhigen? Welche (ungesunden) Vorbilder beeinflussten mich? Welche Erlebnisse haben mich (meistens in der Kindheit) so geprägt, dass ich mit Wut und Gewalt oder mit Unterwerfung und Opferbereitschaft reagiere?  Warum gehe ich nicht, wenn mir die Beziehung nicht gut tut? Wo fehlt es mir an Selbstliebe? Welcher Aspekt in mir ist so daran gewöhnt, als Opfer gesehen zu werden, das ich gar nicht weiß wie das ohne geht? Warum gehe ich immer wieder zurück? Was glaube ich eigentlich, was Liebe ist?

Liebe ist nicht nur ein Gefühl. Liebe ist ein Benehmen.

Wir erkennen durch Wärme, Aufmerksamkeit, Herzlichkeit, Verständnis und Großzügigkeit dass wir geliebt werden. Wenn uns hingegen jemand Gewalt antut, dann will er/sie uns kontrollieren. Das ist etwas anders. Es hat auch einen anderen Namen: Kontrolle. Macht. Liebe fühlt sich anders an: Sie beruhigt. Gibt uns Sicherheit. Wärme.

Gewalt macht uns ängstlich. Lässt uns zittern. Wir sind in Sorge. Das ist nicht Liebe. Das ist Drama.

Gewalt ist nicht zwangsläufig häufiges, regelmässiges Schlagen. So war es bei uns als Kinder auch nicht. Es war aber die konstante Angst, dass etwas passieren könnte. Wie war seine Stimmung, wenn er nach Hause kam? Wir wussten, wie schnell sie sich ändern konnte. Ich fühlte mich zuhause nicht sicher. Es war sicherer, wenn er nicht da war. Das Schlüsselgeräusch mit dem er Nachts die Wohnungstür aufschloss, verriet es schon. Wurde das Schlüsselloch sofort gefunden oder dauert es? Je länger es dauerte, desto gefährlicher wurde es. Selbst wenn wir schliefen – oder so taten als ob – lag es an dem Grad seiner Müdigkeit, oder dem Grad seines Zorns was als nächstes passierte.

Gewalt ist eben auch ein konstantes Gefühl der Bedrohung. Unser Körper ist in einem Dauerstress und dazu nicht gemacht. Früher oder später kann er diesem Bombardement nicht mehr standhalten. Der Körper kann nur im Ruhemodus heilen. Dauerstress macht uns krank.

Es hieß damals „mir ist die Hand ausgerutscht“. So als ob die Hand mit dem Rest des Körpers nichts zu tun hat. Oder „der Watschenbaum“ war umgefallen. Und irgendwie wurde dabei auch unterstellt, dass „jemand anderer“ Schuld ist. „Man“ wurde eben dazu genötigt. Hätten sich die Frau/das Kind „richtig“ verhalten, etwas „richtig“ gemacht – dann wäre das auch nicht passiert. Die Entschuldigung danach (die am Anfang noch vorkommt) und das Versprechen es nie wieder zu tun, klingen für viele PartnerInnen zu verlockend, so hoffen sie weiter. Aber spätestens beim zweiten Mal ahnt man, dass das jetzt so weiter gehen wird. So werden die blauen Flecken versteckt. Die Schmerzen unterdrückt. Und derjenige der schlägt, wird damit gedeckt und denkt: „So schlimm kann es ja nicht sein. Sonst würde sie ja gehen.“ Gleichzeitig wird ihr weiter eingebläut, dass sie zu dumm, zu wertlos, zu hässlich, zu idiotisch sei, um anders behandelt zu werden. Bis sie es selber glaubt…

Beziehungen sind Seelenhausaufgaben.

Als Seele, die hier eine menschliche Erfahrung macht, lernen wir am meisten in Beziehungen. Dort erkennen wir auch den Grad unserer Selbstliebe. Wieviel Respekt erfahre ich? Wieviel Respekt kann ich geben? Wie gelingt mir das Zuhören? Wie offen kann ich mich mitteilen? Erlaube ich Nähe? Bin ich bereit alte Wunden zu heilen?

Ich glaube fest daran, dass wir Altes heilen können. Es liegt an unserer Entscheidung, dass zu tun. Der Weg ist nicht leicht – aber erfüllend. Dass ich jetzt eine gesunde und wache Beziehung mit meinem Liebsten lebe, gelingt uns deswegen, weil wir beide in unserer Vergangenheit aufgeräumt haben. Und das sehe ich bei vielen Paaren immer und immer wieder: Eine gegenseitige Bereitschaft zur Lösung der Probleme ist der Wegweiser zu einer leichteren und liebevolleren Beziehung. Und die beginnt in erster Linie bei uns selbst. Erst dann, wenn wir uns selbst lieben und schätzen und es schlichtweg nicht erlauben, dass wir schlecht behandelt werden, sind wir ein Beispiel für unsere Kinder. Denn diese werden davon geprägt, was wir ihnen zeigen …

Jede*r von uns kommt mit ihren/seinen eigenen Seelenhausaufgaben in dieses Leben. Und vor allen Dingen mit der Möglichkeit sie erfolgreich zu lösen. Das ist nicht einfach. Deshalb sind es ja Seelenhausaufgaben. Wir haben sie deswegen, weil wir etwas erforschen wollen. Wir wollen etwas über uns und über unsere Mitmenschen verstehen. Und dazu braucht es ein ehrliches Betrachten.

Wenn ich nach meiner Meinung gefragt werde, dann befürchte ich manchmal, dass meine Antwort zu hart oder als von mir nicht mitfühlend aufgenommen wird. Ich mache mir darüber Gedanken, dass meine Antworten zu wenig in Watte gepackt sind, obwohl ich mich bemühe sehr aufmerksam mit meiner Wortwahl zu sein.  Erstaunlicherweise bekomme ich das nicht gespiegelt. Im Gegenteil. Ich höre von einer Erleichterung, dass endlich mal „der Elefant im Raum“ auch so benannt wird. Denn: Meine Gesprächspartnerin, mein Gesprächspartner wusste das selbst schon lange und ist erleichtert darüber, es endlich auch von außen zu hören.

Es ist unsere Wahl wie wir leben. Und TROTZ unserer eigenen Ängste und Sorgen haben wir die Möglichkeit ein Leben zu gestalten, in dem wir uns wohlfühlen. Oft sind es unsere Gedanken, die uns davon abhalten. Wenn wir die Welt und unsere Mitmenschen als dumm und herzlos wahrnehmen – dann zeigt sich das Außen so, wie wir uns es vorstellen. Wenn wir unsere Mitmenschen aber als ebenso bemüht erkennen, wie wir es sind, dann öffnet sich der Platz für ein weites Feld voller Verständnis. Dazu wird uns unser Herz den Weg weisen – wenn wir es erlauben.

Das Zuhause – ein sicherer Ort?

Gerade in den Corona-Zeiten, in denen wir zuhause bleiben sollen, ist für viele das Zuhause kein Ort des Friedens. Die Enge, die Angst, die Unsicherheit über die Zukunft – all das erschafft mehr Stress, mehr Druck und leider oft auch mehr Gewalt. Ich habe von einer Mutter gehört, die gesagt hat: „Bis zu Corona war ich fünf, sechs Stunden am Tag für ihn ein Idiot und wurde schlecht behandelt. Jetzt bin ich es die ganze Zeit, denn er ist im homeoffice. Ich hatte bisher immer gedacht, es kann nicht schlimmer werden. Aber es wurde schlimmer. Ich weiß jetzt, dass es an mir liegt, für unsere Kinder ein friedliches Zuhause zu erschaffen.“ Sie hat sich Hilfe geholt. Deshalb gibt es hier in diesem Blog eine Telefonnummer: 08000 116 016.

Liebe braucht Übung. Braucht Klarheit. Braucht Wahrheit. Braucht ein Bewusstsein über den Unterschied von kindlicher, erwachsener und wacher Liebe (Hier ein link zu einem Youtube Video dazu). Erst dann können wir erschaffen, was wir uns wünschen: In dem wir verstehen, was uns daran hindert …

 

 

 

 

 

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